Die Vertriebenen von „Schachtelhausen“

Die Geschichte hinter dem Flüchtlings-Foto

Türkenfeld – Eine Schwarz-Weiß-Aufnahme, 70 Jahre alt: Es zeigt Vertriebene aus dem Sudetenland nach ihrer Ankunft in Oberbayern. Als der Münchner Merkur das Foto im Mai abdruckte, meldete sich die Familie Heitzer. Sie weiß, wer darauf zu sehen ist. Hier ihre Geschichte.

Blättern in der Erinnerung: das Ehepaar Ilse und Rudolf Heitzer, beide 86.

Ilse Heitzer, 86, sitzt auf der Eckbank am Küchentisch, sie hat die große Schwarz-Weiß-Fotografie vor sich. 70 Jahre alt ist das Bild, es zeigt eine Gruppe vor einer Holzbaracke. Der zweite von rechts, der mit der Lederhose, das ist ihr Bruder Emil, sagt sie. Er ist leider vor zwei Jahren verstorben. Aber die anderen? Ilse Heitzer zögert. Ganz links, ja, das war die Frau Tscherch, und neben ihr der Herr Tscherch. Beide sind fein angezogen – „der Herr Tscherch war ja Schneider“, wirft ihr Mann Rudolf Heitzer ein. Und die anderen? Langsam kommt die Erinnerung – an Flüchtlingsgeschichten, an Flüchtlingsschicksale. Ein Heinrich Gürtler ist auch auf dem Bild. Und ein Raimund Elstner. Der Herr Gürtler kam aus dem Dorf Buschullersdorf im Bezirk Reichenberg ganz im Norden von Tschechien. In dem Dorf, das heute gerade 700 Einwohner zählt, ist auch Ilse Heitzer aufgewachsen. Damals, bevor sie vertrieben wurde.

1946 oder 1947, so genau weiß es Ilse Heitzer nicht mehr, kam für die Deutschen im Dorf der Ausweisungsbefehl. „Es hieß es: Was man tragen kann, kann man mitnehmen.“ Ilses Mutter nahm einen Kinderwagen und lud ihn voll. Dann hetzten sie zum Bahnhof. Misshandlungen gab es nicht, „aber es war schon schlimm“, erzählt Ilse Heitzer, „Wir wussten ja gar nicht, wohin.“ Im Güterwaggon fuhren sie Richtung Westen.

70 Jahre ist das nun her. Etwa 3,5 Millionen Deutsche sind damals aus der ehemaligen Tschechoslowakei nach West- oder Ostdeutschland gekommen. 1,9 Millionen davon nach Bayern, darunter auch Ilse Heitzer, ihre Mama, ihr Bruder und ihr Stiefvater. „Die erste Station war Rosenheim“, sagt sie. Oder war es Mettenheim (bei Mühldorf)? So ganz genau weiß es die 86-Jährige jetzt nicht. Aber schließlich landeten sie in „Schachtelhausen“.

Unsere Zeitung berichtete Mitte Mai über den 70. Jahrestag der Vertreibung („Als Bayern zum Land der Lager wurde“) und illustrierte die Geschichte mit dem Foto einer Holzbaracke. Da meldete sich Ilse Heitzer – denn diese Baracken waren ihr Zuhause.

Entstanden ist das Bild in Schöngeising im Landkreis Fürstenfeldbruck. Das Original liegt im dortigen Bauernhofmuseum Jexhof, wo bisher nur wenig über das Foto bekannt war – zum Beispiel hatte Museumsleiter Reinhard Jakob bisher keinen Namen von den abgebildeten Personen. Als Entstehungsdatum war nur „vor 1950“ bekannt – „es muss Mitte, Ende 1947 gewesen sein“, verbessert nun Ilse Heitzer. Denn ihr Bruder Emil, der mit der Lederhose, zog wenig später fort. Und wo war eigentlich Ilse? Sie muss den Fototermin damals irgendwie verpasst haben. „Vielleicht war ich innen drin“, mutmaßt sie.

In Schöngeising, auf der Nordseite des Bahnhofs und weitab vom eigentlichen Dorf, waren nach 1945 Vertriebene einquartiert worden. „Schachtelhausen“ nannten die Einheimischen die kleine Siedlung – weil die Holzbaracken so schlicht waren. Das klingt abschätzig, doch im Dorf haben nur wenige auf die Vertriebenen herabgeblickt, sagt Ilse Heitzer. „Des san Zigeuner“, sagte die Bäckersfrau – mehr Diskriminierung war nicht. Das Leben war gleichwohl karg. Wasser holte man draußen an der Pumpe, und die Toilette war im nahen Wald. Unheimlich, vor allem nachts. Ein Klo-Gang im Kerzenschein – Ilse Heitzer gruselt’s heute noch. „Aber innen drin war’s recht ordentlich“, sagt Ilse Heitzer. Strom gab’s auch. „Einwandfrei“, sagt Ehegatte Rudolf. Zwei Betten, ein solider Wamsler-Ofen („ein Wamsler“, so sagte man), ein Esstisch und vier Stühle – das war die Einrichtung in dem einen, größeren Zimmer. Zwei weitere Betten standen im kleineren Zimmer, in das bald Ilse mit ihrem Rudolf zog. Rudolf, ein Münchner. Gefunkt hat’s 1949 beim Tanz im Dampfschiff – einer Gaststätte in Grafrath an der Amper. Ja, so war das damals.

Am Küchentisch blättert Rudolf mit seiner Ilse im Fotoalbum. „Die zwei Jungverliebten“, steht am Rand eines Bildes, das das junge Paar zeigt. Dem Rudolf waren die Flüchtlingsmädchen vom Bahnhof schon vorher aufgefallen. „Da hab ich mir denkt, die musst du doch kennenlernen“, sagt er und lacht. 1951 wurde geheiratet, und irgendwie ging es dann immer weiter aufwärts. Ilse Heitzer fing in einer Holzschuhfabrik an, „dann bin ich zum Siemens“, so sagt sie das. Und Rudolf wurde ein tüchtiger Schreiner. Ende der 1950er Jahre zog das Ehepaar in ein selbst gebautes Haus einige Kilometer westlich nach Türkenfeld. Und dort leben sie heute noch.

Ihr Bruder Emil ist einmal nach Buschullersdorf gefahren – eine schmerzhafte Reise in die Vergangenheit. „Geh nicht, da muast dich bloß ärgern“, hat er seiner Schwester hinterher gesagt. Also fuhr Ilse Heitzer nicht. „Ich wollte Buschullersdorf so behalten, wie es war.“

„Schachtelhausen“ indes wurde restlos abgerissen. Heute wächst dort Wald.

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