Garmisch-Partenkirchen - Alles Schutt und Asche. Nach dem Brand sieht es schlimm aus im ehemaligen Kaufhaus X in Garmisch-Partenkirchen. Ein Statiker hat das Haus angeschaut. Kann es stehenbleiben? Er sagt: Ja.
Es knistert, wenn Sven Frühholz einen Schritt macht. Glas knackt, Schutt knirscht. Der Statiker läuft auf und ab, inspiziert die Wände, die Decke, die verbrannten Überreste auf dem Boden. Immer wieder schauen Mieter vorbei, wollen wissen, wie er den Schaden einschätzt. Frühholz führt sie durch das Chaos, wiederholt seine Feststellungen: die Betondecke ist beschädigt, der Stahl liegt frei, die Dämmung ist völlig weggebrannt. Die Flammen, die am Samstag im Matratzengeschäft Concord an der Hauptstraße ausgebrochen sind, haben vieles zerstört. Aber nicht alles. Der Statiker vom Ingenieur-Büro Frühholz und Wörmann ist „guter Dinge“. Ein Abriss des ehemaligen Kaufhaus X kommt „auf keinen Fall“ in Frage. „Das ist alles zu sanieren.“ Er kann sich vorstellen, dass in den oberen Etagen schon wieder Betrieb herrscht, wenn im Erdgeschoss noch gebaut wird.
Bis es soweit ist, wird es dauern. Die Betroffenen packen trotzdem schon wieder an. Keine Zeit für Schockstarre. Ein Elektriker hat Kabel verlegt, die durch die zerborstenen Fenster in die oberen Stockwerke führen - so werden unter anderem die Telefone der Arztpraxen gespeist, deren Anrufbeantworter auf Hochtouren laufen. Mitarbeiter des Fitnesscenters schleppen Akten. Petra Lämmermann von der Orthopädie Oberland bringt einen Zettel am verrußten Briefkasten an, dass die Post weiter eingeworfen werden kann. Nur, wann der Betrieb wieder losgeht, das kann keiner sagen.
Nur bei Matratzen Concord ist klar: Bis dahin dauert’s Monate. Harald Baurycza, Verkaufsleiter Bayern, schaut am Montag die Räume an: „Furchtbar. Schlimm.“ 200 000 Euro waren die Waren wert, erwähnt er. Beiläufig. Wichtig ist ihm etwas ganz anderes: Seine Angestellte ist gesund. „Gott sei Dank.“ Das Geschäft war noch geöffnet, als sich das Feuer ausbreitete.
Die Verkäuferin, die anonym bleiben möchte, ist am Montag ebenfalls vor Ort. Sie ist in sich gekehrt. Die Polizei ermittelt noch nach der Ursache. Es wird über Feuerwerkskörper spekuliert. Die Angestellte ist sich sicher: „Das war Brandstiftung“, sagt sie mit fester Stimme. Denn kurz vor dem Feuer, Samstag gegen 17.30 Uhr, hörte sie Radau vor dem Fenster, dann ein „Plopp“, plötzlich schlugen ihr Flammen entgegen. „Es war wie ein Feuersog, wie eine Walze.“ Die Frau ruft die Polizei, schlägt den Rauchmelder mit der Faust ein. Und rettet damit vermutlich Leben - die Menschen im Fitnesscenter können von der Feuerwehr gerettet werden. Die Helfer bringen die Flammen unter Kontrolle, verhindern eine völlige Zerstörung der anderen Geschosse.
Der Tag danach: So verheerend wütete das Feuer in Garmisch-Partenkirchen
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Darüber ist Dr. Felix Helmreich von Praxis der Orthopädie Oberland froh. „Vielleicht können wir Anfang nächsten Jahres starten“, sagt der Mediziner. Er und seine Kollegen weichen derweil auf die Praxen in Murnau und Weilheim aus. Gestern wirft Helmreich einen Blick in die Räume an der Hauptstraße. Sein Fazit: „Es ist verrußt und es gibt kleine Wasserschäden. Aber ansonsten schaut es gar nicht so schlimm aus.“ Auch das MRT-Gerät scheint der Hitze standgehalten zu haben. „Sieht aus, als sei es in Ordnung.“ Hier muss überprüft werden, ob der Stahlträger im Boden, der das schwere Gerät sichert, ebenfalls noch stabil ist. „Stahl wird bei Hitze weich wie gekochte Spaghetti“, sagt Statiker Frühholz. Er ist trotzdem optimistisch.
Viele andere, die durch Glasscherben und Ruß laufen mussten, sind es auch. Martina Beller-Sanden zum Beispiel, deren Ballettschule betroffen ist. „Mir kam eine Welle der Hilfsbereitschaft entgegen“, sagt sie gerührt. Die AOK, Medisport und Norys stellen ihr Räume zur Verfügung, damit die 60 Kinder und rund 15 Erwachsenen tanzen können. Kein Kurs fällt aus. „Das ist einfach toll.“
Und auch die Verantwortlichen des Matratzengeschäfts haben den ersten Schreck verdaut - und weiter geht’s. Sie sind dabei, die bestellten Matratzen der Kunden zu besorgen. Und sie suchen bereits als Übergangslösung neue Räume im Ort, um wieder öffnen zu können. Baurycza versichert: „Die beiden Arbeitsplätze bleiben in Garmisch-Partenkirchen erhalten.“ Der Brand hat auch wirklich genug zerstört.
Katrin Martin
