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Träumen von einem gemeinsamen Leben in Amerika: Mathias Kneißl (Max Pfnür) und seine Herzensdame Mathilde Danner (Natascha Heimes).

Das sagt das Premieren-Publikum

Verbrüdert mit Räuber Kneißl

Garmisch-Partenkirchen - Moderner, hintergründiger, einfach anders – aber nicht weniger überzeugend: Die Kultursommer-Inszenierung „Räuber Kneißl“ fesselte das Premieren-Publikum. Der Protagonist – sowohl der bayerische Volksheld als auch sein Darsteller Max Pfnür – haben Fans.

Gedimmtes Licht auf der Bühne, schwarze Dunkelheit im Zuschauerraum. Nur ein Tisch ist grell erleuchtet. An ihm nimmt Mathias Kneißl (Max Pfnür) Platz. Er trägt Sträflingskleidung, die Haare sind kahlgeschoren. Der Scharfrichter (Gerd Lohmeyer) serviert ihm eine mächtige Portion Knödel und Schweinebraten. Es ist die Henkersmahlzeit des Räuber Kneißl, ehe ihn das Fallbeil am nächsten Tag exekutieren wird. Er bestellt eine zweite Maß Bier, um in der Nacht ein Auge zuzubekommen. Dann fragt er den Scharfrichter: „Können Sie schlafen?“ Stille. „Nein.“ Er rieche immer noch das Blut. Licht aus.

Es sind Szenen wie diese, die das Premieren-Publikum in der vollbesetzten Bayernhalle im Ortsteil Garmisch bei dem Kultursommer-Stück „Räuber Kneißl“ fesseln. Wenn Unterhaltung Betroffenheit, ja vielleicht sogar Mitleid hervorruft. Wenn die Zuschauer sich mit dem Räuber, der für all seine Verbrechen eine Rechtfertigung parat hat, lieber verbrüdern, als mit den Gendarmen, die für Recht und Ordnung sorgen, zu sympathisieren. Regisseurin Angela Hundsdorfer hat die Theaterbesucher mit ihrer moderneren, psychologischen Inszenierung bei den Emotionen gepackt, statt ihnen die bekannte Geschichte des bayerischen Räubers nur zu erzählen. Es wurde ihr gedankt, mit viel Applaus und noch mehr Zuspruch.

Der Kneißl Hias hatte einiges auf dem Kerbholz, beging Verbrechen, für die Menschen jemanden in der Regel verurteilen. Er aber hatte Fans. Zu Lebzeiten. Im Theater. „Ich sympathisiere eher mit dem Räuber. Die anderen sind ja Spießer“, meinte Elisabeth Grünebach aus München mit einem Lächeln. Die 28-Jährige arbeitet selbst als Schauspielerin und zeigte sich begeistert von der Besetzung um Hauptdarsteller Pfnür. Die Charaktere der drei Burschen, also Kneißl, dessen Bruder Alois (Ferdinand Ascher) sowie Josef Schreck (Franz-Xaver Zeller), zählten zu ihren Lieblingen, „weil sie so unterschiedlich sind“. Ins Schwärmen geriet die Künstlerin aber vor allem beim Bühnenbild. „Das ist einfach nicht 08/15.“

Das bestätigt auch Peppi Karg, der Herr über die Bayernhalle. Er selbst war überrascht, wie man die Bühne nutzte. Angefangen von den wackeligen Holzpfählen bis hin zu den Einspielungen aus Kneißls Leben, die auf die ursprüngliche Bayernhallen-Felskulisse projiziert wurden. Über die „Wahnsinns-Dimension“ an Schauspielern will er gar nicht viele Worte verlieren. Im positiven Sinne. Der Räuber und seine Mathilde (Natascha Heimes) überzeugten ihn. Auch Karg ließ Kneißls Entschuldigungen für seine Vergehen gelten. „Ich bin immer auf der Seite der Schwachen.“

Ein anderer muss sich gar nicht erst auf eine solche schlagen. Kneißl selbst. Besser gesagt Hans Reiner aus Bad Kohlgrub. In den 1960er Jahren haben ihn seine Kollegen so getauft. Heute nennen ihn sogar seine Enkelkinder so. Nicht etwa, weil er gewildert oder geraubt hat. Nur aus Spaß. In seiner Arbeit in einer Metzgerei gab es vier „Hans“ und er erzählte immer von seinem Kinderbuch mit der Räubergeschichte. Also wurde aus Hans, der Kneißl. Zum 70. Geburtstag vor ein paar Wochen hat er schließlich von seiner Schwester die Theaterkarte geschenkt bekommen. Damit er mal die wahre Geschichte kennenlernt, nicht die Kinderversion. Ein Volltreffer. „Das war eine Mammut-Veranstaltung“, resümierte er. Der Ammertaler ist voller Lobeshymnen auf die Inszenierung. „Das Stück hat wirklich alles übertroffen, überwältigend“, betonte er. „Das war fast so wie in Oberammergau.“

Alles hat gepasst, die Verschmelzung zwischen der alten Geschichte und der schräg-imposanten Musik, die Bühne mit den wackelnden Holzbalken, die Mischung zwischen Profi- und Laiendarstellern. Gebannt starrte das Publikum auf die Bühne. Kaum ein Geräusch war während der Aufführung zu hören. Mit Ausnahmen. Gelächter brach bei so manchem derberen Satz aus, Zwischenapplaus brandete bei den Gstanzln vom Flecklbauer (Toni Weinberger) auf. Hundsdorfer hat ihren Zuschauern einen emotional-abwechslungsreichen Abend beschert. Und der kam an. Vor allem bei Hans Reiner, ähm Kneißl. „Ich kann heute sicher gut schlafen.“

Weitere Vorstellungen

von „Räuber Kneißl“ finden am morgigen Mittwoch, am 3., 8., 11., 16., 17. und 18. September, jeweils um 19.30 Uhr in der Bayernhalle statt sowie am 4. September um 16 Uhr. Tickets gibt’s im Internet unter www.kultur sommer-gapa.de oder bei Gap-Ticket sowie beim Kreisboten.

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