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„80 Prozent alleinstehende Männer“: Im Abrams-Komplex in Garmisch-Partenkirchen leben insgesamt 250 Flüchtlinge. Seit einigen Wochen gibt es immer häufiger Ärger, auch die Polizei musste ausrücken.

Sorgen in Garmisch-Partenkirchen

Nach Brandbrief: Wie viel Angst hat das Tal?

Garmisch-Partenkirchen - Im Ort geht die Angst um: Seit in einem Flüchtlingsheim viele junge Männer aus Afrika leben, nehmen die Probleme zu. Die Bürgermeisterin schlägt Alarm. Andere Einheimische sagen: ruhig Blut, alles halb so wild. Ein Besuch.

Die Bürgermeisterin sitzt in ihrem Büro und erzählt von den E-Mails, die sie seit einigen Monaten bekommt. Hinter ihr hängen Kunstwerke, auf denen Skifahrer die berühmten Garmischer Berge hinabsausen. Eine Einheimische hat geschrieben, sie sei mit dem Radl durch die Fugängerzone gefahren, es war schon dunkel. Plötzlich sah sie eine Gruppe schwarzer Männer. Das hat ihr Angst gemacht. Die Dunkelhäutigen, so schreibt es die Frau, hätten auch noch dunkle Kleidung angehabt. Man habe sie kaum gesehen.

Bürgermeisterin Sigrid Meierhofer, 60.

Solche E-Mails bekommt die Bürgermeisterin gerade dutzendfach. „Da hat sich etwas fundamental geändert in Garmisch-Partenkirchen“, sagt Sigrid Meierhofer, 60 Jahre alt, SPD, drei Kinder, Ärztin, Opernliebhaberin und gerade nicht zu beneiden. Ein Urlaubsgast hat ihr geschrieben, der Ort sei nicht mehr gemütlich. Auch das hört sie in diesen Tagen öfter. Was Schlimmeres kann man dem Touristenort nicht vorwerfen. Hier geht es an die Substanz. Es gibt Reisebüros, berichten Touristen, die inzwischen vor einem Urlaub in der weltberühmten Gemeinde im Werdenfelser Land warnen.

Auch London schaut auf Garmisch-Partenkirchen

Es ist etwas passiert in Garmisch-Partenkirchen – eine diffuse Angst wabert wie vergifteter Nebel durch den Ort. Spätestens seit Sigrid Meierhofer letzten Freitag einen Brandbrief an die Regierung von Oberbayern geschickt hat, der öffentlich wurde, weiß man inzwischen auch in London und Greifswald, dass etwas Furchtbares passiert sein muss. Aber was?

Es ist Dienstagmorgen, ein Reporter der britischen Boulevardzeitung „Daily Mail“, Auflage über 1,5 Millionen Exemplare, geht mit einem Fotografen um den Abrams-Komplex. Er ist in der Früh extra von London nach Bayern geflogen. Jetzt sucht er hier, rund um die frühere US-Kaserne, das Asyl-Chaos, das Angela Merkels Flüchtlingspolitik sogar im bilderbuchschönen Bayern am Fuße der Zugspitze angerichtet haben soll. Aber richtig fündig wird er nicht. Die Realität ist ein komplexes, widersprüchliches Gebilde.

80 Prozent der Bewohner sind alleinstehende Männer

Im Abrams-Gelände mitten in einer wohlbehüteten Wohngegend waren früher die Amerikaner, beim G7-Gipfel war dort das Justizzentrum mit eigenem Gefängnis. Heute ist es eine Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge. Es ist jener Ort, von dem angeblich die Gefahr ausgeht. Im Brief der Bürgermeisterin heißt es: „Das Ausmaß der aufgetretenen Gewalt sprengt das Maß des bisher Erlebten und Vorstellbaren.“ Und sie schreibt: „Dies gründet sich gerade darin, dass derzeit 80 Prozent der Bewohner alleinstehende junge Männer sind.“ Harte Worte einer sozialdemokratischen Bürgermeisterin. Die Not scheint gigantisch zu sein, man fürchtet ums Image. „Der Tourismus bei uns ist ein ganz fragiles Gebilde“, sagt Sigrid Meierhofer. Schwarzafrikaner im Kurpark, die Alkohol trinken und den Touristen die Plätze auf den Parkbänken wegnehmen, gehören nicht zum Tourismuskonzept.

Anwohnerin Ilse May, 57. 

Bis vor kurzem haben vor allem Flüchtlingsfamilien in der alten Kaserne gewohnt, jetzt sind die meisten der 250 Asylbewerber alleinreisende Männer aus Afrika. Thomas Holzer, der Vizechef der örtlichen Polizeiinspektion, sagt, dass es allein in den letzten sechs Wochen so viele Einsätze auf dem Gelände gab wie in den zwölf Monaten zuvor. Raufereien, Schlägereien und Sachbeschädigungen. Von sexuellen Übergriffen weiß Holzer nichts, ein Flüchtling wurde von einer Mitarbeiterin im Abrams-Areal wegen sexueller Beleidigung angezeigt. Er ist inzwischen nicht mehr im Landkreis.

Keine Frage, auf dem Gelände läuft vieles schief. Menschen, die bis vor kurzem dort gearbeitet haben, erzählen von „syrischen Frauen, die Angst vor afrikanischen Männern haben“, von „Gewalttätern“, die dort untergebracht sind. Vom Streit um die besten Wlan-Plätze. Von Drogen. Vom Kampf um die besten Betten, von Hackordnungen. Von gelangweilten jungen Männern, die nicht wissen, wie sie die Zeit totschlagen sollen.

Vandalismus? Feuer? Nichts davon.

Auch der englische Reporter hat davon gehört, und er hat den Brief gelesen, deswegen ist er hier. Jetzt ist er enttäuscht. „Ich dachte“, sagt er, „hier gibt es Vandalismus, ein brennendes Flüchtlingsheim, solche Sachen.“ Aber es passiert: rein gar nichts. Es regnet, man hat trotzdem einen tollen Blick auf die Skischanze, und ein paar Flüchtlinge stehen vor den Gebäuden und tippen auf ihren Smartphones rum. Der Reporter geht davon. Story futsch.

„Tür ist immer offen.“ Peter Wirzberger.

Stattdessen kommt zufällig Peter Wirzberger, 65, vorbei. Er ist katholischer Kirchenverwaltungsvorstand und wohnt gleich ums Eck. Viele der Flüchtlinge gehen auf dem Weg zur Moschee jeden Tag an seinem Haus vorbei. „Meine Tür ist immer offen“, sagt Wirzberger. „Die Nachbarin hat scho gesagt: ,Schließ endlich mal ab. Nicht, dass was passiert‘.“ Aber Wirzberger, ein uriger Bayer mit Trachtenjanker und weißem Bart, hört nicht auf die Nachbarin: „Ängste oder so hab ich nicht.“ Jedenfalls nicht vor den Flüchtlingen.

Ilse May, 57, die früher Buchhändlerin war, wohnt direkt am Abrams-Komplex. Sie sagt: „Die Amerikaner, die waren lauter.“ Und sie sagt: „Das mit der Insel der Seligen ist auch hier vorbei.“ Sprich: Die weltpolitische Lage, die Flüchtlingskrise verschont auch die bayerische Provinz nicht. Ilse May arbeitet in einer anderen Einrichtung als Flüchtlingshelferin. „Es ist nicht alles toll, da prallen Mentalitäten aufeinander, aber ich fühle mich hier nie unsicher.“ Im Gegenteil: „Ich finde es belebend, wenn Garmisch-Partenkirchen bunter wird.“

Willkommenskultur und Angst - gleichzeitig

Andere erzählen von freundlichen jungen Afrikanern, die „Guten Tag“ sagen, wenn sie an Einheimischen vorbeigehen. Das ist die eine Seite. Es gibt aber auch eine andere. Manche sagen, der „Siedepunkt“ sei erreicht. Oder dass angeblich eine Bürgerwehr gebildet wird. Wovon die Bürgermeisterin aber noch nie gehört hat. Sigrid Meierhofer selbst schreibt in ihrem Brief: „Inwieweit diese Grundstimmung bereits gekippt ist oder in diesen nächsten Tagen kippen wird, vermag ich nicht zu sagen.“ Willkommenskultur und Angst – das alles passiert gleichzeitig. Manchmal geht es auch nicht um Fakten, sondern ums Gefühl. Und Angst ist oft schlimmer als eine geklaute Handtasche.

Wobei, und die Geschichte hört man auch immer wieder, es waren zwei Asylbewerber, die kürzlich einen Raubüberfall auf eine Rentnerin verhindert haben. Es ist aber auch so, dass die Gemeinde in den letzten Wochen so viele Hausverbote für den Kurpark aussprechen musste wie noch nie. Afrikaner haben in den Park uriniert, Müll hinterlassen – für die Gemeinde wurde es untragbar. In der Fugängerzone gibt es an fünf Stellen Gratis-Wlan. Dort versammeln sich die Flüchtlinge, auch spätabends. Inzwischen gibt es auch im Abrams-Gelände Internet, aber viele kommen lieber in die Fußgängerzone, um mit der Familie in Afrika zu chatten. Das stört manche Geschäftsleute, weil die Kunden erst an denen vorbei müssen, um in den Laden zu kommen. Ein Problem? Klar. Eine Katastrophe? Eher nicht.

Bürgermeisterin: „Ich muss das ernst nehmen“

Die Bürgermeisterin schreibt, dass Gastronomen und Hoteliers ihr berichtet haben, dass sie ihren weiblichen Angestellten empfehlen, nach Dunkelheit den Ortskern zu meiden. Das Garmischer Zentrum – eine No-Go-Area? In ausländerfeindlichen Internetblogs, bei der AfD und anderswo hat die Meldung schon begeistert Verbreitung gefunden. Sigrid Meierhofer sagt, das mit der Warnung sei ihr so zugetragen worden und das müsse sie ernst nehmen. Konkrete Fälle, bei denen Frauen nachts von den Flüchtlingen belästigt wurden, kennt sie nicht.

„Fühle mich sicher.“ Annemarie Sattes.

Annemarie Sattes, 29, ist Hotelfachfrau im Wirtshaus am Mohrenplatz mitten in Garmisch. Sie sagt: „Ich habe größere Angst vor Nazis als vor Flüchtlingen.“ Sie geht spätabends oft an den Afrikanern vorbei, die an den Internet-Hotspots sitzen. „Ich fühle mich sicher. Ich wurde noch nie belästigt.“ Eine Kollegin von ihr sagt, dass sie sich schon unwohl fühlt, wenn sie die Männergruppen sieht, aber dass was passiert ist, habe sie auch noch nie gehört.

Andreas Fischer ist der Wirt am Mohrenplatz. Probleme mit den afrikanischen Flüchtlingen, Umsatzeinbußen, ausbleibende Gäste – kann er alles nicht bestätigen. „Meine Gäste haben eher vor den Verschleierten Angst“, sagt er. „Aber nicht vor den Schwarzen.“ Manchmal kommt es zu kuriosen Verwechslungen. Seine Gäste fragen ihn dann, wo diese ganzen arabischen Flüchtlinge mit den Burkas untergebracht sind. Fischer antwortet dann: „Im Hotel. Das sind Urlauber.“ Urlauber, von denen die Marktgemeinde immer stärker profitiert.

Polizei will mehr Streife fahren

Es ist alles wahnsinnig kompliziert in Garmisch-Partenkirchen. Polizei, Landratsamt und die Regierung von Oberbayern haben jetzt beschlossen, dass rund um das Abrams-Gelände vermehrt Streife gefahren und mehr soziales Fachpersonal eingestellt wird. Die Bürgermeisterin sagt: „Das ist der Beginn der Aufarbeitung.“ Zuvor hat sie gedroht, die Erstaufnahmeeinrichtung ganz zu schließen. Sie stört, dass am Reißbrett entschieden werde, welche Flüchtlinge nach Garmisch-Partenkirchen kommen. „Es spielt bisher keine Rolle, ob ein Ort Urlaubsdestination ist.“ Sie hätte natürlich gerne Flüchtlinge, die besser zum Ort passen. „Urlaub hat was mit Wohlfühlfaktor zu tun“, sagt sie.

Nirgends wird das moralische Problem dieser Tage so deutlich, wie wenn Urlauber auf Flüchtlinge treffen. Das ist an den Mittelmeer-Stränden nicht anders als im Werdenfels.

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