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Nimmt Abschied als Chef des IHK-Gremiums Garmisch-Partenkirchen: Gerhard Lutz.

Grenzen des Wachstums

Die Tage sind gezählt

14 Jahre führte Gerhard Lutz das IHK-Gremium Garmisch-Partenkirchen. In wenigen Wochen endet seine Amtszeit, in einem Landkreis, der seit jeher in Oberbayern Schlusslicht der wirtschaftlichen Leistungskraft ist. Ein Rückblick und ein Ausblick.

Die Tage zählt er nicht gerade, doch seine Tage sind gezählt – als Chef des IHK-Gremiums Garmisch-Partenkirchen und als IHK-Vizepräsident von München und Oberbayern. Gerhard Lutz (60) gibt all seine Ehrenämter auf, die er im Laufe der vergangen Jahre bei der Industrie- und Handelskammer erhalten und erworben hat, um mehr Zeit zu haben für seinen Beruf als Geschäftsführer des Mercedes-Autohauses Hornung. Seine letzte Sitzung als Vorsitzender des IHK-Bau- und Haushaltsausschusses – in dieses Amt ist er für den 2012 verstorbenen Anton Kathrein senior gerückt – hat er am Mittwoch in Ingolstadt geleitet. Ganz weg ist er allerdings noch nicht. Die Suche nach einem Nachfolger für den IHK-Vorsitz im Landkreis beschäftigt ihn. Er hofft auf einen sauberen und kontinuierlichen Übergang. „Ich führe Gespräche mit Kandidaten“, sagt er, „und helfe noch ein bisschen mit.“ Zwei Personen aus dem neuen Gremium, das sich nach der abgelaufenen Wahl am 7. Juni konstituiert, hat er ausgemacht, von denen er sich vorstellen kann, dass sie in seine Fußstapfen treten.

Keine kleinen wird Lutz für die oder den hinterlassen, weil er sich eingesetzt hat für die Region und Lobbyarbeit betrieben hat in einem Landstrich, der seit jeher wirtschaftlich nicht gerade auf Rosen gebettet ist. Seit 2002 hat der Müllers-Sohn aus dem schwäbische Eningen in der Nähe von Reutlingen als Nachfolge des damaligen Chefs der Bayerischen Zugspitzbahn, Dr. Peter Hirt, das IHK-Gremium Garmisch-Partenkirchen geleitet. Es gab und gibt viel zu tun in einem Landkreis, der neben dem Berchtesgadner Land der wirtschaftlich schwächste in Oberbayern ist. „Wir waren immer Schlusslicht“, sagt Lutz. Vor allem, weil lange Zeit in der Staatsregierung die Meinung vorherrschte, es brauche keine Fördergelder für das südliche Oberbayern, obwohl diese Region ähnlich strukturschwach ist wie die früheren Zonenrandgebiete in Oberfranken oder der Oberpfalz. „Gott sei Dank hat sich da etwas seit 2015 geändert“, sagt Lutz. „Es gibt jetzt Projekte der KEG, Leader oder Interreg.“ Präferiert hätte Lutz eine Fachhochschule oder den Zweig einer Universität. „Doch davon waren wir immer ausgeschlossen. Damit musste man leben.“ Das habe dazu geführt, „dass wir uns nicht weiterentwickeln konnten“.

Die Folgen hören sich dramatisch an. Laut Lutz hat die Region zwischen Mittenwald und Spatzenhausen während seiner Amtszeit 2000 Arbeitsplätze verloren. Die großen Namen, die verschwunden sind, heißen Marker, Hummelsheim, Gewa Mittenwald. „Aber es sind auch Baufirmen dabei, die aufgehört haben zu existieren.“ Daraus resultiert unter anderem eine Arbeitslosenquote, die mit mehr als vier Prozent die höchste ist im Arbeitsamtbezirk Weilheim. „Wir werden nie unter dreieinhalb Prozent kommen“, gibt er sich keinen Illusionen hin.

Lutz, der sich selbst als bodenständig, fleißig, grundehrlich, harmoniebedürftig, zielstrebig, aber auch als durchsetzungsstark beschreibt – nicht umsonst hat er bereits mit 27 Jahren im Daimler-Konzern seine erste Führungsaufgabe bekommen – kennt die Gründe, warum der Landkreis schlechter dasteht als die Nachbarn. „Es ist einfach zu wenig nach vorne passiert. Wir haben Strukturprobleme.“ Entwicklungspotenzial sieht er vor allem im Norden um Murnau. „Die kann man in den nächsten Jahren nutzen. Aber uns sind einfach Grenzen gesetzt.“

An Grenzen – nicht nur des Wachstums – ist er häufig in seiner Arbeit gestoßen, wenn es darum ging, Einzelinteressen mit dem großen Ganzen unter einen Hut zu bringen. Besonders in Erinnerung geblieben ist ihm die Mehrwertsteuerermäßigung 2010 für Hotels und Gaststätten – das Prestigeprojekt der damaligen Schwarz-Gelben Regierung. Die IHK lehnte spezielle Regelungen für einzelne Branchen ab, was zu scharfen Auseinandersetzungen mit den Hoteliers im Landkreis führte. Für das Tourismus-geprägte Garmisch-Partenkirchen musste ein Sonderweg beschritten werden. „Das war eine Zeit, in der ich richtig Stress hatte, und das waren Konflikte, die ich nicht brauche.“ Krisengespräche führte er in dieser Zeit vor allem mit Jutta Griess, Kreisvorsitzende des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbands. Die mündeten damals aber in einem guten Ergebnis, „weil wir eine salomonische Lösung gefunden haben“. Und auch die handelnden Personen rauften sich zusammen. Heute pflegen Lutz und Griess einen freundschaftlichen Umgang.

Was ihn allerdings nicht daran hindert, einen kritischen Blick auf das zu werfen, was im Hotel- und Gaststättengewerbe trotz Mehrwertsteuerermäßigung passiert und nicht passiert ist. Seiner Meinung nach zu wenig. Es sei zwar viel und gut modernisiert worden, „aber wir haben immer noch kein neues Fünf-Sterne- oder Vier-Sterne-Plus-Haus – bis auf Elmau. Das ist für ein reines Tourismus- und Gesundheitsgebiet enttäuschend. Das bringt uns nicht weiter“. Lutz sieht, dass der Abstand zu den Nachbarn in Österreich und Südtirol „nicht kleiner, sondern größer geworden ist“. Und er bedauert, dass jedes Projekt, das geplant gewesen war, durch „irgendwelche Initiativen getötet wurde“. Menschen, die etwas bewegen wollen, sieht er zerrieben in einem Spannungsfeld von Interessen, die der Wirtschaft diametral entgegenlaufen. Das sei eine Allianz aus Ruheständlern aus allen Teilen der Republik, die hier ihren Lebensabend verbringen, und Einheimischen, die wollen, dass sich möglichst wenig verändert. „Mit solchen Einstellungen bewegt man nichts“, sagt Lutz. „Wenn nichts investiert wird, wird sich diese Region zurückentwickeln – auch, weil die Visionen fehlen.“ Was Kraft gekostet und Garmisch-Partenkirchen gelähmt habe, seien auch die sechs Jahre gewesen, in denen sich Ex-Bürgermeister Thomas Schmid (CSB) und der ehemalige Landrat Harald Kühn (CSU) aus persönlichen Animositäten heraus, blockiert hatten. „Das war Stillstand hoch vier.“

Um den aufzuheben, zeigt er Wege auf, in welche Richtung es gehen muss, damit die Region in 20 Jahren prosperiert. „Wir brauchen drei bis vier schöne Hotels, einen leistungsfähigen, attraktiven Reha-Bereich für unsere Kliniken – damit würden wir Arbeitsplätze schaffen – , wir müssen die Flächen, die wir in Garmisch-Partenkirchen haben, verdichten, um Unternehmen im Bereich Dienstleistungen hierherzubringen, wir müssen Lösungen für Start-ups finden.“ Viele Themenfelder. Die zu beackern, ist in Zukunft die Aufgabe seiner Nachfolger.

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