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Beim Gespräch: Beraterin Christine Hack hört sich die Sorgen ihrer Klienten an.

Angebot der Caritas

Wo Senioren psychisch beraten werden

Fürstenfeldbruck – Älteren Menschen fällt es oft besonders schwer, sich eine psychische Krankheit einzugestehen. Dabei brauchen vor allem sie spezielle Hilfe. Und die finden sie bei der Caritas. Eindrücke aus einem Beratungsgespräch.

Das Eisfach. Immer wieder ist es das Eisfach, um das sich die Gedanken von Nora Selb (Name geändert) drehen. „Mir ist da etwas ausgelaufen. Ich werde nicht schaffen, es wegzuputzen“, sagt die 74-Jährige zu Beraterin Christine Hack. In diesem Moment wirkt sie verzweifelt, schüchtern, ängstlich. Auch wenn Nora Selb sonst eher den Eindruck eines bunten Vogels macht. Mit ihren Goldringen, den geschminkten Lippen und der präsenten Stimme. In den Eisfach-Momenten merkt man, dass es in ihr drin oft duster und kalt ist.

Nora Selb leidet seit Jahrzehnten an schweren Depressionen. Oft fehlt ihr der Antrieb, aufzustehen. Ganz zu Schweigen von der Energie, den Gefrierschrank abzutauen. An ihren schlechten Tagen würde sie lieber sterben als leben. Doch sie hat sich nicht aufgegeben. Nora Selb hat sich Hilfe gesucht.

An ihren schlechten Tagen würde sie lieber sterben als leben

Ein- bis zweimal im Monat trifft sich die Germeringerin im Caritas-Zentrum an der Planegger Straße mit Christine Hack. Die Fachkraft ist Teil des Gerontopsychiatrischen Dienstes. Mehrmals die Woche berät sie Menschen ab 60, die in einer Krise stecken. Kostenlos. Einige Klienten besucht sie auch zu Hause – die, die sich mit dem Gehen schwertun. Manche von ihnen machen parallel eine Therapie, andere nicht. Einige fielen mit dem Renteneintritt in ein Loch. Andere kämpfen schon ihr Leben lang mit psychischen Problemen.

Zu letzteren gehört Nora Selb. Seit sie denken kann, geht sie immer wieder durch tiefe Täler. Oft sind die länger als die guten Zeiten. Ihre Eltern starben, als sie vier Jahre alt war. Die Geschwister wurden auseinandergerissen. Auch ihr Erwachsenen-Leben war nicht leicht. Nora Selb bekam zwei Söhne. Als die Buben klein waren, arbeitete sie nachts als Krankenschwester und kümmerte sich tagsüber um ihre Jungs. Dann kam die Scheidung. Und mit ihr die bösen Blicke.

Einer ihrer Söhne will nichts mit ihr zu tun haben

Auch wenn es lange her ist, Nora Selb leidet noch heute. An diesem Tag in der Beratungsstelle fühlt sie sich alleine. Eine Operation steht an. An der Wirbelsäule. Nora Selb muss eine Patientenverfügung aufsetzen. Eigentlich hätte die Germeringerin darin gerne einen ihrer Söhne als Ansprechpartner genannt. Aber der ist in den USA. Der andere will nichts mit ihr zu tun haben. „Er akzeptiert mich nicht, weil ich nicht so funktioniere, wie ich sollte“, sagt Selb. Sie schnäuzt sich, wischt verlegen ein paar Tränen aus den Augenwinkeln. „Ich bin sehr froh, dass ich Frau Hack habe“, sagt sie und lächelt.

Ohne die Hilfe der Beraterin würde sie es wohl nicht schaffen, die Formulare auszufüllen. Die Kraft für solche Entscheidungen fehlt. Ob sie eine Freundin fragen soll? Aber die ist selbst schwer krank. Oder ob sie sich einen gesetzlichen Vertreter suchen soll? Christine Hack kann diese Probleme für ihre Klienti nicht lösen. Aber sie kann Denkanstöße geben, nachfragen, Antworten geben.

Am Ende des Gesprächs entscheidet sich Nora Selb doch. Für einen Termin in der Betreuungsstelle des Landratsamts. Und Christine Hack freut sich, dass ihre Klientin es geschafft hat. „Toll, dass Sie einen Entschluss gefasst haben“, sagt sie.

Oft braucht es nur einen anderen Blickwinkel

Auch das ist etwas, das Nora Selb manchmal braucht. Positive Bestärkung. „Frau Hack gibt mir oft einen neuen Blickwinkel auf die Dinge“, erklärt die 74-Jährige. Danach sieht die Welt oft ganz anders aus. Beispielsweise wenn Nora Selb über die Baustellen in ihrer Wohnung erzählt, wie sie sie nennt. Hier ein Papierstapel, dort eine Pflanze, die umgetopft werden muss, ein viel zu voller Kleiderschrank. „Jede Ecke wächst mir über den Kopf“, sagt Selb. Man merkt in diesem Augenblick, wie sie sich immer tiefer in einen Strudel hineinredet. Bis Christine Hack sie mit einem simplen Satz unterbricht. „Sie haben auch schon viel geschafft.“ Nora Selb zögert, lächelt. „Ja“, sagt sie.

Dann fällt ihr auch ihr großes Ziel wieder ein. „Ende des Jahres will ich meinen Sohn in den USA besuchen“, erklärt sie und steht auf. Dann schaut sie noch mal rüber zu Christine Hack. „Es ist toll, dass es diese Beratungsstelle gibt.“ Auch, wenn die Eisfach-Momente wohl für immer bleiben werden.

Die Infos in Kürze:

Die Gerontopsychiatrische Fachberatung bei der Caritas in Fürstenfeldbruck für Menschen ab 60 Jahren ist telefonisch erreichbar von Montag bis Donnerstag, 9 bis 12 Uhr und 13 bis 16 Uhr, Freitag 9 bis 12 Uhr unter der Nummer (0 81 41) 32 07 80 70. Termine gibt es nach Vereinbarung. Die Beratung ist kostenlos und bei Wunsch auch anonym.

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