Brüder wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt

Selbstjustiz nach wochenlangem Klingelterror

Garmisch-Partenkirchner - Die Nerven lagen blank: Nach wochenlangem abendlichen Klingelstreichen suchten zwei Burgrainer Brüder (35 und 36) nach den Tätern und haben sie gefunden. Nun standen die Familienväter selbst vor Gericht. 

Irgendwie kann man die Wut der beiden Burgrainer Familienväter ja verstehen, auch wenn das, was sie taten, indiskutabel ist: Nachdem ihre Familien nämlich wochenlang in den Abendstunden von üblem Klingelterror genervt wurden und neben Klingelgerassel auch noch rohe Eier und Sand an ihre Fenster knallten, griffen die Brüder (35 und 36) zur Selbstjustiz. Auf der Suche nach den vermeintlichen Tätern fuhren sie zu nächtlicher Stunde durch den Garmisch-Partenkirchner Ortsteil. Prompt stießen sie auf eine Gruppe junger Leute und ließen an ihnen ihre Wut aus: Mit Holzstöcken in den Händen schimpften und bedrohten sie die Heranwachsenden. Zwei von ihnen bekamen auch Schläge ab. Das kommt die Männer jetzt teuer zu stehen: Wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilte sie das Amtsgericht zu je neun Monaten Bewährungsstrafe und 100 Stunden Sozialarbeit.

Um 23.15 Uhr startete der Rachefeldzug

Am 27. November des vergangenen Jahres hätten die Brüder gegen 23.15 Uhr ihren Rachefeldzug durch Burgrain unternommen, heißt es in der Anklage. Am Martin-Luther-Platz machten sie dann eine Gruppe junger Leute aus, die alsbald die Wut der Familienväter zu spüren bekamen: Einen der Burschen hielt der 35-jährige nur fest und bedrohte ihn mit dem Stock. Sein älterer Bruder jedoch schlug auf ein 17-jähriges Mädchen und deren 22-jährigen Freund ein und verletzte beide zwar nur leicht, dennoch hatten sie länger anhaltende Schmerzen an Körper und Armen.

„Wir wohnen mit unseren beiden Familien im selben Haus und hatten fast jeden Tag Ärger mit dem abendlichen Klingelterror“, räumte der 36-Jährige ein. ,„Es war ja so, dass es oft und oft abends an der Wohnungstür läutete, und als wir oder die Kinder dann aufmachten, war niemand da und man hörte nur Lachen. Hin und wieder landete auch eine Handvoll Splitt an unserem Wohnzimmerfenster oder mal ein rohes Ei.“ Und wenn er dann die Polizei gerufen habe, hätten die Ordnungshüter ihnen nur mitgeteilt: „Die machen doch nur Spaß“. Doch geholfen habe ihnen niemand. „Ich weiß auch von einer alleinerziehenden Frau mit zwei Kindern, die demselben Terror ausgesetzt war“, sagte der Angeklagte. Angesichts dieses Dauer-Ärgers hätten sich die Brüder dann entschlossen, die vermutlich jugendlichen Täter zur Rechenschaft zu ziehen. Doch jene, die sie am Luther-Platz fanden, hätten strikt abgestritten, mit den Klingelstreichen etwas zu tun gehabt zu haben.

Ein paar von ihnen sagten jetzt auch vor Gericht aus und schilderten den wütenden Auftritt des Brüderpaars. Sie bestritten jedoch entschieden, selbst die Klingler gewesen zu sein. Doch nach wie vor sei er sich sicher, sagte der jüngere Angeklagte, dass es jene gewesen seien, die sie am 27. November 2015 gegenüber dem Gasthaus entdeckt hatten.

Die irrsten wahren Geschichten der Welt

Die Staatsanwältin beantragte für beide Angeklagte wegen zweifacher gefährlicher Körperverletzung zehnmonatige Bewährungsstrafen, während die Verteidiger Ingo Kaus und Franz Großhauser für lediglich sechs Monate plädierten. Schließlich würden die Verletzungen am untersten Ende der Skala liegen, waren sich die Rechtsanwälte einig.

Richter Paul Georg Pfluger verhängte zweimal neunmonatige Freiheitsstrafen, drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt, sowie Sozialstunden. Zudem merkte er streng an, dass Selbstjustiz, wie sie die Angeklagten vollzogen, „in unserer Rechtsordnung mehr als fremd ist“. Allerdings dürfe auch nicht verkannt werden, dass die Taten vor dem Hintergrund eines anhaltenden Klingelterrors stattgefunden hätten.

Wolfgang Kaiser

Rubriklistenbild: © dpa

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