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Geliebter Doppelmörder

Wie die Oberbayern den Räuber Kneissl versteckten

Karlsfeld - Zwischen Karlsfeld und Maisach entsteht ein Räuber-Kneißl-Radlweg. Das finden nicht alle gut: Seit 114 Jahren ist der Bandit tot, doch bis heute gibt es Streit, ob er Held oder Mörder war. Ein Aktenfund zeigt nun, wie sehr Kneißls Zeitgenossen ihn verehrten – und vor dem Staat schützten.

Nach dem Räuber ist schon ein Bier benannt, es gibt einen Film, ein Lied und ein Theaterstück. Und jetzt auch noch einen Räuber-Kneißl-Radweg? 60 Kilometer lang, durch die Landkreise Fürstenfeldbruck und Dachau, Kosten 225 000  Euro. Für einen, der zwei Polizisten ermordet hat? Da stutzte doch der eine oder andere im Karlsfelder Gemeinderat, einer merkte an, da werde doch ein Mann geehrt, der „definitiv ein Verbrecher“ war. Dann schritt man zur Abstimmung.

Der vermeintliche Volksheld oder auch Verbrecher ist schon seit über 100 Jahren tot. Er starb 1902 gerade einmal 26-jährig auf dem Schafott des bekannten Münchner Scharfrichters Franz Xaver Reichhart. Doch Mathias Kneißl polarisiert wie eh und je. War er Verbrecher? Ein Volksheld? Oder beides?

Toni Drexler

Ein weitgehend unbekannter Aktenfund zeigt ungeahnte Sympathien der Bevölkerung mit einem mutmaßlichen Polizistenmörder. Viele kleine Leute, Tagelöhner, Handwerker, Kleinbauern oder Gütler sympathisierten mit Kneißl. „Im einfachen Volk“, sagt der Fürstenfeldbrucker Heimatpfleger Toni Drexler, der die Akte ausgegraben hat, „gab es tatsächlich viel Hass auf die Obrigkeit und die Staatsgewalt.“

Das wirft auch ein neues Licht auf die oft verklärt dargestellte, vermeintlich „gute alte Prinzregentenzeit“. Unter tatkräftiger Mithilfe einiger königstreuer bayerischer Historiker erscheint vor allem Prinzregent Luitpold als gütiger Senior, als eine Art Landesvater – wohl eine verharmlosende Sichtweise. In der Affäre Kneißl verhielt sich Luitpold alles andere als mild und weise: Selbst der Vorsitzende des Schwurgerichts Augsburg, Oberlandesgerichtsrat Anton Rebholz, bat in einer Eingabe, den von ihm selbst zum Tode verurteilten Kneißl zu begnadigen. Doch der 80-jährige Luitpold wies das schroff zurück: Er bestand auf die Hinrichtung – im Hof des Landgerichtsgefängnisses Augsburg am 21. Februar 1902 kurz nach 7 Uhr morgens. Heimatpfleger Drexler sagt: „Luitpold wollte wohl ein Exempel statuieren.“

Was war passiert? Die Geschichte spielt im Dachauer Hinterland, wo Kneißl am 4. August 1875 in armen Verhältnissen geboren wurde. Durch den Tod des Vaters und eine Untersuchungshaft der Mutter gerieten Mathias und sein Bruder Alois früh auf die schiefe Bahn: Diebstähle, Wilderei, solche Sachen. Die Quittung verfügte das Landgericht München am 23. Juni 1893: Alois bekam 15 Jahre, Mathias sechs Jahre, die er komplett absitzen musste. Von wegen frühzeitige Haftentlassung, Resozialisierung oder so etwas.

Erneut kam Kneißl an die falschen Leute. Er machte bei Überfällen und Diebstählen mit, Unterschlupf fand er bei Kleinbauern und Tagelöhnern, die er mit Wildbret versorgte. Am 30. November 1900 hätten sie ihn fast erwischt. Beim Flecklbauer in Irchenbrunn (Gemeinde Altomünster) kam es zu einem Schusswechsel, wobei der Gendarmeriekommandant Brandmeier tödlich und der Wachtmeister Scheidler so schwer verletzt wurde, dass er drei Wochen später starb. Fortan galt Kneißl als Doppelmörder.

1000 Mark Belohnung setzte das Staatsministerium des Innern auf die Ergreifung des Kneißl aus – „25 Jahre alt, klein (1,60 – 164 groß), untersetzt, blonde in der Mitte gescheitelte Haare, dunkelblondes Schnurrbärtchen, blaue Augen“, so lautete die Beschreibung im Steckbrief – ergänzt durch die Hinweise, dass der Räuber am linken Oberschenkel zwei Schussnarben hatte und am linken Unterarm eine Tätowierung („einen Armbrustschützen und die Jahreszahl 1892“). Vier Monate war der Bandit auf der Flucht und hielt die ganze Gegend in Atem.

Der Steckbrief.

Heimatpfleger Drexler hat vor einigen Jahren, als er eine Ausstellung über Kneißl vorbereitete, einen Aktenband im Archiv der Fürstenfeldbrucker Polizeischule gefunden – ein historisch wertvoller Zufallsfund, denn der Akt enthält Polizei-Telegramme aus jenen hektischen vier Monaten, während Kneißl auf der Flucht war – und die Polizei mit einer rebellischen Bevölkerung kämpfte. „Gehorsamste Meldung“, telegrafierte zum Beispiel das Streif-Oberkommando Althegnenberg am 18. Dezember 1900. „Kneißl soll nach den neuesten Erfahrungen sich in den Rayen der obengenannten Ortschaften herumtreiben und dortselbst Unterschlupf bekommen. Eifrige Spähe durch Zaunposten, Streifen u. Durchsuchungen wird Tag und Nacht bethätigt.“ Die Bevölkerung sei aber leider „gar nicht mitteilsam, auch irreführend“. Versprechung von Belohnungen seien „wirkungslos; in der Gegend wohnen zu viele gute Bekannte und Gleichgesinnte des Kneißl“.

Einen Tag später berichtete ein Schutzmann aus dem nicht weit entfernten Dorf Zillenberg (bei Ried/Aichach). Der Polizist erfand sogar ein eigenes Adjektiv für derart widerborstiges Verhalten: „kneislerisch“. Im Wortlaut hieß es in seinem Bericht: „Die diesbezüglichen Wahrnehmungen ergaben, daß die Bevölkerung der Umgebung kneislerisch gestimmt ist und trotz allen Versprechungen u. guten Ermahnungen den Sicherheitsorganen nicht im geringsten“ entgegenkomme. Alle Bewohner seien „mit Ausnahme von 2 bis 3 Bauern auf Seiten des Mörders Kneißl“. Aus Unterweikertshofen berichtete der Gendarm etwas frustriert, ein Bauer habe ihm gesagt: „Wir zahlen unsere Steuern und scheißen auf die Staatsgewalt.“

Dazu kamen gut gemeinte, etwas spöttische Ratschläge. Das Königliche Gendarmerie-Commando München erreichte eine Postkarte mit dem Tipp: „Warum verwendet man zum Fang des Raubmörders Kneißl keine dressierten Hunde? Der Kerl wäre vielleicht schon lange gefaßt.“ Auch etliche Denunziationen erschwerten die Arbeit der Polizei – aus Inchenhofen bei Aichach lief per Telegramm der Tipp ein, Kneißl verberge sich bei einem Hausbesitzer, aus Mittelstetten kam der Hinweis, einem Fuhrwerksbesitzer sei eine verdächtige Person über den Weg gelaufen, deren Beschreibung („ziemlich groß, kräftig“) eigentlich mit der des eher kleinen und schmächtigen Flüchtigen gar nicht übereinstimmte. Trotzdem wurde lieber mal nachgesehen – vergebens natürlich.

Auch der Stationskommandant von Maisach berichtete etwas frustriert, er habe nach dem Hinweis einer schwatzhaften Gütlersehefrau in „verschiedenen Schlupfwinkeln u. Verstecken“ nach Kneißl gesucht – auch das ohne Resultat. Alle Sucherei nutzte nichts. Am 18. Januar 1901 mutmaßte das Bezirksamt Dachau schließlich, dass Kneißl vielleicht doch über den „Ocean“ sei – wollte er nicht eh immer nach Amerika auswandern?

So weit kam der Räuber aber nicht. Zum Verhängnis wurde Kneißl schließlich seine Verwandtschaft: Die eigene Cousine verriet ihn. Am 5. März, nach eintägiger Belagerung, begann der Beschuss auf das Aumacher-Anwesen in Geisenhofen (Gemeinde Egenhofen). Eine stattliche Streitmacht von nicht weniger als 150 Mann nahm, unter Beobachtung von zahlreichen Schaulustigen, das Anwesen unter Beschuss. Später zählte man, dass 1500 Schuss Munition abgegeben worden waren.

Die Mühe, Kneißl zur Aufgabe zu überreden, machte sich niemand – auch der Bürgermeister lehnte das als zu gefährlich ab. Polizeipsychologen oder dergleichen, die vielleicht noch hätten eingreifen können, gab es nicht.

Eine Dreiviertelstunde nach Beginn der Beschießung stürmten die ersten Polizisten mit lautem „Hurra“ in das Wohnhaus. „Was nun folgte“, so der Historiker Reinhard Jacob, „ist letztlich nicht mehr im Detail zu klären.“ Viele Polizisten stolperten durch das enge Stiegenhaus bis hinauf in den zweiten Stock – vorbei an Kneißl, der sich im ersten Stock versteckt hielt.

Schließlich wurde der Räuber doch entdeckt – und beinahe gelyncht. Kneißl wurde gewürgt und geschlagen, bis es selbst manchen Polizisten zu arg wurde. „Bringt ihn doch nicht gleich um“, appellierte ein Schutzmann – so hieß es später in einem Bericht. Insgesamt war die Gefangennahme „wohl eher ein vorgezogener Hinrichtungsversuch“, bilanziert Jacob. Nach einem Bericht vom Staatsministerium des Inneren wurden auf Kneißl 21 Schüsse abgegeben. Er erlitt einen Steckschuss in den Kopf, zwei Schüsse in den rechten Oberarm, einen Streifschuss am rechten Handgelenk und eine lebensgefährliche Verletzung des Unterleibs. Ein herbeigerufener Pfarrer nahm dem Sterbenden die Beichte ab. Doch Kneißl war zäh – er wurde auf ein Bett aus Stroh gelegt. So überstand er die strapaziöse Postzugfahrt nach München, wo er operiert werden konnte.

Als Belohnung für den geglückten Coup erhielt der Sicherheitskommissär ein Verdienstkreuz, die Cousine die 1000 Mark Belohnung. Liberale Zeitungen berichteten freilich eher spöttisch über die „Kneißl-Schlacht“ – und ein sozialdemokratisches Organ in Halle schrieb über die „Menschenjagd im Baierland“. Die königliche bairische Regierung hätte das Blatt am liebsten dafür verklagt.

Der arme Bandit hat sich also seinen Räuber-Kneißl-Radweg zwischen Maisach im Landkreis Fürstenfeldbruck und Karlsfeld im Landkreis Dachau vielleicht sogar verdient. Ein wenig Nachruhm darf sein. Und so endete auch die Abstimmung in Karlsfeld zugunsten des Räubers. „Er war kein Robin Hood für die Armen, aber auch kein Mörder“, meint Heimatpfleger Toni Drexler. Nach heutigen Maßstäben, da ist er sich sicher, würde Mathias Kneißl wegen Totschlags verurteilt werden – und nicht wie damals als Mörder mit anschließender Hinrichtung auf dem Schafott enden.

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