Endlich daheim: Wenn verspätete S-Bahnen Zeit hereinholen müssen, lassen sie Gernlinden und andere Bahnhöfe im Außenbereich einfach aus. Pendler wie Christian Kemether haben das Nachsehen. foto:rm

Neuer Pendler-Ärger

Bei Verspätung fährt S-Bahn einfach durch

Gernlinden - Warten auf verspätete S-Bahnen ist für Pendler längst Alltag. Jetzt hat sich die Bahn einen noch nervigeren Clou einfallen lassen: Die Züge holen verlorene Zeit rein, indem sie an kleineren Stationen einfach nicht halten. Wer dort aus- oder einsteigen will, schaut in die Röhre.

Christian Kemether aus Gernlinden weiß, dass er sich eigentlich glücklich schätzen kann. Die S 3 fährt alle zehn Minuten. „Viele andere Linien fahren nur im 20-Minuten-Takt“, sagt er. Verärgert ist Kemether trotzdem. Er und seine Frau mussten schon zweimal kurz hintereinander vor Gernlinden aussteigen.

Kemether ist Berufspendler. Als Verwaltungsbeamter fährt der 48-Jährige jeden Werktag von Gernlinden mit der S-Bahn in die Münchner Innenstadt. Auch seine Frau und die beiden Kinder nutzen die S3, um in die Arbeit beziehungsweise zur Schule zu fahren. Ab und zu steigt die Familie auch in einen sogenannten Verstärkerzug. Diese setzt die Bahn während der Stoßzeiten ein, um morgens und abends im Berufsverkehr die Regelzüge zu entlasten.

Als Kemether kürzlich abends auf dem Heimweg von der Arbeit war, hatte der Verstärkerzug rund zehn Minuten Verspätung. Am Bahnhof München-Pasing ertönte aus den Lautsprechern die Durchsage, dass die S-Bahn in Lochhausen und dann erst wieder am Endpunkt in Maisach halten würde. Durch die Bahnhöfe Gröbenzell, Olching, Esting und Gernlinden rauschte der Zug einfach durch.

Kemeters Frau ging es ähnlich. Auch sie nahm an diesem Abend die S-Bahn Richtung Maisach. Auch ihr Zug hatte etwa zehn Minuten Verspätung und in Pasing wurde angekündigt, dass der Zug den Gernlindener Bahnhof auslassen würde. Also stieg sie eine Station früher in Esting aus. Dort wartete sie zehn Minuten lang auf den nächsten Zug, der sie endlich nach Gernlinden brachte.

„Das heißt für uns einfach Augen zu und durch“, sagt Kemether. Die Zeit nutzen, Besorgungen erledigen, einen Kaffee trinken. „Aber wenn wir Fahrgäste die Fahrkarten pünktlich zahlen müssen, erwarte ich auch, dass ich mich auf den Fahrplan verlassen kann“, so Kemether. Die Familie gibt pro Monat rund 500 Euro für Fahrkarten aus.

Der 48-Jährige vermutet, dass die kürzlich gestartete Qualitätsoffensive der Deutschen Bahn schuld daran ist, dass ab und an Bahnhöfe ausgelassen werden. Während ein Zug im Nahverkehr bisher ab sechs Minuten Verzögerung als verspätet galt, liegt dieser Wert seit kurzem bei etwa drei Minuten. Aber rentiert es sich aus Sicht der Bahn wegen einer kleinen Zeitersparnis den Bahnhof Gernlinden auszulassen? „Diese kleine Einsparung reißt die zehn Minuten Verspätung doch nicht heraus“, sagt Kemether achselzuckend.

Gegenüber dem Tagblatt bestätigte die Bahn die Praxis der ausgelassenen Bahnhöfe. Der Vorteil: In der Münchner Innenstadt sei die S-Bahn dadurch wieder im Takt. Ein Sprecher räumt jedoch ein, dass die Fahrgäste, die an den betroffenen Stationen aussteigen wollten, ihre Anschlüsse nur mit Umstiegen erreichen würden. Und ja, die betroffenen Bahnhöfe liegen natürlich im Außenbereich. Bei einem Zehn-Minuten-Takt komme aber wenige Minuten nach der verspäteten S-Bahn eine andere mit demselben Fahrweg. Der Zeitverlust für Pendler sei gering.

„Ich habe mich schon daran gewöhnt, dass die S-Bahnen ein bisschen Verspätung haben“, sagt Kemether, „aber das wird ja immer mehr.“ Eine mögliche Ursache sieht er im straffen Zeitplan der Bahn. „Das System ist bis auf den letzten Millimeter ausgereizt, es gibt keine Reserven“.

Ein weiteres Problem stellt seiner Meinung nach die sternförmige Anordnung der S-Bahn-Strecken dar. Aufgrund fehlender Querverbindungen zwischen den Linien, würde die Stammstrecke zum Nadelöhr. Ein Ausbau der U-Bahn bis Pasing würde das Problem nur verlagern, vermutet Kemether.

Stattdessen plädiert der Gernlindner dafür, das Gleisnetz im Innenraum zu entzerren. „Es braucht dringend eine zweite Stammstrecke.“ Seine Frau und er haben sich bei Verspätungen bereits mehrmals an die Bahn gewandt. Ernstgenommen fühlen sie sich aber nicht. „Die Mitarbeiter am Servicetelefon hören sich die Beschwerden zwar an“, sagt Christian Kemether. „Aber ich glaube nicht, dass sie diese auch weiterleiten.“ (Regina Mittermeier)

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