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Jubelnde Ski-Fans auf der Tribüne im Kandahar-Zielbereich - 2017 dürfe es sie an dieser Stelle nicht mehr geben. 

Kandahar-Streit: Gewohnte Tribüne muss verschwinden

Weltcup-Aus für Peter Fischer keine Option

Garmisch-Partenkirchen - Das Landgericht München II hat entschieden: Zum Ski-Weltcup 2017 darf das Organisationskomitee seine Tribüne nicht wie bisher aufbauen. Ein herber Schlag für Ausrichter und Gemeinde. OK-Chef Peter Fischer arbeitet an einem Plan B. 

Dieser Freitag war ein „Scheißtag“ für Peter Fischer. Man muss es einmal so deutlich sagen. Erst dieses Gerichtsurteil, das ihn und seinen geliebten Ski-Weltcup vor eine enorme Herausforderung stellt. Dann auch noch dieser Unfall. Bei der Rückfahrt vom Landgericht München II ist ihm an der Donnersbergerbrücke ein Bus ins Auto gefahren, so ein Flexibus aus Kroatien. Nichts Großes, bisschen Blechschaden. Aber an so einem Tag kommt halt alles zusammen. Dabei hätte das Urteil alleine wahrlich gereicht.

Das Gericht hat entschieden: Zum Ski-Weltcup 2017 darf das Organisationskomitee (OK), dessen Chef Fischer ist, seine Tribüne nicht wie bisher aufstellen. Es gab damit einem Landwirt Recht, der gegen das OK geklagt hatte und seine Fläche im Zielbereich nicht länger für die Tribüne zur Verfügung stellen will. Zu sehr sei sie in Mitleidenschaft gezogen worden.

Mit normalem Menschenverstand "nicht nachzuvollziehen"

Fischer hat mit diesem Urteil nicht gerechnet. Mit normalem Menschenverstand „ist das nicht nachzuvollziehen“. Schließlich steht die Tribüne seit 1999 an der Stelle; der Grundstückseigentümer hat in den 17 Jahren nicht gewechselt. Zudem besteht mit dem Bauern ein Vertrag bis 2034. Die Nutzung als Zieleinlauf ist Fischer zufolge damit unstrittig. Nur die Tribüne muss weg.

Dabei hoffte man zuletzt, nach jahrelangem Streit eine Einigung zu erzielen. Der Gemeinderat hatte Bürgermeisterin Dr. Sigrid Meierhofer (SPD) das Mandat erteilt, mit dem Landwirt, dessen Anwalt am Freitag nicht zu erreichen war, über einen Grundstückstausch zu verhandeln. Dem Vernehmen nach sollte er eine weitaus größere Fläche auf der anderen Seite der Bahngleise bekommen, die nicht von den Weltcup-Veranstaltungen betroffen ist. Ein Tausch 7000 Quadratmeter gegen 17 000 Quadratmeter stand wohl zur Debatte. Das OK hätte den Wertausgleich von 140 000 Euro bezahlt. Doch die Notarfrist verstrich, das Angebot verfiel. „Was willst jetzt da noch machen?“, fragt Fischer. Man hat alles angeboten, wäre als Ausrichter finanziell an seine Grenzen gegangen. Offenbar aber „streitet der Mann nur um des Streitens willen“. Dafür fehlt Fischer jedes Verständnis. Und ihm fehlt jede Lust zum Weiterstreiten. Darum schreit er auch nicht gleich nach einer Berufung. Vier Wochen hat das OK Zeit, sich zu entscheiden. Das sollen die Juristen klären, sagt Fischer. Eine neue Auseinandersetzung vor Gericht muss wirklich Sinn machen.

"Ruhe wäre keine eingekehrt"

Am Tag des Urteils sieht er ihn nicht so recht. Auch wenn das OK Recht bekommen hätte. „Ruhe wäre keine eingekehrt.“ Die käme Fischers Ansicht nach erst mit einem Grundstückstausch. Wenn es also keine Berührungspunkte mehr mit dem Landwirt gäbe. Lauter Konjunktive, die Fischer und sein Team nicht weiterbringen. Genauso wenig wie Selbstmitleid.

Frust, Enttäuschung, Ärger – all das fühlt Fischer am Freitag. Und er leidet. Innerlich. Wirklich zu spüren bekommt das seine Frau. Wenn er wieder mal nicht schläft, nichts isst. „Aber ich werde nicht den Kopf in den Sand stecken und weinen.“ Lieber bastelt Fischer an Plan B. Seit Monaten.

Medien aus Deutschland, Österreich und der Schweiz melden sich

Naheliegend ist die Überlegung, den alten Zieleinlauf, den die Athleten bis in die 1980er Jahre gefahren sind, zu reaktivieren. Den Vorschlag hat Fischer schon mit Verantwortlichen besprochen – und verworfen. Sportlich sei das machbar. Doch könnten Touristen drei bis vier Wochen lang nicht die Abfahrt direkt zur Kreuzeckbahn nutzen. Und das mitten in der Hauptsaison. Undenkbar. Fischers Idee sieht anders aus. Verraten will er noch nichts, betont nur: „Ein Plan B ist immer ein Plan B.“ Optisch – nicht sportlich – werde das Ganze an Qualität verlieren. Den Weltcup aber ausfallen zu lassen, ist keine Option.

Zum einen wegen des Skiclubs Garmisch, dessen Vorsitzender Fischer ist: Mindestens 150 000 Euro investiert der SCG jedes Jahr in den Nachwuchs. Geld, das er aus dem Weltcup generiert. Zum anderen wegen des Images für Garmisch-Partenkirchen. Das Medieninteresse nach dem Urteil war enorm. Fernseh-, Radio- und Zeitungsvertreter aus Deutschland, Österreich und der Schweiz wollten Fischer interviewen. Das zeige einmal mehr die Bedeutung des Weltcups.

Ruf von Garmisch-Partenkirchen leidet

Ebenso aber haben Fischer die Fragen der Journalisten vor Augen geführt, wie der Ruf des Ortes durch eine solche Sache leidet. Als Tenor hat er herausgehört: Ist doch alles typisch Garmisch-Partenkirchen, da wird ja immer gestritten. Dabei ist dieses Bild grundfalsch, sagt Fischer. In Sachen Weltcup hätten zuletzt alle – Organisatoren, Bayerische Zugspitzbahn, Gemeinderat – zu 100 Prozent an einem Strang gezogen. Wegen weniger Einzelner leide das Image der Gemeinde. „Und das stinkt mir brutal."

Das ist die Geschichte bis hin zum Urteil: 

Seit Jahren ist einem Landwirt aus Garmisch-Partenkirchen die Zuschauer-Tribüne ein Dorn im Auge, die beim jährlichen Ski-Weltcup auf der Kandahar-Piste aufgestellt wird. Denn die Tribüne, die aus Stahlrohren gesteckt ist, steht fast zur Hälfte (1300 von 2400 Sitzplätzen) auf seinem Grundstück am Zieleinlauf. Mehr noch als diese Tatsache ärgern ihn die Eisenteile, die nach dem Abbau der Tribüne dort zurückgelassen wurden. Deshalb reichte er voriges Jahr Klage auf Unterlassung gegen den Veranstalter, das Organisationskomitee (OK) zur Durchführung von Ski-Weltcup-Rennen, ein. Mit Erfolg: Das Landgericht München II hat ihm nun Recht gegeben.

Das heißt: Dem Organisationskomitee ist es bis zum 31. März 2017 untersagt, auf der Wiese des Landwirts eine Tribüne aufzubauen.

Landwirt versucht im Jahr 2015, Weltcup zu stoppen

Mit dieser Entscheidung stellt sich die Frage, ob das legendäre Rennen auf der Kandahar im kommenden Winter stattfinden kann. Denn ohne Tribüne keine Rennen – so schreiben es die Weltcup-Statuten vor. OK-Chef Peter Fischer beruhigt: Er habe einen Plan B. Er räumt aber auch ein: „Ein Plan B ist immer ein Plan B. Das Ganze wird optisch an Qualität verlieren.“

Im vergangenen Jahr hatte der Landwirt in letzter Minute versucht, die Veranstaltung zu stoppen. Er forderte Schadenersatz in Höhe von 10 800 Euro von der Marktgemeinde und setzte sie damit unter Druck. Hätte er die Zuschauer nicht auf die Tribüne gelassen, wäre das Rennen abgesagt worden. Das Organisationskomitee zahlte schließlich die Summe nebst 6000 Euro Anwaltskosten. Seit vielen Jahren nämlich ist das OK für die Austragung zuständig. Die Marktgemeinde war der Meinung, sie habe dem Komitee die Nutzungsrechte übertragen.

Genau dieses Organisationsgeflecht wurde aber im Verfahren vor Gericht zum Knackpunkt. Der Landwirt hatte 2007 mit der Gemeinde einen Vertrag darüber geschlossen, dass man seinen Grund für den Weltcup nutzen dürfe. Anfang 2015 wurde der Vertrag ergänzt: Das Grundstück dürfe nur als Zielraum genutzt werden, nicht für Tribünen. Es wurde auch klargestellt, dass die Kommune die Nutzungsrechte auf das OK übertragen kann. Im Prozess stellte sich aber heraus, dass sie diese Rechte nie juristisch wirksam auf das OK übertragen hat. Fazit: Der Landwirt muss keine Tribüne dulden.

Katharina Bromberger

Katharina Bromberger

E-Mail:redaktion@gap-tagblatt.de

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