Berufsmusiker Eric Stevens lebt in Germering.

Vor der Abstimmung am Donnerstag

Das sagen Brucker Briten zum möglichen Brexit

Landkreis – Der mögliche Ausstieg Englands aus der EU beschäftigt auch Briten, die im Brucker Landkreis leben. Sie fiebern der Brexit-Abstimmung am Donnerstag entgegen.

Rebecca Wright, hier mit Töchterlein Jamie-Lynn, fiebert der Abstimmung am Donnerstag entgegen. Fotos: privat

Rebecca Wright (29) weiß nicht, was sie wählen würde. Die Tochter eines Briten lebt in Bruck. Sie hatte früher die englische Staatsangehörigkeit neben der Italienischen nach ihrer Mutter, jetzt aber nur noch die italienische.  Sie weiß: „Viele wollen sich nicht länger den Gesetzen der EU beugen und haben genug von Euro, Flüchtlingspolitik und Türkei-Verhandlungen“, sagt die Brucker Pflegehilfskraft.

Hier widerspricht Natasha Thomson aus Bruck. Dass sich viele Briten bei EU-Gesetzen übergangen fühlen, ist für die Doktorandin auf mangelndes Verständnis zurückzuführen. Die gebürtige Britin wird am Donnerstag für den Verbleib stimmen, denn: „Die EU ist sehr vorteilhaft für Großbritannien.“

Doch es bestehe großer Aufklärungsbedarf. Wegen der komplexen Funktionsweise würden viele die EU nicht verstehen. Ein häufiges Vorurteil sei, sie beschneide britisches Recht. Doch Thomson, die EU-Recht studiert hat, sagt: „Rund 95 Prozent aller EU-Gesetze werden von Großbritannien unterstützt.“ Die Regierung in Westminster behalte sich zudem viele eigene Bereiche bei, bei denen die EU nichts vorschreiben dürfe.

Doch woher kommt die Fehlinformation? „Manche Parteien verbreiten absichtlich Falsches“, ist sich die 25-Jährige sicher. So etwa Nigel Farage, der Vorsitzenden der Unabhängigkeitspartei UKIP. Der mache Stimmung gegen Migranten, obwohl Großbritannien weniger von der Flüchtlingskrise betroffen sei als andere Länder.

Natasha Thomson hat EU-Recht studiert.

Während sich Ausstiegs-Befürworter auf die Migration versteifen, beziehen sich die EU-Freundlichen vor allem auf die Wirtschaft. Sie fürchten bei einem Austritt verheerende Konsequenzen für den britischen Markt.

Natasha Thomson vermutet, dass die Briten bleiben. Das entscheidende Ereignis ist für sie der Mord an der englischen Abgeordneten Joanne Cox vom vergangenen Donnerstag. Ob die erklärte Pro-EU-Wahlkämpferin wegen ihrer Haltung zum EU-Referendum getötet wurde, ist zwar noch nicht abschließend geklärt. Doch allein die Vermutung habe die Stimmung im Land verändert.

Das vermutet auch Eric Stevens aus Germering. „Das Attentat hat viele Aussteiger aufgerüttelt“, sagt der 75-Jährige, der in Cornwall aufgewachsen ist. Wenn Menschen wie der Mörder für den Ausstieg einträten, würden sich viele für den Verbleib aussprechen. Dennoch: „Bei der Abstimmung wird es eng.“ Stevens ist selbst für den Verbleib in der EU. Weil er aber mehr als 15 Jahre außerhalb Großbritanniens lebt, darf er seine Stimme nicht abgeben.

Berufsmusiker Eric Stevens lebt in Germering.

Wenn UK bleibt, wird aber laut Stevens trotzdem eine Veränderung stattfinden. Denn das Referendum zeige die Unzufriedenheit der britischen Bürger mit der Politik. In Brüssel müsse sich etwas ändern, zum Beispiel sollte die EU effizienter werden.

Wie es für ihn nach einem EU-Austritt weitergeht, weiß der Berufsmusiker nicht. Ob seine unbefristete Aufenthaltserlaubnis bestehen bleiben würde, sei ungewiss. „Dabei ist Deutschland meine zweite Heimat.“ Auch Expertin Natasha Thomson ist besorgt um ihren Aufenthaltsstatus. Die Britin ist in Deutschland aufgewachsen, besucht aber ihr Geburtsland oft. „Ein Austritt würde für mich eine kleine Identitätskrise auslösen.“ Sie würde dann die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen. Denn sie fürchtet wie viele andere Exil-Briten, dass sie sonst ein Visum in Deutschland beantragen oder nicht mehr so einfach in die EU einreisen könnte.  mmh

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