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Prost! Zwei Musiker lassen sich am Samstag eine kühle Maß Bier schmecken.

Fotos und Infos vom großen Jubiläum

500 Jahre Reinheitsgebot: So feiert Kaltenberg

Kaltenberg - Fischblasen, Ochsengalle, Ruß, Tollkirschen und allerlei berauschende Kräutlein kamen vor 1516 in den Biersud. Dann kam das Reinheitsgebot. Heute, 500 Jahre später, gilt es noch immer in Bayern. Grund genug, für Prinz Luitpold von Bayern zu feiern.  

Er lud das ganze Wochenende über auf sein Schloss Kaltenberg ein und feierte trotz Stubenwetter das Jubiläum nach bayerischer Tradition. Das Tagblatt war mit dabei:

Kirchenzug und Festakt am Samstag

Wer von der kleinen oberbayerischen Ortschaft den Hügel zum Schloss hinauffährt, kann bereits erahnen, dass Großes im Gange ist. Ein gelber Heißluftballon mit Kaltenberger Brauereilogo rüttelt an den Halteseilen, auf den Parkplätzen drängen sich Trachtler, Musiker, Schaulustige. Immer mehr Busse bringen die rund 6500 geladenen Gäste zum Schlossgelände, Traditions- und Trachtenvereine, Schützen- und Musikgruppen mit prachtvollen Gewändern und ausgefallenen Accessoires. Viele haben sich schon ordentlich auf der Ballonwiese aufgestellt, bald beginnt der Kirchenzug. Die letzten Schärpen werden glattgestrichen, Haarsträhnen festgesteckt, dann geht es der Geltendorfer Blaskapelle hinterher nach Kaltenberg.

Der Zug, der einem Adligen Ehre machen würde, stellt aber etwas scheinbar viel Alltäglicheres in den Mittelpunkt: das Reinheitsgebot, am 23. April 1516 von den Wittelsbachern festgesetzt, das am Samstag seinen 500. Geburtstag feierte. Wurde zuvor von der Fischschwimmblase über Ochsengalle bis hin zur Tollkirsche alles Mögliche und Zwielichtige ins flüssige Gold gemischt, durfte seither nichts mehr ins Fass außer Hopfen, Malz und Wasser. Dass dies bis heute unverändert festgeschrieben ist, war Anlass genug für Prinz Luitpold aus dem Hause Wittelsbach, das Jubiläum mit über 7000 Gästen zu feiern.

„Denn die haben über 500 Jahre hinweg die Bierkultur hochgehalten.“ Die Kultur des reinen Biers wachse nämlich nur mit den Verbrauchern, die sich daran erfreuten – wie die vielen Vereinsmitglieder, die am Samstag die Feier mitgestalteten und die Unterhaltung genossen. Neben der Maß für 500 Cent gibt es auch eine Bierverkostung, bei der fünf „königliche Jahrgangsbiere“ eingeschenkt werden. Dass das Reinheitsgebot Tradition ist, aber keine Einschränkung für die Brauerphantasie, wollen die Kaltenberger unter Beweis stellen.

Tracht aus mehreren Jahrhunderten, glänzende Blechblasinstrumente und ein Gefühl vergangener Zeiten und erhaltener Tradition prägen den Kirchzug, der sich über zwei Kilometer vom Schloss durch den kleinen Ort und zurück zum Gottesdienst Arena zieht. Rund 1000 Musiker aus den Vereinen spielen gemeinsam unter der Leitung des Geltendorfer Dirigenten Daniel Klingl eine Schubert-Messe – wenn auch manchmal nicht ganz unisono, so doch aus voller Brust.

Ein Festgottesdienst fürs Biergesetz – selbst für den Geltendorfer Geistlichen, der auch Kaltenberg betreut, eine einmalige Herausforderung. Denn welche Bedeutung hat denn nun das Bier für Bayern? Und wie wertvoll ist das Reinheitsgebot? Für Pfarrer Thomas Wagner steht dabei neben dem Bier auch etwas anderes im Vordergrund: „Mit dem Bier kommen die Menschen zusammen, um Freude zu teilen.“ Beim Gottesdienst verwies der Geltendorfer Gemeindepfarrer darauf, dass Gott immer wieder gute Gaben der Schöpfung schenkt – so auch das Bier.

Wagner nahm sich dem Reinheitsgebot als einer Regel an, die dem Menschen diene. Sie solle Identität stiften und eine lebende, verantwortungsvolle Tradition begründen. „Das Bier gehört zu Bayern und zu unserem Leben. Gott möchte, dass wir bei einem guten Bier ganz Mensch sein können.“ Von dem durften sich die durstigen Trachtler auch schon während der Messe ein paar Schlucke genehmigen, das erlaubte ihnen der Geltendorfer Pfarrer ausdrücklich: „Wir sind ja hier nicht in der Kirche.“ Dafür erhielt er tosenden Applaus.

Wie es sich Luitpold von Bayern wünscht, mischen sich die Vereinsmitglieder zunehmend untereinander, manche Bierbank ist mit verschiedenfarbigen Uniformen und Trachten besetzt. Nach dem Gottesdienst stehen bald auf den meisten Biertischen Maßkrüge, mit denen die erschöpften Trachtler anstoßen. „Hier sind lauter brave, gute Bürger, traditionsbewusst und fest verknüpft mit ihren Werten. Darauf können sie stolz sein“, sagt auch der Geltendorfer Bürgermeister Willi Lehmann. Sein bester Wunsch an die Festgäste: ein lautes Prost für den informellen Teil. Oder wie es ein müder Baritonspieler am Rande des Festplatzes seufzt: „Jetzt sperr‘n wir die Blechkiste weg und dann kauf‘ ma a Maß!“

500 Jahre Reinheitsgebot: Feier in Kaltenberg

Volksfest am Sonntag

Kalter Wind, Nieselregen, sogar Schneeflocken und dann wieder ein Sonnenstrahl: Beim Volksfest auf Schloss Kaltenberg zeigt sich der April mit all seinen Facetten. Einige hartgesottene Bierfreunde schreckt das aber nicht ab. Die Veranstalter reagieren prompt: An einem Stand gibt es Glühbier – heißes Dunkles mit winterlichen Gewürzen. Das Bierzelt schließt die Planen, damit die Wärme drinnen bleibt. Unter Heizstrahlpilzen sammeln sich einige Besuchertrauben.

So halten es auch Phillip und Maria Meusel mit ihrer Freundin Jessica Fletcher aus. Der Dachauer hat den Damen den Platz direkt unter dem warmen Gasheizer überlassen, damit sie ihre Weißwürste genießen können, ohne zu frösteln. „Momentan geht es mit der Kälte gut“, sagt Phillip Meusel. Aber im Sitzen werde es doch irgendwann frisch.

Davon können auch die Musiker ein Lied singen. Dabei ist die Blaskapelle Schöngeising schon froh, dass der für den Biergarten geplante Auftritt ins wärmere Zelt verlegt wurde. Denn je kälter es ist, desto mehr verziehen sich die Instrumente, wie Saxophonist Simon Wörl erklärt. Im Zelt können sie den Gästen hingegen ordentlich einheizen.

Die meisten Besucher tummeln sich ums Zelt und werden von Klaus Dörre leicht in ein Gespräch verwickelt. Der hat sich mit der Geschichte des Reinheitsgebots und den Zutaten befasst. Fischblasen, Ochsengalle, Ruß, Tollkirschen und allerlei berauschende Kräutlein kamen vor 1516 in den Sud, auch der frisch benützte Henkerstrick galt als begehrte Zutat. Erst das Reinheitsgebot legte fest, dass ins flüssige Gold ausschließlich Hopfen, Malz und Wasser dürfen – bis heute ist das in Bayern so geblieben.

„Ich finde es schön, hier ein Stück Geschichte lebendig zu machen“, sagt Klaus Dörre, der durch den Stand des „Ägidius Seidelbast“ führt, die Wirkung der Zutaten erklärt und den Besuchern getrockneten „Kuhfladen“-Schokoladenkuchen anbietet. Was er selbst über das mittelalterliche Gepansche gelernt hat, erzählt er jetzt begeistert Besuchern wie Karin Rüth. Nach einer Tour „von Wärmelampe zu Wärmelampe“, wie die Krailingerin sagt, kann sie sich nun am Feuer des Zutatenmuseums aufwärmen und dabei von Dörre untersuchen lassen, ob sie eine Hexe ist.

Einfach den Finger durch den Ring des Hexenholzes stecken, schon ist sie eindeutig mit einem gelben Aufkleber als Hexe gekennzeichnet. Wenn das Wetter schon nicht mitspielt, reden und lachen sich die Besucher eben warm. Langsam kommt Volksfeststimmung auf, die Sonne spitzt zwischen den Wolken hervor, an den Ständen werden die ersten Maßen gezapft. Auch Stefan Schmelcher genießt das erste Dunkle des Tages.

 Für den Mälzer gehört das Bier zum Leben, egal ob Schnee oder Sonne. Das Reinheitsgebot garantiert für ihn „Handwerkskunst im großen Stil“. Deshalb sagt der Mälzer dem Lebensmittelgesetz eine lange Zukunft voraus. Darauf stößt er gerne an.

Luitpold, Prinz von Bayern schlendert über das Gelände und freut sich. Er ist mit den Feierlichkeiten am Wochenende sehr zufrieden. Den Kirchenzug und Festgottesdienst am Samstag haben über 6500 Vereine mitgestaltet. „Für die war es ein Erlebnis, sich untereinander einmal zu treffen“, freut sich der Prinz, der das Fest ohne Touristen und für diejenigen geplant hat, die als Traditionsvereine auch die Bierkultur unterstützen.

von Maria-Mercedes Hering

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