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Etwa 100 Zuschauer waren live in der Marthabräuhalle dabei, als der BR am Mittwochabend mit seiner Sendung "Jetzt red i" zu Gast war.  

Livesendung aus der Marthabräuhalle

"Jetzt red i": Lahme Debatte mit stressigem Ende

Fürstenfeldbruck - Kein geringerer als Innenminister Joachim Herrmann war am Mittwochabend in der Marthabräuhalle zu Gast. Im Rahmen der BR-Sendung „Jetzt red i“ konnten ihm die Brucker Fragen zum Thema Sicherheit im Freistaat stellen. Vernünftige Antworten bekamen sie aber nicht.

Wenn man den Worten von Innenminister Herrmann Glauben schenken will, dann läuft’s bei uns in Bayern in Sachen innere Sicherheit sowieso schon optimal. Denn jedes Mal, als jemand im Publikum das Wort ergriff und erzählte, dass er sich im Alltag ängstigt – sei es wegen osteuropäischer Diebesbanden, pöbelnder Flüchtlingen oder rechtsradikaler Terroristen – dann winkte Herrmann ab und sprach davon, wie viel man bereits in den vergangenen Jahren gegen diese Gruppierungen tun würde und wie stark etwaige Präventionsprogramme seien. Im letzten Satz seiner Antworten fügte er dann immer noch an: „Aber man muss da natürlich weiter dran arbeiten.“

Ja, konkret waren die Antworten nicht, die der Innenminister am Mittwochabend in der Marthabräuhalle ins Mikrophon sagte. Er und Kollegin Katharina Schulze von den Grünen befanden sich zwar physisch in Bruck, gedanklich aber offenbar nicht. Denn sie gingen kaum auf die ortsspezifischen Probleme der Bürger ein. Da waren zum Beispiel mehrere Bruckerinnen, die erzählten, dass sie in der Nähe des Erstaufnahmelagers am Fliegerhorst wohnen und sich neuerdings nicht mehr sicher fühlen, wenn sie abends vor die Haustüre zum joggen gehen wollen.

„Ich bin schon mehrmals angequatscht worden. Ich habe auch schon obszöne Gesten gesehen“, erzählte eine der Frauen. Es seien immer Asylbewerber gewesen, sagte sie auf Nachfrage von Moderator Tillmann Schöberl. „Es sind aber nicht nur die Flüchtlinge“, sagte eine andere Bruckerin. Es gebe auch böse Ehemänner. Sie jedenfalls sei zu unsportlich, um vor Angreifern davon zu laufen. Das mache ihr Angst.

Eine dritte berichtete: „Auch ich wohne in der Nähe des Fliegerhorsts. Bislang habe ich mich dort sehr sicher gefühlt.“ In den vergangenen eineinhalb Jahren habe sich das aber geändert. „Ich habe ein Pfefferspray“, sagte sie. Grundsätzlich fühle sie sich zwar von der Polizei geschützt, dennoch könnten die Beamten präsenter sein. Und wenn das personell nicht hinhaue, dann „sollten wir in Bruck wegen der Erstaufnahmeeinrichtung mehr Polizisten kriegen“, forderte sie vom Innenminister.

Zunächst probierte Herrmann mit Fakten zu kontern: „Die Zahl von Körperverletzungsdelikten ist gesunken.“ Dann schob er hinterher: „Köln war in Köln. Nicht in München.“ Er könne zwar nicht ausschließen, dass sich so ein Mob nicht auch bei uns bildet. „Aber ich kann ausschließen, dass es bei uns so lange dauert, bis die Polizei so eine Situation im Griff hat.“ Zum Thema Polizeiverstärkung hatte er weitere Zahlen parat: „Wir haben bereits über zweieinhalb Tausend weitere Stellen geschaffen.“ Und man verstärke die Polizei im Freistaat weiter, so der Innenminister. „Aber das so viele Flüchtlinge kommen, hatten wir nicht auf dem Plan“, war seine nächste Erklärung.

„Personal hatten wir noch nie zu viel“, warf Alexander Weggartner von der Gewerkschaft der Polizei in die Diskussion ein. „In den letzten Jahren sind vor allem wir unten an der Basis immer weniger geworden. Meine Kollegen draußen sind am Limit. Die können nicht mehr.“ Es müsse sich was ändern. „Und der Innenminister wird nicht müde zu sagen, dass wir aufrüsten.“ Wohin das Personal, von dem Herrmann spricht, hinkomme, wisse Weggartner nicht.

„Ich habe sie jedenfalls nicht im Keller des Innenministeriums versteckt. Die sind da“, so Herrmann durchaus ein wenig lauter als sonst. Die zusätzlichen Polizisten seien alle beim Sondereinsatzkommando, erklärte er. Grund dafür sei „die Fülle von Sondersituationen“. Nach den Terroranschlägen in Paris habe man vor allem das SEK verstärken wollen und das auch im Haushalt 2016 eingeplant. Doch bis die Neulinge ausgebildet sein würden, dauere es einfach zu lange. „Ich habe deshalb entschieden, zusätzliche Stellen für das SEK sofort wegzunehmen. Zum Beispiel von Stellen für das Präsidium Oberbayern Nord.“

"Jetzt red i" in Bruck - die Bilder

Zum Schluss wurde es dann stressig in der Sendung. Nachdem man möglicherweise zu viel Zeit der viel zu kurzen Sendung mit dem Thema Polizei verbraucht hatte, hatten sich mehrere Fragen von den Zuschauern bis in die letzten fünf Minuten des Formats aufgestaut. Da wollte ein junger Mann wissen, wie wahrscheinlich ein Anschlag zum Beispiel auf dem Brucker Volksfest ist, ein anderer fragte, wie gefährlich Radikalisierung im Netz sei. Doch Moderator Schöberl musste – wie zuvor bereits häufiger in der Sendung – abwürgen und verabschiedete sich schnell aus der Marthabräuhalle, bevor die Fragen beantwortet werden konnten.

Wenigstens für die Bauern, die sich zu einer Demo vor der Halle versammelt hatten, gab es nach der Sendung noch ein Happy End. Ursprünglich wollten sie auf der Straße ordentlich Krach machen und dem Innenminister ein Papier mit Forderungen zu Gunsten der Milchviehhalter in Bayern überreichen. Doch anstatt in seinem Wagen zum Haupteingang der Halle vorzufahren, schlich sich Herrmann an den Bauern vorbei zum Hintereingang in das Gebäude. Jedoch: Nach der Livesendung setzte er sich mit den Bauern sogar an einen Tisch und diskutierte über ihre Anliegen. Das hatte keiner der Landwirte erwartet.

Das Format

Einmal pro Monat und immer an einem Mittwoch strahlt der BR eine „Jetzt red i“-Sendung aus. Jedes Mal ist das Team in einem anderen Ort in Bayern zu Gast, jedes Mal sind andere Politiker mit dabei und jedes Mal stehen andere Themen im Mittelpunkt der Debatte – mal sind diese lokal, mal betreffen sie die Menschen im ganzen Freistaat. Bürger können während der Livesendung fragen an die Studiogäste stellen. Moderatoren sind Tilmann Schöberl und Andreas Bönte. Im Jahr 1971 flimmerte die erste „Jetzt red i“-Sendung über die Fernsehbildschirme. Ein Ende ist nicht in Sicht – das Format ist sehr beliebt bei den Zuschauern.

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