Im Lokführerstand auf der S4

Der schönste Platz in der S-Bahn

Fürstenfeldbruck – Hohe Geschwindigkeit, dichte Taktung und höchste Konzentration: Der Job des Lokführers ist anspruchsvoll. Doch die Fahrt im Führerhaus ist auch ein ganz besonderes Erlebnis. In einem Zug der S 4 von Bruck nach Geltendorf und zurück durch den Stammstreckentunnel bis zum Ostbahnhof in München war das Tagblatt ganz vorne live mit dabei.

Bianca Hartl (31) drückt den Hebel nach vorne. Die Beschleunigung der S-Bahn ist bemerkenswert. In 45 Sekunden kann der Zug 140 Stundenkilometer erreichen. Das tonnenschwere Gefährt mit hunderten Fahrgästen rollt – nicht in Höchstgeschwindigkeit – Richtung Buchenau. Die Stadt Bruck fliegt vorüber – genau wie später die Landschaft um Schöngeising oder Türkenfeld.

Die Quer-Einsteigerin

Bianca Hartl war Metzgereifachverkäuferin. Fürs Zugfahren hatte sie schon immer ein Faible. Nach zehn Jahren im erlernten Job entschied sie sich, etwas Neues zu versuchen. Sie machte eine Ausbildung zur Lokführerin. Zehn Monate und einige Prüfungen später sitzt sie nicht mehr im Fahrgastraum, sondern ganz vorne in der S-Bahn. Sie reguliert die Geschwindigkeit, hält das Gefährt in Bahnhöfen sanft – und vor allem an der richtigen Stelle – an. Sie checkt vor dem Start mit einem Blick aus dem Führerhaus die Lage am Bahnsteig und entscheidet, ob gefahren oder gewartet wird.

Wenn es Ärger gibt, etwa an den Türen, muss sie bisweilen aussteigen und eingreifen. Für den Lokführer bedeutet das mitunter: bis zu 200 Meter zurück zur Türe, 200 Meter wieder vor zum Führerstand – und für die S-Bahn heißt das: Verspätung. Oft freilich lassen sich Probleme via Durchsage entschärfen, erzählt Bianca Hartl.

Wie alle 600 Lokführer der S-Bahn München – das Unternehmen sucht dringend Nachwuchs, auch Quereinsteiger – ist die 31-Jährige auf mehreren Strecken der Region unterwegs. Sehr gerne fährt sie zum Beispiel mit der S 6 nach Tutzing – wegen des Ausblicks auf den Starnberger See. Als anspruchsvoll gilt die S 7 nach Wolfratshausen – wegen der Geländeformung. Was aber macht Bianca Hartl besonders Spaß am Lokführen? Sie schmunzelt. „Gas geben und mit 140 Sachen dahin donnern.“ Diese hohe Geschwindigkeit ist aber nicht überall erlaubt. Manchmal dürfen die Züge auch nur mit 60 Sachen dahinrollen.

Eigenverantwortung und systemische Checks

Der Weg vom Münchner Hauptbahnhof nach Geltendorf ist mit seinen 40 Kilometern einer der längsten. Eine andere Besonderheit auf der S 4 ist bekannt: Die S-Bahn muss sich die Gleise mit Regionalzügen teilen, die teils Vorrang haben. Dann muss gewartet werden.

Lenken muss Bianca Hartl die S-Bahn nicht. Die Weichen werden via Stellwerk gestellt. In Geltendorf findet der Zug bei gefühlten 100 Schienensträngen automatisch die richtigen Gleise zum S-Bahn-Steig. In dem Endbahnhof hat Bianca Hartl zehn Minuten Aufenthalt. In der Zeit wechselt sie zum Lokführerstand am anderen Zugende, das bei der Rückfahrt vorne ist. Im Zug ist während dessen Reinigungspersonal unterwegs.

Wenn keine Presse – und zu deren Betreuung keine Chefs – dabei sind, ist Bianca Hartl allein im Führerstand. Sie kann aber jederzeit zum Fahrdienstleiter Kontakt aufnehmen oder mit den Fahrgästen via Durchsage kommunizieren.

Auf der Strecke wird ihr stets die Richtgeschwindigkeit angezeigt, von der sie weder nach oben noch nach unten allzu sehr abweichen darf, respektive soll. Sprich: Auch auf freiem Feld im Westkreis kann sie nicht einfach wild Gasgeben, etwa um eine Verspätung aufzuholen.

Insgesamt ist die Lokführerei geprägt von Eigenverantwortung und gleichzeitigen strikten systemischen Checks und Vorgaben. Fingerspitzengefühl ist am Gashebel gefragt, der gleichzeitig die Bremse ist. Liegen Eis oder Laub auf den Schienen, kann der Zug ins Ruckeln geraten. Regelt Bianca Hartl das nicht so, dass alles im erlaubten Toleranzbereich bleibt, bremst die S-Bahn automatisch. Alle 30 Sekunden muss die 31-Jährige zudem ein Pedal drücken. Das signalisiert dem Kontrollsystem, dass die Lokführerin wach und an Bord ist. Bliebe der Fußdruck aus, würde die S-Bahn automatisch gestoppt.

Man grüßt sich

Technik hin oder her, Lokführer unter sich sind echte Kollegen: Begegnen sich zwei Züge, winken sie sich beispielsweise Grüße zu – auch wenn die S 4 diesmal trotz aller Bemühungen vom Außenast einige Minuten Verspätung mit in die Landeshauptstadt bringt. Als der Zug den Stachus erreicht, sollte er schon am Marienplatz sein. Dabei wurde auf der Strecke sogar etwas Zeit reingeholt. Im Tunnel kann der Zug nicht mehr überholen. „Und jetzt sehen Sie selbst, warum wir die zweite Stammstrecke brauchen“, sagt Teamleiter Jörg Marcinkowsi. Am Ostbahnhof endet die Mitfahrt – und Bianca Hartl betont: Den Schritt zur Lokführerin hat sie nicht bereut, ganz im Gegenteil. (st)

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