Täter nahm an G7-Demonstration teil

Teller wird zum gefährlichen Flugobjekt

Garmisch-Partenkirchen - Ein G7-Demonstrant, der einen Teller in Richtung Polizei geschleudert hatte, bekam vom Garmisch-Partenkirchner Amtsgericht eine Geldbuße von 2400 Euro aufgebrummt. Nur weil der Angeklagte keine Vorstrafen hat, sah die Richterin von einer Freiheitsstrafe ab.

Zu einer gefährlichen Körperverletzung gehört häufig auch ein gefährliches Tatwerkzeug. Das Sortiment ist fast unendlich groß und reicht vom Messer bis zum Schuh. Dass freilich auch ein Suppenteller, so man ihn fliegen lässt, zur gefährlichen Waffe werden kann, das weiß man seit dem G7-Gipfel. Im Rahmen einer Demonstration auf dem Marienplatz in Garmisch flog ein Porzellanteller in Richtung der zahlreichen Polizeikräfte, verfehlte jedoch sein Ziel und zerschellte am Boden. Im Rahmen der juristischen G7-Aufarbeitung, die nach wie vor läuft, saß jetzt ein 34-jähriger Innsbrucker als der mutmaßliche Tellerwerfer auf der Anklagebank. Richterin Linda Behmel verurteilte ihn wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung zu einer Geldstrafe von 2400 Euro. Auch eine Freiheitsstrafe sei möglich gewesen, betonte sie. „Nur weil der Angeklagte keine Vorstrafen hat, sah das Gericht davon ab.“

Staatsanwältin Astrid Matern umriss die Situation am 5. Juni des vergangenen Jahres, gegen 14.30 Uhr auf dem Marienplatz in wenigen Worten: Der arbeitslose Innsbrucker nahm an einer Demonstration teil, bei der es gegen die Militarisierung ging. Genau um 14.28 Uhr nahm er einen jener Keramikteller, mit denen die Demo-Teilnehmer vorher mit Essen versorgt worden waren, in die rechte Hand und schleuderte ihn in Richtung Polizeitruppe. „Ganz klar war der gegen uns gerichtet“, sagte einer der Ordnungshüter, „doch er landete am Boden und zerbrach. Ich sah ihn dann nicht mehr.“

Angesichts der gedrängten Demonstrantenmenge war es freilich nicht ganz leicht, den Mann anschließend und auch jetzt wieder im Gericht zu identifizieren. Denn wie er sahen viele aus: Braune Baseballkappe, Brille mit dunkler Fassung, volles Gesicht. Seinerzeit hatten ja zahlreiche Polizei-Filmteams insgesamt 97 Videos mit einer Gesamtlänge von vielen Stunden gedreht, die sie dann sichteten und zu einer präzise katalogisierten Videothek zusammenschnitten. Aus der filterten sie dann noch am Tattag den Innsbrucker heraus und machten ihn noch am selben Abend namhaft. Ihn ereilte daraufhin ein Strafbefehl von 6000 Euro (150 Tagessätze à 40 Euro). Doch er erhob Einspruch und saß deshalb jetzt mit dem Münchner Anwalt Florian van Bracht als Verteidiger im Amtsgericht.

Bracht ließ schon zu Beginn der Verhandlung die betreffende Video-Passage Bild um Bild (pro Sekunde 30 Bilder) wieder und wieder auf dem Computer-Bildschirm passieren und machte schnell Zweifel geltend: War es der Mann vorn mit der braunen Kappe oder der dahinter, der sich grad wegduckt und verschwindet oder war es der andere, der zwar die gleiche Brille trägt, aber keine Mütze? Angesichts dieses anhaltenden Verwirrspiels war es denn auch kein Wunder, dass er schließlich einige Beweisanträge stellte. Es müssten allerlei videotechnische und antroposophische Gutachter her, um absolute Sicherheit über die Identität des Täters zu gewinnen. Richterin Behmel lehnte diese Anträge allerdings ab, und zeigte sich ebenso wie die Staatsanwältin überzeugt von der Täterschaft des Mannes, den die Polizisten als Schuldigen herausgefunden hatte.

Während die Anklägerin eine Geldstrafe von 2700 Euro beantragte, der Verteidiger jedoch für Freispruch plädierte, zeigte sich Richterin Behmel mit den Worten „ich habe keinen Zweifel“ von der Identität des Mannes auf der Anklagebank mit jener der Videosequenz überzeugt. Auch wenn bei dieser versuchten gefährlichen Körperverletzung eigentlich eine Freiheitsstrafe angebracht sei, belasse es das Gericht angesichts der Tatsache, dass der Angeklagte mit keiner Vorstrafe belastet ist, bei einer Geldbuße von 2400 Euro. „Das ist angemessen und auch notwendig.“

Wolfgang Kaiser

Rubriklistenbild: © dpa

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