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Eine Lehrstunde in puncto Fantasie erteilt „Prof. Dr. Florin“ (Gaston Florin, 2. v. l.) seinem Publikum im Amphitheater des Michael-Ende-Kurparks.

Phantastische Nacht beim Kultursommer

„Als Spinner lebt sich’s gut“

Garmisch-Partenkirchen - Phantastische Nacht im Amphitheater des Michael-Ende-Kurparks: „Prof. Dr. Florin“ und seine Gäste verzaubern ihr Publikum.

Blaue Sitzkissen und rote Wolldecken wappnen im Amphitheater im Michael-Ende-Kurpark gegen die Kühle des spätsommerlichen Abends. Dem Wasser von oben wäre man dagegen hilflos ausgesetzt. Doch Petrus hat ein Einsehen: Es bleibt trocken. So kann die dicht gedrängte Besuchermenge die über zwei Stunden währenden Darbietungen der Phantastischen Nacht in vollen Zügen genießen. Und sich nach allen Regeln der Kunst verzaubern lassen! Die wunderbare Erkenntnis dieses Abends: Das geht mit einfachsten Mitteln.

Was die Kinder, jedenfalls diejenigen, die ohne elektronische Spielzeuge aufgewachsen sind, noch wussten, haben viele Erwachsene ja vollständig vergessen: Lässt man seiner Phantasie freien Lauf, kann alles passieren. Man muss sich nur einlassen auf diese kindlich-naive Sichtweise, muss das Staunen wieder lernen. Einen besseren Lehrmeister als „Prof. Dr. Florin“ (Gaston Florin) kann man sich dazu nicht wünschen.

Für diesen Abend hat er sein Studierzimmer (oder seine Zauberstube?) im Amphitheater aufgeschlagen. Merkwürdige und rätselhafte Gerätschaften liegen umeinander; in der Mitte lodert ein Feuer. Der Professor, in einen Schlafrock gehüllt, erinnert ein wenig an den kuriosen Zauberer Petrosilius Zwackelmann, doch während dieser Kasperl und Seppl das Leben schwermacht, ist Florin ein ganz Lieber, der vor Beginn Süßigkeiten ans Publikum verteilt – und seine Weisheiten ebenso gratis dazu: „Damit kann man Lakritzmonster anlocken!“ Damit es nicht zu gefährlich wird, muss das Auditorium den „Schlachtruf gegen feuerspeiende Drachen“ einüben. Klappt super, klingt martialisch, wohl auch, weil etliche Schauspieler des Garmisch-Partenkirchner Kultursommers unter den Zuschauern sind, die ungehemmt losbrüllen. „Ich glaube, wir sind sicher“, konstatiert der Professor zufrieden.

Und dann geht’s los: Die Zuschauer werden gleich eingespannt: Sie müssen beispielsweise Wörter auf Zettel schreiben, die in einem Klingelbeutel eingesammelt werden, je ein roter und gelber Zettel werden heraus geangelt, aus den beiden Begriffen entstehen neue Fabelwesen, so der „Bett-Elefant“ oder der „Fragezeichen-Stuhl“, über die Florin sofort doziert, als habe er sie jahrelang erforscht. „Er ist ein unruhiger Geist: Immer bewegen ihn Fragen! Wie viele Einhörner kommen morgen zum Tee? Wer wohnt in einem alten, rostigen Vorhängeschloss?“

Dass aus einfachem weißen Papier schlichtweg alles entstehen kann, beweist Dorothee Jordan, die nicht nur die neu kreierten Fabelwesen Gestalt annehmen lässt. Cellist Jost Hecker bringt einen „Motten-Olm“ als Gastgeschenk und zaubert auf dem Cello jede erwünschte Stimmung. So liefert er die passende Musik für den eindrucksvollen Tanz des „gezähmten Seilings“, die Schlafmusik für den müden Bett-Elefanten oder lockt die „Bach-Fee“ mit einer Musik aus dem Leipzig des Jahres 1725.

Musikalische Verstärkung erfährt er durch Erwin Rehling, ein „Geräuschling-Experte, der wie keiner Glocken-Olme finden kann“. Dieser hat einen besonderen Auftritt: Aus dem dunklen Park kommt er Xylophon spielend auf die Bühne. Ein afrikanischer Trommler auf einer Parkbank nimmt den musikalischen Dialog mit ihm auf. Die vokale Komponente tritt mit Jazzsängerin Nadine Germann hinzu, verkleidet als „Alice aus dem Wunderland“. Und schließlich entert ein „spanischer Gitarrist“ (Ricardo Volkert) die Szene, der die Texte seiner Lieder, von den anderen Musikern spannungsvoll untermalt, fesselnd vorträgt.

Unterdessen hat sich die Dunkelheit über das Amphitheater gebreitet; der Schein des Feuers leuchtet magisch. Der Trommler aus dem Park ist unbemerkt hinzugekommen. Er trägt ein Lied aus seiner Heimat Senegal vor, in das alle auf der Bühne und auch etliche im Publikum improvisierend einstimmen. Ein echter Gänsehaut-Moment!

Bilder: Phantastische Nacht in Garmisch-Partenkirchen

Um zu verdeutlichen, was wir mit unserer Phantasie gemeinhin anstellen, lässt sich Florin in eine Zwangsjacke stecken. „Wie kommt man da heraus? Durch Träumen, Spinnen, der Phantasie Raum geben…“ Die Rettung gelingt. „Als Spinner lebt sich’s gut“, ermuntert er das Publikum. Und gibt zu bedenken: „Wenn 100 Einhörner beim Tee sitzen und du kommst dazu. Wer ist dann das Fabelwesen?“

Sabine Näher

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