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Das derzeit wohl heißeste Eisen in der Ent- und Versorgungs-Diskussion: Sind Vergärungsanlagen für Biomüll, wie diese Anlage in Neukirchstockach, wirtschaftlich?

Landkreisverwaltung contra Naturschützer

Aus Biomüll soll mehr Energie gewonnen werden

Landkreis - Nur zum Verbrennen viel zu schade! Das gilt für den Biomüll – zumindest nach Ansicht des Bund Naturschutz (BN). Die Kreisgruppe fordert deshalb die Einführung einer Biotonne und den Bau einer Vergäranlage.

Landrat Thomas Karmasin und der Abfallwirtschaftsbetrieb des Landkreises (AWB) lehnen Biotonne und Vergärungsanlage klar ab. Investitions- und Folgekosten würden die Müllgebühren in die Höhe treiben, so die Argumentation. „Der Widerstand gegen die Biotonne wundert mich“, sagt Hartmut Hoffmann. Der Abfallexperte des BUND, dem Dachverband des BN, findet, dass Biomüll als Ressource zu wenig beachtet wird. Josef Metzger vom Landesvorstand des Vereins „Das bessere Müllkonzept Bayern“ widerspricht Landrat und AWB. Vergärung sei wirtschaftlicher als die Verbrennung. Bei einem vorsichtigen Beispiel von 145 Kilogramm Biomüll pro Einwohner und Jahr, so Metzger, könnten im Landkreis jährlich 30 000 Tonnen Biomüll verwertet werden.

Bei der Verbrennung der gleichen Menge würden zwar gut 10 Millionen Kilowattstunden Energie anfallen. Um aber die im Biomüll enthaltene Feuchtigkeit zu verdampfen, müssten fast 13 Millionen Kilowattstunden aufgebracht werden – eine negative Bilanz. Metzger: „Die Verbrennung bringt keinen nutzbaren Energiegewinn.“ Bei optimaler Verwertung würde die Vergärung von 30 000 Tonnen Biomüll hingegen fast 20 Millionen Kilowattstunden Energieertrag bringen. Zudem sei der Kostenaufwand beim Vergären mit 70 Euro pro Tonne im bayernweiten Schnitt günstiger als bei der Verbrennung, die im Schnitt 120 Euro pro Tonne kostet.

"Biomüll als Wertstoff Nummer eins"

Metzger ist deshalb sicher: „Mit einer Vergärungsanlage würden die Müllgebühren sinken.“ Für Josef Seemüller vom Landesarbeitskreis „Arbeit und Ressourcen“ ist Biomüll mittlerweile sogar der Wertstoff Nummer eins. „Der Nutzen einer hochwertigen Biogasanlage ist um ein vielfaches höher als die Kosten“, sagt er. So könne man mit einer solchen Anlage bis zu 30 000 Bürger im Kreis mit Wärme versorgen.

Für Hoffmann ist Müllverbrennung ein Irrweg aus dem 20. Jahrhundert. „Für das 21. Jahrhundert brauchen wir andere Konzepte“, sagt er. Dazu kommt laut Metzger, dass die Verbrennungsanlage in Geiselbullach beim Wirkungsgrad eine der schlechtesten in Bayern sei. „72 Prozent der dort erzeugten Energie wird ungenutzt in die Luft geblasen, weil es keinen Abnehmer dafür gibt.“ Bei der Vergärung entstehe hingegen ein speicherbares Gas. Zudem erzeuge sie weniger giftige Emissionen und Feinstaub.

Kreisrat Jakob Drexler (UBV) denkt, dass man eine Vergärungsanlage finanzieren kann, indem man den Bonus für Eigenkompostierer streicht. Dieser sei ohnehin ungerecht, da diejenigen, die sich die Arbeit beim Trennen machen, bestraft würden. Max Keil (ÖDP) sieht die Aufgabe nun darin, „dem Volk zu vermitteln, wie nachhaltig und fortschrittlich Vergärung ist“. Andreas Daschner

Blick zu den Nachbarn: Diese Erfahrungen haben die Augsburger gemacht

Zugriff auf die Rücklagen und demnächst sicher steigende Gebühren: Mit diesen Problemen habe der Kreis Augsburg nach Einführung einer Biotonne samt Bau einer Vergärungsanlage zu kämpfen, behauptete unlängst ein Experte im Brucker Kreistag. Im Augsburger Abfallwirtschaftsbetrieb zeichnet man ein differenzierteres Bild hinsichtlich der Biotonne, über deren Einführung auch in Bruck diskutiert wird. „Ich weise das zurück.“: So reagiert Günther Prestele auf die Aussagen des Experten in Bruck. Prestele ist Werkleiter beim Abfallwirtschaftsbetrieb Augsburg – also praktisch der Britzelmair vom Lech. Er blickt auf einige Jahre Erfahrung mit der Biotonne zurück, die inzwischen auch im Nachbarlandkreis Aichach-Friedberg eingeführt wurde, um die Vergärungsanlage der Abfallverwertung Augsburg (AVA) optimal zu befüllen.

Das System mit Tonne und Vergärung sei ganz im Gegenteil ein unerwarteter Erfolg geworden. Außerdem seien die Landkreise ja per Gesetz verpflichtet, Biomüll getrennt zu erfassen. Der Kreis Bruck ist davon befreit, weil er den bekannten braunen Sack anbietet. Insgesamt werde seit Einführung der Biotonne wesentlich mehr Bioabfall erfasst als zuvor. Weit über 100 Gewichtstonnen je Einwohner und Jahr bekommt der Kreis auf diese Art. Damit wird Gas erzeugt, dessen Einspeisung wieder Erlöse bringt – wobei auch klar ist: Das System mit Tonne und Vergärung kostet mehr als die Gaseinspeisung einbringt, wobei Augsburg wegen der früheren Einführung des Systems bessere Einspeisekonditionen hat, als Bruck sie wohl bekäme. Auf die Biotonne sei die politische Szene Ausgsburg stolz, erzählt Prestele. Natürlich aber koste sie Geld. Insgesamt bewegten sich die Gebühren, die der Verbraucher zu bezahlen hat, auf dem Niveau von 1992, wobei es heute viel mehr Service gebe als damals.

„Nochmal runter geht nicht.“ Das Niveau sei bis 2017 noch zu halten, darüber hinaus könne niemand Voraussagen machen. Zu behaupten, eine Gebührenerhöhung werde wegen der Biotonne nötig, sei „sehr zugespitzt“. Insgesamt müsse man sehen: Die Hausmüllentsorgung rechne sich ebensowenig wie die Biomüll-Entsorgung. Man müsse aber auch das Ziel der Energiewende und die Idee der dezentralen Energieerzeugung im Blick haben, sagt Prestele. Nach Ablauf des Kalkulationszeitraums könne es zu Neuabschlüssen von Verträgen fürs Holsystem kommen. Zuletzt habe man insgesamt Überschüsse erwirtschaftet. Der Abfallbetrieb bezahlt 100 Euro brutto je Gewichtstonne, die er in der AVA anliefert. Der AVA habe sogar eine weitere Vergärlinie gebautet. Die Biotonne mache im Vergleich zu übrigen Kostenstellen etwa ein Drittel der Gebühren aus. Vorteil aber sei: Alles was in der Vergärung landet, kommt nicht mehr an den Grüngutstellen der Kommunen ab. Für diese sei das System eine spürbare Entlastung.

Allerdings, das räumt Prestele auch ein: Es landet nicht so viel weniger Biomüll im Restmüll, wie ein Gutachten es im Vorfeld ermittelt hatte. Zu glauben, dass alles Vergärungsfähige in der Bio-Tonne lande, sei nicht realistisch. Ohne eine genaue Berechnung gemacht zu haben, stelle es sich so dar: Der Gutachter glaubte, dass durch die Biotonne 30 Kilogramm je Schwarze Tonne weniger Material anfallen würde. De facto sei es nur die Häflte. Rücklagen im Übrigen, sagt Prestele noch mit Blick auf den Experten von AU-Consult, die man angreifen könne, habe man überhaupt nicht. Thomas Steinhardt

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