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Gartenmeister Manfred Heilander und die japanische Ho-Magnolie: Die Blüte riecht nach Ananas.

Besuch im Versuchsgarten

Das hat es mit dem Dschungel von Grafrath auf sich

Grafrath - Kaugummi, Lebkuchen, Ananas, Duftöl, Terpentin – das ist keine Einkaufsliste. Nein. Das sind Gerüche, die man beim Spaziergang durch einen ganz besonderen Wald bei Grafrath wahrnehmen kann.

Dieser mysteriöse Wald heißt eigentlich Versuchsgarten und liegt südöstlich des Bahnhofs Grafrath. „12 000 Bäume von 200 verschiedenen Arten stehen hier“, schätzt Manfred Heilander, Chef dieses einzigartigen Areals. Versucht wird hier aber nichts mehr. „Das war früher einmal so, als hier Bäume aus der ganzen Welt angepflanzt wurden, um sie für ihre forstwirtschaftliche Eignung unter unseren klimatischen Bedingungen zu testen“, erklärt Heilander. Weil Fällungen so gut wie nicht vorkommen und die Naturverjüngung der Vegetation nicht nur zugelassen, sondern ausdrücklich erwünscht ist, gibt es auch keinen Platz mehr für Neuanpflanzungen oder Versuche, erklärt Heilander den Besucherinnen der evangelischen Frauengruppe aus Eichenau, die heute den Garten erkunden.

Verschiedene Stammabschnitte hängen an der Hütte – Heilander erklärt den Besucherinnen, was man daraus lesen kann.

70 Prozent der Arbeit der drei Mitarbeiter der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft (LWF) sei Öffentlichkeitsarbeit, so der Natur-Experte – Führungen für verschiedene Besuchergruppen, Seminare, Walderlebnistage. Oft kommen auch Forstwissenschaftsstudenten zu Führungen und Exkursionen. „Der Rest unserer Tätigkeit ist Unterhalt und Verkehrssicherung der Rundwege und etwas Gewächshausarbeit“, so Heilander. Dabei unterstützen sie zum Beispiel ein Anzuchtsprogramm geeigneter Baumarten für Lawinenverbauungen in Gebirgswäldern.

Los geht die Weltreise: Immer wieder sind vor allem die Kontinente Nordamerika und Asien als Herkunft auf den weißen, teilweise noch Emaille-Tafeln an den Bäumen genannt. Am Beispiel des Nussbaums wird deutlich, dass auf der Welt Nussbaum nicht Nussbaum ist. Im östlichen Nordamerika sind Butternuss und Schwarznuss beheimatet, Juglans cathayensis, so der botanische Name, kommt dagegen aus China.

Philipp Franz von Siebold hat die nach ihm benannte Nuss – mit sagenhaftem Jahreszuwachs von einem Meter – in Japan entdeckt, wo es bereits die japanische Flügelnuss gab. Aus dem Mittelmeerraum kommt die auch bei uns bekannte Walnuss. Zählt man die Haselnuss auch noch dazu, findet man hier also sieben verschiedene Nussbäume.

Dennoch versteht sich der Versuchsgarten nicht als botanischer Garten, bei dem es gilt, möglichst viele verschiedene Arten zu sammeln. Die forstwirtschaftliche Eignung war das Kriterium für die Auswahl durch den ersten Chef des Gartens, Heinrich Mayr, und seine Nachfolger. Von weltweit rund 170 Arten sind nach jahrzehntelanger Beobachtung lediglich fünf Arten übrig geblieben, die auch für die Nutzung in bayerischen Wäldern in Frage kommen: Douglasien, Küstentanne und Strobe (Weymouth-Kiefer) bei den Nadelbäumen, amerikanische Roteiche und Edelkastanie bei den Laubbäumen.

Ärgerlicher Fressfeind: Die Kastanien-Miniermotte hat sich in einem Blatt eingenistet.

Letztere ist auch unter dem Namen Maroni bekannt und profitiert von den wärmeren Wintern der Vergangenheit. Der „Bubble-Gum-Baum“ ist die Zuckerbirke, die dank des Methylsalicylat so duftet. Aus deren Saft brauen die Amerikaner aber auch Birken-Bier, aus dem eingedampft ähnlich süßen Saft des Zuckerahorns wird der Ahorn-Sirup hergestellt. Das welke Laub der japanischen Katsura erinnert an Lebkuchen, weshalb der Baum auch „Kuchenbaum“ heisst. Eher unangenehm nach Terpentin stinken die Früchte des Amur-Korkbaums, in Fernasien beheimatet. Ähnlich schön wie sie blüht, duftet die Großblättrige Magnolie nach Ananas.

Der Versuchsgarten ist ein Fest für alle Sinne: Im Herbst verwandelt sich der sogenannte Appalachen-Wald in ein gignatisches Farbenschauspiel: Tulpenbaum, Hickories, Zuckerahorn und Tupelobaum wandeln ihre Blattfarben von normalem Grün in gelb, orange, rosa, violett und rot. Für den eingefleischten Forstmann Heilander gibt es aber auch immer wieder Überraschungen, meist unangenehmer Art.

Das massenhafte Sterben der Ulmen durch einen von einem Splintkäfer übertragenen Pilz oder das zur Zeit grassierende Eschensterben. „Man kann es nur beobachten und sich wundern“, stellt Heilander lakonisch fest. Glücklicherweise hat er den Asiatischen Laubholzbockkäfer aber in seinem Wald noch nicht angetroffen.

Max-Joseph Kronenbitter

So entstand der bunte Garten

1881 ließ König Ludwig II. in München eine forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt gründen. Das war auch der offizielle Startschuss für den Versuchsgarten in Grafrath. Verantwortlich war damals Heinrich Mayr, der auf die Pflanzen aufbaute, die sein Vater aus verschiedenen Erdteilen zusammengetragen hatte. Das heute 34 Hektar große Gelände erstreckt sich südlich der Bahnlinie auf einer Höhe von fast 600 Meter über dem Meer. Bei einer Jahresdurchschnittstemperatur von mittlerweile 7,8 Grad und einer Niederschlagsmenge von 880 Liter pro Quadratmeter im Jahr wachsen rund 200 Baumarten aus aller Welt.

Zusätzlich gibt es zirka 100 Baum- und Straucharten, die seit dem Jahr 2000 neu angepflanzt wurden. Vorsichtig geschätzt stehen in dem Areal 12 000 Bäume auf zumeist kalkreichen, mit Sand und Kies durchsetzten Böden. Rund ein Viertel der Böden sind lehmig. Damit bietet sich ein gewisses Spektrum an Böden für die jeweils ganz unterschiedlichen Ansprüche der Bäume.

Öffnungszeiten und Führungen

Der Forstliche Versuchsgarten liegt 20 Gehminuten vom S-Bahnhof Grafrath in der Jesenwanger Straße 11. Zwei Rundwege und ein barrierefreier Weg durch den Wald sind ausgeschildert. Geöffnet ist bis Ende Oktober werktags von 8 bis 18 Uhr, am Wochenende und an Feiertagen von 13 bis 17 Uhr. 

Für Gruppen ab zehn Personen bietet Gartenmeister Manfred Heilander Fachführungen an. Für Schulen gibt’s spezielle Seminare. Kontakt ist per Telefon unter (0 81 44) 5 07 oder per Mail unter info@forstlicher-versuchsgarten.de möglich. Weitere Informationen gibt es im Internet unter www.forstlicher-versuchsgarten.de

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