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Kein Unterricht: In eine Regelschule möchte Chiara (12) nicht, auf die Sudbury-Schule darf sie nicht mehr. Jetzt muss Mutter Kathleen Sollmann-Hergert eine Alternative finden.

Nach Schließung der Sudbury-Schule

“Chiara möchte an keine andere Schule“

Türkenfeld - Seit drei Wochen ist die alternative Sudbury-Schule am Ammersee geschlossen. Chiara (12) aus Türkenfeld will aber nicht zurück an eine Regelschule. Mutter Kathleen Sollmann-Hergert sucht nach Alternativen.

Chiara, wie fühlt es sich an, wenn alle in die Schule gehen, nur Du nicht?

Ich find’s doof, weil ich gerne in die Schule gehe. Erst habe ich gedacht: Cool, länger Ferien, aber eigentlich waren mir die Ferien dann schon zu lang. Es heißt ja, man soll in die Schule gehen und was lernen, aber in unsere Schule dürfen wir nicht. Das ist doch traurig.

Frau Sollmann-Hergert, jetzt sind Chiara und ihre 14-jährige Schwester Luca zu Hause?

Ich habe verschiedene alternative Schulen angeschrieben, um eine Übergangslösung zu finden. Aber einige dieser Schulen verlangen zum Start eine Einlage zwischen 3000 und 5000 Euro. Das können wir nicht einfach aus dem Ärmel schütteln. Wie alle Eltern zahlen wir ja immer noch Schulgeld, um die Schule und die Lernbegleiter zu unterstützen. Luca macht jetzt jeweils eine Probewoche in der achten Klasse der Mittelschule und der siebten Klasse der Realschule. Aber Chiara hat klar gesagt, dass sie in keine andere Schule gehen möchte. Wir sind dennoch bestrebt, Alternativen zu finden.

Und die Schulpflicht?

Rein rechtlich ist klar, dass die beiden in die Schule müssten. Aber wir möchten die Möglichkeit haben, uns erst mal schlau zu machen. Wir versuchen mit den Ämtern zu kooperieren, bis jetzt klappt das auch. Ich hoffe, dass nicht irgendwann die Polizei vor der Tür steht. Das Trauma will ich meinen Kindern ersparen. Hier werden unsere Kinder zum Sündenbock gemacht und ein Politikum wird auf ihrem Rücken ausgetragen, das kann auch nicht im Sinne einer Staatsgewalt sein.

Wann haben Sie von der Schließung erfahren?

Das war ganz verrückt. Einen Tag vor Schulbeginn rief die Sekretärin der Regelschule in Türkenfeld an. Da wussten wir noch gar nichts. Sie hat meine Tochter gesprochen und ihr gesagt, sie muss bitte am Dienstag mit ihrer Schwester in die Türkenfelder Schule kommen. Luca hat gleich in der Sudbury-Schule angerufen und nachgefragt – die wussten aber noch nichts. Erst am Mittag kam dann das Schreiben vom Verwaltungsgericht.

Aber Sie wussten, dass die Schließung droht.

Wir wussten alle, dass es schwierig wird. Am letzten Schultag war klar: die Regierung erteilt die Genehmigung nicht. Wir haben sofort rechtliche Schritte eingeleitet. Aber dass es nicht mal eine Anhörung vor dem Verwaltungsgericht gab, war für uns alle ein Schock.

Chiara, würdest Du Dich an einer Regelschule überhaupt noch zurechtfinden?

Ich war ja bis vor zwei Jahren auf einer. Wenn ich da wieder hin müsste, würde ich genauso weitermachen, wie auf meiner Sudbury-Schule. Mir kann doch keiner sagen: „Du musst Deine Hausaufgaben machen und weil Du die nicht gemacht hast, kriegst Du jetzt eine Strafarbeit und die musst Du erst recht machen.“ Ich kann über mich selbst bestimmen – niemand anders.

Das könnte zu Konflikten führen, Frau Sollmann-Hergert.

Ja, deswegen ist die Regelschule bestimmt nicht der Weg, den wir gehen.

Die Schulleitung wirft der Regierung vor, bei einem unangekündigten Inspektionsbesuch im April Grenzen überschritten zu haben. Wie hast Du den Besuch erlebt, Chiara?

Ich war im Atelier und hab’ aufgeräumt, weil ich dort für die Sauberkeit zuständig bin. Ich habe gerade die Heißklebepistole weggeräumt, da hat der eine Mann gesagt: „Du weißt schon, dass man dafür einen Erwachsenen braucht? Und dass man sich da die Finger verbrennen kann.“ Der hat mit mir gesprochen, als wär’ ich ein Kindergartenkind. Als eine Freundin von mir gesagt hat, sie will mal Abitur machen, hat er nur gesagt: „Und das soll gehen?“ Als könnten wir alle nichts.

Daraufhin habt Ihr in der Schulversammlung beschlossen, die Leistungsprüfung zu verweigern.

Ein paar haben gesagt, wir wollen diese Tests machen, weil wir denen zeigen wollen, dass wir wirklich was gelernt haben. Ich wollte das nicht. Damit würde man ja gegen das Konzept verstoßen, um das Konzept durchzusetzen.

Frau Sollmann-Hergert, der Schulleitung muss bewusst gewesen sein, dass sie damit die Genehmigung aufs Spiel setzt.

Richtig. Aber von Anfang an war klar: In diesem Konzept gibt es keine Tests. Die Regierung hat das als innovatives Modell genehmigt. Wenn man dann doch Tests einführt, ist das ganze System, das man zuvor aufgebaut hat – nämlich dass die Kinder selbst entscheiden, welche Interessen sie verfolgen und zu welchem Abschluss sie kommen wollen – für die Katz.

Florian Prommer

Florian Prommer

E-Mail:Florian.Prommer@merkur.de

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