Bergwanderführer muss sich vor Gericht verantworten

Bergführer stehen für Qualität

Garmisch-Partenkirchen - Wandern und Klettern sind längst Sportarten, die die Massen begeistern. Immer mehr Menschen strömen auf die Gipfel – auch im Landkreis Garmisch-Partenkirchen. Grenzen können ihnen staatlich geprüfte Führer aufzeigen.

Der Kick, ein Haken auf der bergsteigerischen To-do-Liste, das treibt viele Leute auf die Gipfel. Entscheidend ist dann, möglichst viele Fotos auf irgendeiner Internet-Plattform zu posten oder Videos von der alpinistischen Höchstleistung hochzuladen. Eine Entwicklung, die Udo Knittel bedenklich findet. „Die Masse an Menschen, die sich mittlerweile im Gebirge bewegt, hat da eigentlich nichts verloren“, sagt der Bergführer aus Garmisch-Partenkirchen, der zudem Erster Vorsitzender der hiesigen Alpenvereinssektion ist. Die Suche nach immer spektakuläreren Routen treibt die Massen längst in die Ferne. Der Kaukasus, der Atlas, die Anden oder der Himalaya sind Ziele, an die sich immer mehr Menschen heranwagen.

Unterschiede zwischen Bergwanderführern und Bergführern

Für drei Urlauber – eine Kärntnerin (65), einen Kölner (61) und eine Bremerin (53) – endete diese Sehnsucht 2012 in Nepal tödlich. Das Unglück hat nun ein Nachspiel vor Gericht: Dem Bergwanderführer aus Garmisch-Partenkirchen, der mit ihnen rund um den Dhaulagiri, den siebthöchsten Berg der Erde, unterwegs war, wird fahrlässige Tötung vorgeworfen. Zu dem Fall, den er gespannt verfolgt, äußert sich Knittel verständlicherweise nicht. Allerdings weist er darauf hin, dass die Ausbildung zum Bergwanderführer, die der Verband Deutscher Berg- und Skiführer (VDBS) seit 2009 anbietet, die einzigen weltweit anerkannten Qualifikationen für kommerzielles Führen in den Bergen sei. Sechs Wochen dauert es, diesen Titel zu erwerben, dem allerdings in Klettersteigen oder auf Gletschern Grenzen gesetzt sind. Die Diskussionen, was machbar ist und was nicht, sind endlos. Allein an der Frage ob der Bergwanderführer, der eine Gruppe problemlos durchs Reintal Richtung Zugspitze führen kann, mit ihnen auch noch die letzten Höhenmeter vom Platt bis zum Gipfel aufsteigen darf, scheiden sich die Geister. Eine Route, die jedes Jahr bei einem Marathon unzählige Bergläufer in Turnschuhen auf sich nehmen.

Schwere Ausbildung zum Bergführer

„Wir diskutieren viel“, betont Knittel. Der Frust darüber, dass es keine einheitlichen Regeln gibt – die Unterschiede sind schon im Vergleich zum benachbarten Tirol groß –, hält an. Und auch darüber, dass es auch im Landkreis sehr viele schwarze Schafe gibt, die gar nicht kommerziell führen dürften.

Nicht überall, wo Bergführer drauf steht, ist auch Bergführer drin. „Die Berufsbezeichnung ist nicht geschützt“, bedauert Knittel. Seit Jahren kämpfen er und seine Kollegen dafür, dass sich das endlich ändert. Bisher vergeblich. Dabei absolvieren sie eine zeit- und kostenintensive Ausbildung, um sich dann staatlich geprüfter Berg- und Skiführer nennen zu dürfen. Nur als solcher ist man befähigt, eine Bergschule leiten, und nur als solcher gehört man der internationalen Vereinigung der Bergführerverbände (IVBV) an.

Der Weg dahin, ist kein einfacher. Wer ihn beschreiten will, muss erst einmal eine Prüfung machen – Klettern, Skifahren, Hochtouren, eben das gesamte Spektrum, das zum Berufsbild gehört. Nur wer diesen Test, den der VDBS zusammen mit der Technischen Universität München abnimmt, meistert, darf die kommenden drei Jahre büffeln. Auf dem Stundenplan stehen dann nicht nur Führungs- und Sicherungstechniken in Fels, Eis und Schnee sowie Ausrüstungskunde und Sicherungstheorie, sondern auch Erste Hilfe, Didaktik, Wetterkunde, Risikomanagement und vieles mehr. Zum Abschluss erwartet die Teilnehmer noch eine Prüfung – und zwar eine ziemlich anspruchsvolle.

Viele wollen Eigenverantwortung abgeben

Was Knittel und seine Kollegen, die sich im Verein der Werdenfelser Bergführer zusammengeschlossen haben, dann anbieten, ist Qualität. Und die hat ihren Preis. Im Schnitt beläuft sich ihr Tagessatz auf 350 Euro für Einzelführungen – abhängig von der Tour. Zur anspruchsvollen Route übers Höllental auf die Zugspitze beispielsweise würde Knittel – „ruhigen Gewissens“ – maximal vier Leute mitnehmen. Die begeben sich zwar in seine Obhut, sind aber trotzdem auch noch für sich selber verantwortlich. Etwas, das immer mehr Leute am liebsten abgeben wollen. „Eigenverantwortung wird gerne vergessen, die ist nicht mehr in den Köpfen drin.“

Eine Erfahrung, die auch Andreas Biberger, Vorsitzender der Werdenfelser Bergführer, gemacht hat. Wer mit einem Profi unterwegs ist, räumt er ein, der sei schon mal entsprechend vorsichtig. Die Entscheidung, was zu tun ist, wenn Komplikationen auftreten, obliegt dann dem Profi. „In letzter Konsequenz muss man umkehren“, erklärt der Bad Tölzer. Die Einsicht, dass das erforderlich ist, fällt zwar schwer, letztlich seien seine Gäste aber immer vernünftig gewesen. „Ich muss sie ja auch wieder gut heimbringen.“ Nachdem er und seine Kollegen auf den schwierigen Routen unterwegs sind, hält er die Entlastung durch Bergwanderführer für wichtig. „Der Kuchen wird immer größer“, meint er angesichts der ständig wachsenden Zahl von Menschen, die’s auf die Gipfel treibt. Entscheidend für ihn und Knittel ist, immer wieder auf ihren Anspruch hinzuweisen. Und ihren Gästen auch mal Grenzen aufzuzeigen.

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