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Die Aktenberge sind Heidemarie und Dr. Thomas Trickl von ihrem jahrelangen Engagement in der Kommunalpolitik geblieben.

Treibende Kraft zieht sich zurück

"Bürgerstimme" schweigt für immer

Garmisch-Partenkirchen - Die „Bürgerstimme“ ist verstummt. Heidemarie Trickl gab dieser Wählergemeinschaft ein Gesicht und eine Stimme. Sie hat sich bis zum Umfallen für den Erhalt der Krankenhausschule eingesetzt und gegen die Olympischen Winterspiele in Garmisch-Partenkirchen agiert. 

 Der Verein namens „Bürgerstimme“ wurde in aller Stille aufgelöst. Als letzten Akt übergab die Wählergemeinschaft ihr Restvermögen von 450 Euro an den Verein zur Erhaltung der Burgruine Werdenfels. Trickl, die 1995 beruflich nach Garmisch-Partenkirchen kam, war die treibende Kraft der Gruppierung. Sie hat sich aus gesundheitlichen Gründen zurückgezogen. „Mein Körper hat mir Grenzen aufgezeigt.“ Mehr will sie dazu nicht sagen.

Die Frau, die durch zahlreiche Flugblätter, Aktionen und Leserbriefe im Ort bekannt wurde, ist umstritten. Ihre Beharrlichkeit passte nicht jedem. Penetrant, unfähig zu Kompromissen, monieren politische Gegner. Geradlinig und ehrlich, urteilen Anhänger. Zu ihnen gehört Kunigunde Härtlein. „Ohne Frau Trickl gäbe es die Krankenhausschule nicht mehr“, sagt sie überzeugt. Der Naturschützer Axel Doering findet den Ausstieg der „Bürgerstimme“ schade: „Sie hat den Finger in die Wunde gelegt und das hat richtig wehgetan. Sie hat Schneid gehabt und nicht gekuscht.“ Im Kampf gegen Olympia erlebte er Trickl als „ehrenhaften und guten Partner. Wir waren am Anfang als Gegner der Spiele sehr einsam. Es war hilfreich, bei ihr eine Plattform zu bekommen“.

Für Trickl stellt sich die Frage gar nicht, ob sie penetrant oder kompromisslos wirkte. „Ich hab mich verantwortlich gefühlt und meinen Teil getan“, erklärt sie. 2007 begannen ihre Aktivitäten, die Ehemann Dr. Thomas Trickl immer mit Rat und Tat unterstützte. Als die historische Knabenschule abgerissen werden sollte, die auch ihre Kinder besuchten, dachte sie: „Das geht überhaupt nicht.“ Zumal an diesem Platz ein Fünf-Sterne-Hotel entstehen sollte, obwohl dort Bürger in den 1970er Jahren wegen eines Zentrums für Schule, Kindergarten und Spielplatz enteignet worden seien. Erst rief Trickl jeden Gemeinderat an und wollte ihn „mit Argumenten überzeugen“. Als sie keinen Erfolg sah, prangerte sie auf vielen Flugblättern Bausünden der Marktgemeinde an und machte öffentlich, dass das historische Viertel „weit unter Wert“ an Investoren verkauft werden solle. Sie und ihre Mitstreiter verteilten bei den verschiedenen Prospektaktionen nicht nur jeweils 17 000 Exemplare, sondern sammelten auch Tausende von Unterschriften für die Bürgerbegehren.

Sie hatte erst geglaubt, mit zwei Wochen Einsatz sei es getan. Daraus wurden arbeitsreiche Jahre. In zwei Petitionen an den bayerischen Landtag setzte sie sich für die 100-jährige Schule, die grüne Lunge und das alte Viertel ein. Sie gründete eine Bürgerinitiative und den Verein zum Erhalt der historischen Bau- und Landschaftsstruktur in Garmisch-Partenkirchen (VEHBL): „Obwohl ich ein Dreivierteljahr auf breiter Flur allein gekämpft hatte, sollte ich plötzlich nur noch im Hintergrund agieren, weil ich angeblich als ,Schmid-Hasserin‘ verschrien war.“ Mit Kritik am damaligen Bürgermeister Thomas Schmid (erst CSU, dann CSB) hat Trickl tatsächlich nicht gespart: „In seiner Ära wurden viele Bausünden begangen, wurde viel Natur zerstört, viel Tafelsilber verscherbelt und der Ort sehr verschuldet.“ Als Gegenstück zum VEHBL, von dem sie sich ausgebootet fühlte, etablierte sie den „Verein zur „kommunalpolitischen Aufklärung“. Dieser veröffentlichte fleißig Recherchen zur Gemeindepolitik und unterhielt verschiedene Webseiten sowie den Blog „Gap-Fakten.de“.

Auch nachdem am 9. November 2008 der erste Bürgerentscheid zugunsten der Schule mit über 70 Prozent gewonnen war, gab sie keine Ruhe: „Es hat sich abgezeichnet, dass die Gemeinde den Bürgerentscheid aussitzen und die alten Pläne nach einem Jahr verwirklichen wollte.“ Um ihre Sache auf einen breiten Sockel zu stellen, gründete sie die „Bürgerstimme“ mit dem Ziel, auch andere Themen aufzugreifen. Die Wählervereinigung initiierte als erstes einen zweiten Bürgerentscheid, damit das zentrale Gemeindegrundstück um die Krankenhausstraße samt Natur, alter Bebauung und sozialen Einrichtungen dauerhaft zu sichern. Das Begehren, welches mit 83 Prozent gewonnen wurde, scheiterte jedoch am Quorum.

Parallel dazu verfolgte Trickl einen Plan B. Und der ging auf. Auf ihren Antrag hin stellte das Landesamt für Denkmalpflege das Schulgebäude unter Denkmalschutz. Dass die Krankenhausschule weiter besteht, sieht sie als ihren schönsten Erfolg. Die ungezählten Treffen, Leserbriefe, Flugblätter und Unterschriftensammlungen hätten sich gelohnt. Allerdings schmerzt es sie noch immer, dass die Natur und die Ursprünglichkeit dieses Karrees sowie der Kindergartenstandort verloren gegangen seien.

2010, anlässlich der Bewerbung Garmisch-Partenkirchens um die Winterspiele, wurde die umtriebige Bürgerin noch einmal aktiv, bündelte und koordinierte die Protestaktionen der diversen Gruppierungen. Zum Nein zu Olympia fehlten beim Bürgerentscheid am 8. Mai 2011 nur 60 Stimmen. Dies wertet sie ebenfalls als Erfolg: „Denn das Ergebnis hat ganz deutlich gezeigt, dass die Olympia-Gegner nicht, wie behauptet, nur eine kleine Gruppe von Verhinderern waren.“

Das Ende der Ära Schmid hat Trickl erleichtert. „Da wir die Gemeindepolitik einige Jahre öffentlich gemacht haben, schauen die Bürger heute genauer hin“, sagt sie und hofft, dass es nicht nur beim Hinschauen bleibt, weil immer wieder Handlungsbedarf entstehe. Das neue Landratsamt mit dem Flachdach zum Beispiel ist in ihren Augen „eine unverzeihliche Bausünde“. Noch schlimmer findet sie, dass die Bahnliegenschaften an einen Investor „weiterverschleudert“ worden seien: „Dadurch hätte sich unsere Gemeinde sanieren können.“

Heidemarie Trickl sieht Heimat als einen großen Wert, den viele Menschen allerdings erst schätzen lernten, wenn er nicht mehr da sei. Dass ihr Vater sein ganzes Leben lang als heimatvertriebener Böhmerwäldler unter dem Heimatverlust litt, habe sie geprägt. Daher sei ihre Ambition, Heimat zu erhalten: „Denn die gibt Wurzeln, Sicherheit und Stärke.“

Eva Stöckerl

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