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Besonderer Moment: Bei der Einweihung des Caritas-Jugendhauses St. Josef sucht Weihbischof Wolfgang Bischof den Kontakt zu den jungen Asylbewerbern.

Ein Jahr nach der großen Flüchtlingswelle

Wir können es schaffen

Landkreis - Vor einem Jahr ist eine riesige Flüchtlingswelle ins Land geschwappt. Mit einem „wir schaffen das“ hat Bundeskanzlerin Angela Merkel darauf reagiert. Im Landkreis ist seither sehr viel passiert. 

Nein, der Eifer ist noch nicht erlahmt. Weder bei den über 300 freiwilligen Helfern, ohne die das Flüchtlingsproblem noch einmal ein ganz anderes wäre. Noch bei der Polizei, deren Dienststellen durch die Zusammenarbeit enger zusammengerückt sind. Auch nicht bei der Caritas, die für die Betreuung der Asylbewerber – aktuell leben 1260 im Landkreis Garmisch-Partenkirchen – einen Fachbereich mit 13 Mitarbeitern ins Leben gerufen hat.

Wenn man Joachim Loy, den Leiter der Polizeiinspektion Murnau, nach dem Flüchtlingsansturm Bilanz ziehen lässt, fallen ihm erst einmal ganz viele erfreuliche Erfahrungen im nördlichen Landkreis ein: die hervorragende Zusammenarbeit mit dem Ausländeramt. Wie gut die Gemeinden ihre Bürger auf die heimatlosen Migranten vorbereitet haben, in vielen Versammlungen, offen und transparent. Wie sie auf ihre Ängste eingegangen sind. „Es war super, dass keine Turnhallen belegt wurden“, betont er. „Sowas sorgt für Unmut.“ Wie sich die Helferkreise um die gestrandeten Menschen kümmern. Auch dass es zu keinen Schmierereien an Unterkünften kam, zu keinen Gegendemonstrationen, zu keinen Angriffen gegen die Fremden, zu keinen politisch motivierten Straftaten. Das rechnet Loy der Bevölkerung vom Ammertal bis zum Staffelsee hoch an.

Delikte verschwindend gering

Delikte zum Nachteil der Bürger, die auf das Konto von Asylbewerbern gehen, seien verschwindend gering. Allerdings verzeichnet der Polizeichef einen Anstieg der Straftaten in Heimen. „Vor allem Schlägereien.“ Da rücken die Murnauer Beamten fast jede zweite Nacht aus, unterstützen ihre Kollegen in Garmisch-Partenkirchen, Penzberg, Wolfratshausen und Schongau. „Weil wir uns gegenseitig helfen, sind die Einsätze absolut zu bewältigen, auch personell.“ Die Polizei zeige sich Loy zufolge täglich in den Unterkünften, pflege gute Kontakte zu deren Betreibern, setze angekündigte Maßnahmen konsequent durch: „Das begrüßen auch die Helferkreise.“

Das Fazit von Sarah-Jean Buck, Fachbereichleiterin Asyl bei der Caritas, fällt ähnlich positiv aus. Allerdings differenziert sie, was im Landkreis Garmisch-Partenkirchen und auf höherer politischer Ebene geschieht. Was Buck vor zwei Jahren noch allein mit ihrer Sozialberatung geschafft hat, schultern inzwischen fünf weitere Asyl-Sozialberater, die einmal wöchentlich alle Unterkünfte anfahren. Ein Ehrenamtskoordinator betreut die freiwilligen Helfer, die täglich in den Herbergen Hilfestellung geben. Daneben hat die Caritas selbst Unterkünfte eingerichtet, zwei in Murnau, das alte Krankenhaus in Partenkirchen, je eines in Klais und Wallgau. „Der Landkreis hat sich ebenso wie die Caritas stark entwickelt“, fasst Buck zusammen. Die Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Institutionen laufe sehr gut. Die Bundesagentur für Arbeit habe viele Angebote für Flüchtlinge ins Leben gerufen.

Asylbewerbern wird Integration im Arbeitsmarkt nicht leicht gemacht

Andererseits werde Asylbewerbern die Integration im Arbeitsmarkt nicht leicht gemacht. „Teilweise kommen sie mit einem erlernten Beruf oder abgeschlossenen Studium zu uns. Das anerkennen zu lassen, wird langsam besser, ist aber noch längst nicht optimal.“ So würden hochqualifizierte Leute häufig als Hilfskraft in der Gastronomie landen oder müssten eine neue Ausbildung anfangen. Andere könnten eine Arbeit oder Ausbildung beginnen, wissen aber nicht, wie lange sie im Land bleiben dürfen. „Die Politik muss sich überlegen, wie sie das strukturiert und vereinfacht.“

Handlungsbedarf sieht Buck auch bei der großen Politik, was die Asylverfahren anbelangt: „Das läuft sehr undurchsichtig. Einer wird innerhalb von ein paar Wochen anerkannt. Sein Nachbar im Nebenzimmer kommt aus dem gleichen Land, hat aber nach drei Jahren immer noch keinen Bescheid.“ Den Frust der Betroffenen, die Verzweiflung, die im Extrem zu Selbstmordgedanken führt, bekommt die Sozialberaterin täglich mit. Wenn einer nach dem Dubliner Abkommen in ein anderes europäisches Land zurückkehren müsse, funktioniere die Abschiebung nicht. „Die hängen dann hier im luftleeren Raum. Leider haben wir keinen heißen Draht zum Bundesamt für Migration.“

„Wenn es scheitert, dann nur an den politischen Rahmenbedingungen“

Auch Franz Höcker aus Riegsee bekümmert die Ungleichbehandlung der Flüchtlinge. Seit zwei Jahren bemüht sich der frühere Bürgermeister mit anderen Freiwilligen im Sonnbichlhof in Bad Kohlgrub, die Bewohner an das Leben in Deutschland heranzuführen. Am meisten schmerzt ihn die Zurückstellung der Hilfesuchenden aus Afghanistan: „Man hat den Eindruck, dass die Bundesregierung die Leute schon wieder heimschicken will, weil es in ihrer Heimat angeblich sichere Ecken gibt.“

Alle Probleme, die Buck schildert, kennt Höcker aus seinem Ehrenamt. Das Gefühl der Ungerechtigkeit, die manche traurig und mutlos macht und andere schier in den Wahnsinn treibt. Wie sehr die Heimatlosen am Verlust ihrer Wurzeln und Bindungen leiden. Daran, dass sie nicht gebraucht werden. Der ehrenamtliche Helfer sieht wie die Caritas-Mitarbeiterin das Riesenpotenzial der Zuzügler – gerade angesichts der demografischen Situation in Deutschland. „Wenn es bei einer moderaten Zuwanderung bleibt und wenn die Flüchtlinge einigermaßen gleichmäßig verteilt werden, schaffen wir das“, sagt Höcker überzeugt. „Wir haben in Deutschland ein gutes System und auch das nötige Wissen“, ergänzt Buck: „Wenn es scheitert, dann nur an den politischen Rahmenbedingungen.“ Sie wünscht sich eine klare, lückenlose Gesetzgebung: „Wenn die dann vollzogen wird, würde es allen weiterhelfen."

Eva Stöckerl

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