Küchenschürze, Häkeldeckchen und Nudelholz: Das hat Irmgard Franzke nocg aus ihrer alten Heimat, dem Egerland. Die Textilien sind bis heute in Gebrauch.

Vertriebene zeigen ihre Schätze

Das erinnert sie noch an die alte Heimat

Landkreis - Asylbewerber, die in Scharen über Landstraßen ziehen, im Gepäck nur das Nötigste. Diese Bilder wecken Erinnerung an eine andere große Flucht: die vieler Deutscher aus den Ostgebieten im und nach dem Zweiten Weltkrieg. Auch sie konnten kaum etwas mitnehmen. Die wenigen Erinnerungsstücke hüten viele bis heute – wie einen Schatz.

Landkreis – Sie trägt ein kurzes apricotfarbenes Wollkleid, blau-weiße Söckchen – und sie ist das einzige, was Marianne Reichmann aus der alten Heimat blieb: eine Puppe, an der die Zeit nicht ganz spurlos vorüber gegangen ist. Die Germeringerin floh mit ihrer Familie aus Breslau (Polen) vor der roten Armee. Sie war damals vier Jahre alt. „Ich hatte einen eitrigen Zeh und saß auf dem Korb mit Rädern, in dem wir unsere Sachen transportierten“, erklärt die 77-Jährige. Ihre Puppe hatte sie immer dabei, auch in diesen dramatischen Tagen. „Ich kann mich einfach nicht trennen.“

In Kindertagen bekam das geliebte Stück zu Weihnachten stets neue Kleider. „Die hat die Mutter gestrickt oder genäht.“ Auch das apricotfarbene Kleidchen. „Es war das letzte, das Mama gemacht hat.“

Die Kiste

Heinz Bregar (77) aus Eichenau war sechs Jahre alt, als seine Familie aus Tachau im Sudentenland vertrieben wurde. Im Gegensatz zu anderen konnten sich die Bregars vorbereiten. „Mein Bruder hat Kisten organisiert, in denen wir unser Hab und Gut verstauten.“ Eine davon hat Bregar noch immer. Sie dient in seinem Gartenhaus als Regal. „Die hat da so gut reingepasst. Das ist praktisch“, sagt der 77-Jährige. Die anderen Kisten sind im Laufe der Zeit kaputt gegangen. „Die hab’ ich dann verbrannt.“

Die Schürze

Anfang 1946: Als alle jungen Frauen aus dem Egerland nach Tschechien geschickt werden sollten, um dort zu arbeiten, packte Irmgard Franzke im Örtchen Gottsmannsgrün ihre Sachen. Sie wollte zu ihrer Schwester nach Erfurt. In ihrer Tasche hatte sie ein paar Kleider und Bettwäsche. Außerdem die weiße Küchenschürze mit den bunten Punkten, die sie in der Schule selbst genäht und bestickt hatte. Und das weiße runde Häkeldeckchen – ebenfalls selbstgemacht. Ein Jahr später wurden Irmgard Franzkes Eltern ausgewiesen. Sie kamen nach Moorenweis. „Sie durften 50 Kilogramm Gepäck mitnehmen.“ Darunter ein Nudelholz ihrer Mutter. Irmgard zog zu ihren Eltern ins Wirtshaus beim Braun. „Wir haben damals zu zweit in einem Bett geschlafen“, erinnert sie sich.

Später heiratete sie Manfred, einen Soldat aus Breslau. Das Paar baute ein Haus in Fürstenfeldbruck, in das auch ihre Eltern einzogen. Dort lebt Irmgard Franzke (89) bis heute. Allein – aber mit ihren Schätzen aus der alten Heimat: Das Deckchen liegt noch oft auf dem Küchentisch. Das bestimmt 100 Jahre alte Nudelholz hebt sie nur noch als Andenken auf. „Meine Tochter hat mir mal ein neues geschenkt, weil das alte schon so speckig war.“

Der Koffer

Mit der allerletzten Maschine voller verwundeter Soldaten flog eine hochschwangere Mutter 1945 aus der Festung Breslau aus. Auf dem Arm hatte sie ihren Sohn Bodo, gerademal eineinhalb Jahre alt. Seine Mutter konnte nur einen einzigen kleinen Koffer mitnehmen. Platz darin fanden die allernötigsten Papiere: Urkunden, Familienbuch, Zeugnisse. Heute ist Bodo Olbrich 72. Den Koffer seiner Mutter hat der Brucker immer noch. Immer griffbereit. „Er erinnert mich an unser unglaubliches Glück.“ Viele Flugzeuge wurden damals abgeschossen. „Meine Mutter hatte unheimliche Angst. Aber unseres wurde verschont.“

Auch später, auf dem Weg von Dresden nach Niederbayern rettete sie der Zufall. „Der Zug wurde angehalten, alle sollten aussteigen, weil die Waggons bombardiert werden sollten.“ Doch Olbrichs Mutter blieb sitzen. „Sie war hochschwanger. Sie konnte einfach nicht mehr.“ Am Ende trafen die Bomben den Graben, in den die anderen Passagiere geflüchtet waren. Nicht den Zug.

Die Reibe

Dramatisch auch die Flucht von Stefanie Hübner. Zweimal verließen sie und ihre Familie Schlesien. Im Januar 1945 musste sich die damals 15-Jährige erstmals auf ihren schweren Weg aus der Heimat Beuthen machen. Sie kamen bei Verwandten in Sachsen unter. Gelockt von falschen Versprechungen kehrten sie nach Schlesien zurück. 1946 wurden sie erneut vertrieben.

Während der Flucht fehlte es der Familie an allem. „Wir hatten nicht mal mehr Gebrauchsgegenstände“ erinnert sich die 86-Jährige. Irgendwann fand ihr Vater eine alte Reibe und überzog sie mit Kupferblech. „Die Löcher hat er mit Nägeln reingeschlagen.“ Aus einem Stück Holz fertigte er einen Fleischklopfer. „Die Sachen waren das Wertvollste, was wir hatten“, sagt Bettina Hübner. Heute hängen Reibe und Fleischklopfer in der Küche der Maisacherin an einem Ehrenplatz neben dem Herd. Benutzt werden sie freilich nicht mehr „Aber es ist halt ein Stück Erinnerung.“

In einer halben Stunde musste gepackt sein

Viele Vertriebene konnten buchstäblich nur das retten, was sie auf dem Leib trugen. So auch Susanne Pollak. Das Bild vom einstigen Haus ihrer Familie in Tetschen-Bodenbach (Sudetenland) wurde ihr später geschickt. Im Juni 1945 hatten sie eine halbe Stunde Zeit, um sich fertig zu machen. „Um halb sechs ist das tschechische Militär in unser Haus gestürmt“, erinnert sich die 80-Jährige. Auf der Flucht wurde sie mehrfach von Soldaten geplündert.

Das Bild ihres einstigen Zuhauses, bedeutet Susanne Pollak sehr viel. Ebenso wie das alte Foto, das sie mit ihrer Mutter Gertrud und ihrem Bruder Hans zeigt, Weihnachten 1940 – als ihre Welt noch in Ordnung war.

Er liegt am Fenstersims zwischen Zimmerpflanzen und Bilderrahmen – fast etwas unscheinbar. Auch der größte Schatz von Marga Droxler hat keinen materiellen Wert. Der zerbrochene rote Ziegelstein mit etwas grauem Mörtel stammt von demForsthaus bei Grüneberg in Schlesien (heute Zielona Góra in Tschechien), in dem sie aufgewachsen ist. Das Gebäude gehörte zum Gut von Kaiserin Hermine. Droxlers Vater war Förster ihrer Majestät, der Großvater ihr Obergärtner.

„Als wir Ende Februar 1945 von einer Minute auf die andere mit einem Fuhrwerk in den Böhmerwald und später nach Dresden flüchten mussten, konnten wir nichts mitnehmen, gar nichts“, sagt Marga Droxler (82). Die damals Zehnjährige musste sogar ihre Puppe zurücklassen. „Das ärgert mich heute noch.“ Marga kam mit Eltern und Geschwistern nach Simbach am Inn. Später lebte sie in Stuttgart, dann in München und seit 1971 in Germering.

1985 holte sie sich den Stein. Mit ihrem Mann Theo besuchte sie 1985 ihre alte Heimat und auch das Forsthaus. „Das waren so viele Erinnerungen. Es war unglaublich“, sagt die 82-Jährige. Als Gedankenstütze packte die Frau den abgebrochenen Ziegelstein in ihre Handtasche. Zum Glück. Als sie fünf Jahre später erneut zu dem Haus kam, war es abgerissen. (ed/can)

Fotos: Die Schätze aus der alten Heimat

Vertriebene: Das haben sie aus der alten Heimat gerettet

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