Germering und Freiham

München baut – und wir stehen im Stau

Germering/München – Verbreiterung der A 96, Sanierung der A 99, Germering hat derzeit einen traurigen Stammplatz in den Verkehrsmeldungen. Über den für die Bürger wohl lästigsten Stau redet dagegen niemand.

Direkt vor den Toren der großen Kreisstadt verbreitert München die Bodenseestraße – die Nachbarkommune darüber zu informieren, hielt man in der Landeshauptstadt für unnötig.

Nur ein Feld vom östlichen Germeringer Stadtrand entfernt entsteht derzeit ein neuer Stadtteil Münchens: Freiham. 10  000 Wohnungen werden dort gebaut. Um das Areal für die Menschen zu erschließen, die dort einziehen werden, wird die Bodenseestraße bis zur Wiesenfeldstraße vierspurig ausgebaut. Bis Ende des Jahres wird das dauern. Und solange die Arbeiter zugange sind, verstopfen sie diese wichtige Verkehrsader zwischen dem Landkreis Fürstenfeldbruck, der A 99 und A 96 nach München-Neuaubing oder ins Gewerbegebiet Freiham wie ein Korken einen Flaschenhals.

Die ab der Autobahnausfahrt Freiham Nord/Germering Mitte bereits jetzt vierspurige Bundesstraße verengt sich auf eine Spur. Der Straßenverlauf ist an der Abzweigung ins Gewerbegebiet Freiham, wo zum Beispiel Möbelgigant Höffner und Baumarktriese Hornbach Scharen von Kunden anziehen, zudem verschwenkt. Gerade bei Dunkelheit oder Regen müssen sich Autofahrer mühsam zwischen durchgestrichenen Spurmarkierungen und Reihen rot-weiß-gestreifter Barken hindurchtasten.

Dauerstau ist die Folge

Die Folge: Ein Dauerstau, der wie eine Krake bis Germering, ins Gewerbegebiet Freiham und nach Neuaubing hineinreicht. Teils behindert die Blechschlange sogar den Abfluss des Verkehrs von den Autobahnen. Viele Germeringer meiden inzwischen die Geschäfte in Neuaubing und kaufen lieber anderswo ein. Auswärtige und Pendler aus dem Kreis Fürstenfeldbruck suchen nach Ausweichrouten – mit dem Resultat, dass die Germeringer den Stau nicht nur vor der Haustür, sondern auch in der eigenen Stadt haben. Im Berufsverkehr herrscht beispielsweise auf der sogenannten Spange wieder Stop-and-Go wie vor der Eröffnung der A 99 zwischen Aubinger Tunnel und Autobahnkreuz Südwest.

Einige Kilometer östlich entstehen derweil an der Bodenseestraße auch großzügige Geh- und Radwege. Die Kreuzungen an der Anton-Böck-, der Hans-Stützle- und der Hans-Steinkohl-Straße bekommen neue Ampeln und Querungshilfen für Fußgänger und Radler. Alles gut und wichtig. Doch die Münchner Behörden haben einfach angefangen zu bauen, ohne Germering zu informieren. Das sei nur bei Bebauungsplanverfahren im Rahmen der Öffentlichkeitsbeteiligung üblich erläutert, Dagmar Rümenapf vom Baureferat der Landeshauptstadt.

Bei der Einrichtung von Straßenbaustellen würden Nachbarkommunen nur dann informiert, wenn offizielle Umleitungen über deren Gebiet verliefen. „Das ist bei der Bodenseestraße nicht der Fall“, so Rümenapf. Leider ließen sich trotz sorgfältiger Planung und Koordination von Baustellen und trotz frühzeitiger Information Verkehrsbehinderungen nie ganz vermeiden. Inoffizielle Ausweichrouten – wie die über die Spange – kommen in diesem Procedere nicht vor.

Germerings Oberbürgermeister Andreas Haas ist demgemäß von der Aktion wenig begeistert. So hätten Germeringer Bürger von der Baustelle erst erfahren, als sie schon eingerichtet war – sprich, als sie das erste Mal im Stau standen. Das Informationsgebahren der Stadt München möchte der CSU-Politiker nicht kommentieren. Wie die Stadtverwaltung Germering verfahren wäre, hätte sie Bescheid gewusst, erklärt er jedoch gern: „Wir weisen stets auf Baumaßnahmen hin, damit die Bürger sich darauf einstellen können.“ Das geschieht mittels großer Schilder und auf der Internetseite der Stadt. Das wüssten die Germeringer. Deshalb richte sich der Zorn nicht gegen ihr eigenes Rathaus. „Wir haben das Ganze ja weder beeinflusst noch veranlasst.“

Dass eine Baustelle reicht, um das ganze Dreieck Germering, Freiham, Neuaubing ins Verkehrschaos zu stürzen, hat laut Andreas Ruch, Sprecher der Germeringer Polizei, eine einfache Ursache: In der Gegend sei die Verkehrslage sowieso chronisch angespannt. „Die aktuellen Staus sind nur das akute Symptom einer längerfristigen Entwicklung. Im Berufsverkehr haben wir oft bis Alling chaotische Zustände.“ Wer sich in der Gegend auskenne, weiche zwar auf Schleichwege aus. Aber auch die seien immer häufiger überlastet. Oft seien die Straßen so dicht, dass selbst Polizeiautos kaum noch durchkämen. (mmh)

Kommentar der Redaktion

Freiham, Aubing, Lochhausen. Im Ringen um mehr Wohnraum ballert die Stadt München den Gemeinden im Landkreis Fürstenfeldbruck riesige Neubaugebiete quasi vor die Haustür. Alleine in Freiham entstehen 10 000 Wohnungen. Sind die bezogen, beherbergen sie mindestens halb so viele Menschen wie ganz Germering. Dass Nachbarn da etwas mulmig wird, kann ihnen wohl niemand verdenken. Auf Straßen, in S-Bahnen, Bädern, Erholungsgebieten und beim Einkaufen wird es wohl noch enger werden. Und nun liefert die Stadt München mit der Baustelle an der Bodenseestraße gleich einen kleinen Vorgeschmack auf die Zukunft. Viele werden sich noch erinnern, dass da vor nicht allzulanger Zeit schon mal gebaut wurde, als nämlich das erste Stück vierspurig und die völlig sinnfreie Verschwenkung an der Abzweigung ins Gewerbegebiet Freiham eingebaut wurde. Warum konnte man nicht gleich alles in einem Aufwasch erledigen, statt nun nochmal aufzubuddeln – gleichzeitig mit dem Ausbau der paralell verlaufenden A 96 und der Sanierung des Fahrbahnbelags auf der angrenzenden A 99 an den Wochenenden? Liebe Landeshauptstadt: Vertrauensbildende Maßnahmen sehen anders aus! Das sei hier gesagt, auch wenn Rufe aus der Region oft verhallen, bevor sie im Rathaus am Marienplatz ankommen. (sk)

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