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Gut verwahrt: Damit die Semmel keinen Schaden nimmt, wird sie in dieser alten Kaffeedose sorgfältig aufbewahrt.

Vor 200 Jahren darbten auch die Brucker

Die Semmel aus dem Hungersommer

Landkreis - Derzeit ist auf den Feldern viel los. Die Ernte wird eingebracht. Vor 200 Jahren sah das anders aus. Und nicht nur, weil weder Mähdrescher noch Traktoren existierten. Es gab einfach nichts zu ernten, kaum etwas war auf den Äckern gewachsen – damals 1816, im Jahr ohne Sommer. Es folgte eine verheerende Hungersnot.

Gras, Schwämme, Rinde: Die Menschen aßen damals alles, was sie in die Finger bekommen konnten. So groß war die Not. Zeuge dieser schlimmen Zeit ist ausgerechnet eine Semmel, die vielleicht älteste Bayerns. Sie gehört der Brucker Familie Lerf und wird von Generation zu Generation weitervererbt.

Gebacken wurde die Semmel im Jahr 1817 von einem gewissen Josef Werndl, einem Urahn von Christian Lerf. Wie dieser Werndl mit ihm verwandt ist, weiß der 51-Jährige aber nicht genau, nur, dass er Bäcker war.

Damals war Getreide knapp, Mehl war Mangelware. „Deshalb haben sie den Teig mit Sand oder Kalk gestreckt“, erzählt Lerf. Diese Zutaten sorgten wiederum dafür, dass die Semmel versteinerte und haltbar wurde.

Die vielleicht älteste Semmel Bayerns: Der Brucker Christian Lerf zeigt das Familienerbstück. Es wird von Generation von Generation weitergegeben.

Das fast 200 Jahre alte Backwerk, eine Sternsemmel, hat gerade mal einen Durchmesser von fünf Zentimetern. „Die Sachen damals waren nicht die größten“, sagt Lerf. Aufbewahrt wird die Semmel in einer uralten Kaffeedose aus Blech, eingeschlagen in Butterbrotpapier – damit ihr nichts passiert. Ebenfalls in der Dose befindet sich ein Zettel. Den hat wohl Werndl geschrieben. In verblasster Sütterlin-Schrift steht sein Name und der der weiteren Semmel-Erben drauf – und der Preis. „Die hat damals vier Pfennig gekostet“, so Lerf.

Der Hungersnot vorausgegangen war ein Vulkanausbruch 1815 auf der indonesischen Insel Sumbawa. Der Tambora hatte Asche und Lava in die Atmosphäre geschleudert. In Mitteleuropa kam es zu schweren Unwettern, weltweit fiel die Temperatur. Deshalb ging das Jahr 1816 auch als das „Jahr ohne Sommer“ in die Geschichtsbücher ein.

Auch die Leute im Landkreis Fürstenfeldbruck hatten – wie überall in Europa und Amerika – unter Missernten, steigenden Getreidepreisen und Hunger zu leiden. Jakob Groß schrieb in den 1870er Jahren die Geschehnisse in seiner „Chronik von Fürstenfeldbruck“ nieder.

Demnach fingen die Getreidepreise in der Region bereits in der zweiten Hälfte des Jahres 1816 beträchtlich zu steigen an. Viele Bauern ließen sich dadurch verleiten, „nicht nur ihre Markt-, sondern auch ihre Haus- und Samenvorräte zu verkaufen, in der Meinung, daß in dem getreidereichen Bayern demnächst wieder die gewohnte Wohlfeilheit zurückkehren müsse“. Doch diese Rechnung ging nicht auf – ganz im Gegenteil.

„Und es begann nicht nur in den Städten, sondern auch da und dort auf dem Land die Nahrung zu fehlen“, schreibt Groß. Am 2. Januar 1817 kündigte der Magistrat von Bruck zwar noch das übliche Faschingsrennen am 9. Februar an. Doch geschah dies nicht zum Zwecke des Vergnügens, „sondern vielmehr in der wohlgemeinten Absicht, der Bürgerschaft auch in schlimmer Zeit den aus dem Zusammenströmen vieler Auswärtiger erwachsenden Verdienst nicht entgehen zu lassen.“ Wie in der Chronik steht, wird dieses Rennen nicht besonders fröhlich verlaufen sein.

Nicht nur unter der Hungersnot hatten der Markt Bruck und seine Umgebung zu leiden. Die Region wurde „obendrein durch einen Totalschauer schwer heimgesucht.“ Besonders schwer traf es – wie immer – diejenigen, die sowieso schon nichts hatten. Vor allem der Wald bot ihnen Nahrung. Wie Groß festgehalten hat, wurden essbare Schwämme „mit Begierde gesammelt, geröstet oder sonst zubereitet und verzehrt“. Auch Kartoffeln standen nun auf dem Speiseplan. Gegen die hatte man vor der Hungersnot noch Vorurteile.

Nach zwei harten Jahren, konnte man sich 1818 wieder über einen schönen Sommer und reiche Ernte freuen. Die Jahre der Not waren erst einmal vorbei. Groß schreibt dazu: „Der wackere Posthalter, Joh. Ludwig Weiß, ließ das erste Fuder Getreide, das er eingeheimst hatte, sofort dreschen und von dem Ertrag Brot backen, welches er unter den Armen verteilte. ,Aber’ – so steht in seinem Kalender – bedankt hat sich bei mir eine einzige alte Person!’ “

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