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Viele Höhenmeter legt Karl Wörndle mit seinen rund 600 Schafen zurück. Hier weiden sie auf der Alm mit Blick ins Reintal.

Sommer, wie sie sonst keiner erlebt

Seit 20 Jahren bewirtschaften die Wörndles die Bockhütte

Garmisch-Partenkirchen - Hochwasser, Todesfälle, Schweinsbraten-Ausflug: Nach 20 Jahren auf der Bockhütte könnten Annemie und Karl Wörndle Bücher schreiben über ihre Erlebnisse. An Fronleichnam eröffnen sie die Saison. 

Eine Familie, die die Bockhütte liebt: (v. l.) Karl Wörndle senior und junior, Annemie Wörndle, Kathi Rieger und Martina Wörndle.

Essen im Überfluss. Kuchen. Und Schinkennudeln. Schließlich hatten sich Annemie und Karl Wörndle auf viele Gäste eingestellt. Statt der Wanderer und Radfahrer aber kamen der Regen und das Hochwasser. Eine Woche war das Ehepaar von der Außenwelt abgeschnitten. Eingesperrt auf ihrer Bockhütte. „Wir haben nur gegessen“, sagt Karl Wörndle (53) und lacht beim Gedanken an die Tage vor elf Jahren. Doch gab’s Momente, in denen den beiden nicht zum Lachen zumute war. „Du hast gemeint, die Welt geht unter“, erinnert sich Annemie Wörndle (51). Immer höher stieg die Partnach, immer näher kam das Wasser an die Hütte, schwemmte die Terrasse weg. „Wenn’s weiter steigt, müssen wir unserer Sachen packen“, dachte Karl Wörndle damals. „Als Fluchtweg wär’ nur rauf zum Stuiben geblieben.“

Soweit kam’s nicht; der Regen hörte auf – und hinterließ irreparable Schäden. Bei diesem Hochwasser 2005 verschwand die legendäre Blaue Gumpe im Reintal. „Das werde ich nie vergessen“, sagt Annemie Wörndle. Wie sie so vieles nicht vergessen wird. Mit der Bockhütte verbinden sie und ihr Mann ihr halbes Leben. Einige Jahre halfen sie mit; nun verbringen sie dort ihren 20. Almsommer. Karl Wörndle kümmert sich um die etwa 600 Schafe, Ehefrau Annemie um die Ausflügler.

Keinen Tag hat das Berg-begeisterte Paar ihre Entscheidung bereut, die Hütte von der Weidegenossenschaft Partenkirchen zu pachten. „Niemals“, ruft Annemie Wörndle, als wäre die Frage völlig abwegig. „Es ist ein Traum.“ Auch wenn die Umstände über Jahre hinweg bescheiden, nicht jeder Tag lustig, manch’ einer überaus dramatisch war.

Bub stürzt in Partnach

Überaus beliebtes Ausflugsziel: 2011 hat die Weidegenossenschaft Partenkirchen eine neue Bockhütte errichtet.

Wie jener vor über 20 Jahren. Damals hatten Annemie Wörndles Bruder Hansjörg Rieger und ihre Mutter die Hütte gepachtet, die sie drei Jahre führten. Die späteren Pächter unterstützten sie, als ein Mann in die Hütte stürmte – ein Bub sei in den Fluss gestürzt. Sofort raste einer mit dem Motorrad zur höher gelegenen Reintalangerhütte – ein Telefon gibt es auf der Bockhütte bis heute nicht –, um die Bergwacht zu alarmieren. Wörndle und Rieger seilten sich in die Hinterklamm ab. Vom 14-Jährigen aber fehlte jede Spur, über Jahre. Erst sieben Jahre später gab der Fluss Knochen des Buben frei. Annemie Wörndle schüttelt’s. „Wie der Vater geschrien hat. . .“ Sie hört’s noch heute.

Kurz nach diesem Unglück wurde sie als junge Mutter daran erinnert. Die Familie verbrachte ihren ersten Sommer als Pächter auf der Hütte, als eines Tages Töchterchen Martina mit ihren drei Jahren verschwand. Nirgends war sie zu finden, auch nicht in den Betten, wo sie und ihr siebenjähriger Bruder Karli sich oft verkrochen. „Ich hab’ Rotz und Wasser geweint“, sagt die Mutter. Bis die Kleine wieder auftauchte, quietschfidel und rundum zufrieden. Kein Wunder: In der privaten Hütte des Hochalpinen Clubs München wenige Minuten von der Bockhütte entfernt hatte sich das Madl zum Schweinsbratenessen eingeladen. „Den gab’s bei uns ja nicht.“

Lebensmittel in den Schlafzimmern, G’wand in Kisten

Seit hunderten Jahren dient die Bockhütte der Weidegenossenschaft Partenkirchen als Stützpunkt für Hirten im Reintal. Und seit langem ist sie auch beliebtes Ausflugsziel. Ab 26. Mai bewirten Annemie Wörndle und ihr Team die Gäste an den Wochenenden jeweils freitags (einmalig an Fronleichnam) bis sonntags. Ab Freitag, 24. Juni, ist die Hütte täglich geöffnet – bis 11. September. 

Logistisch war an so ein Angebot nicht zu denken. Spartanisch lebten die Wörndles in der Bockhütte. Die Schlafzimmer der Eltern und Kinder dienten zugleich als Lebensmittel-Lager. Der Kleiderschrank der Geschwister bestand aus zwei Kisten, eine mit der Aufschrift „Karli“, auf der anderen stand „Martina“.

2011 baute die Weidegenossenschaft eine neue Bockhütte. Mit richtigem Klo statt der Plumps-Variante. Mit Photovoltaikanlage und Wasserturbine für die Energieversorgung, mit Lager und wunderbaren Schlafzimmern. „Wir wohnen oben jetzt fast luxuriöser als zu Hause“, sagt Annemie Wörndle lachend.

Mit der neuen Hütte stiegen die Gästezahlen. Während Karl Wörndle als Hirte mit Hund Leika und den Schafen auf den weit verstreuten Almen unterwegs ist, helfen seiner Frau an Wochenenden drei Mitarbeiter, auch ihre Kinder unterstützen sie, ebenso Mutter Kathi Rieger. Sie kümmert sich zu Hause um die Wäsche – eine Maschine gibt es auf der Hütte nicht. Ab und zu kommt sie auch noch hinauf, zündet eine Kerze an und stellt Blumen auf an dem Marterl, das für den verunglückten Buben vor über 20 Jahren aufgestellt wurde. Und sie genießt die Zeit an diesem idyllischen Ort.

Die Verbundenheit zur Bockhütte – sie hält offenbar über viele Jahre. Wörndles Vorgänger, Georg und Monika Karg, verbrachten 25 Jahre ihre Sommer dort. Schon als kleiner Bub half Karl Wörndle den Kargs beim Schafehüten.

Ein Vierteljahrhundert schaffen er und seine Frau vermutlich nicht. Sie denken langsam ans Aufhören. Auf jeden Fall läuft ihr Vertrag mit der Weidegenossenschaft Partenkirchen bis Herbst 2017. Bis dahin verwöhnen sie weiterhin die Ausflügler mit selbstgemachten Kuchen. Und Schinkennudeln.

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