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Prost! Eberhard Steiner stößt mit Alaa Modardes, Omar und Ehefrau Kinda an – mit Apfelschorle. Danach geht es ins Kino.

Willkommen bei den Steiners

Eine Flüchtlingsgeschichte fast wie im Film

Bad Bayernsoien - Im Film „Willkommen bei den Hartmanns“ nimmt eine deutsche Familie einen Flüchtling auf. Eine Million Menschen haben ihn schon gesehen. In Bad Bayersoien gibt es eine ähnliche Geschichte, die doch ganz anders ist. Ein Kinobesuch mit Eberhard Steiner und Alaa Modardes.

Eine syrische Familie lebt bei Eberhard Steiner im Erdgeschoss. 40 Quadratmeter, Bad, Sofa, Bett – für sie ist es das große Glück. Hier kann Alaa Modardes, 31, mit seiner Frau Kinda, 18, und seinem Sohn Omar, fast 2, ohne Angst leben. Ihr Haus in Damaskus wurde zerbombt. Steiner, 63, Ex-Bürgermeister von Bad Bayersoien im Pfaffenwinkel, kümmert sich um sie.

Fünf Mal Willkommen: Flüchtling Diallo wird von der Freude der Hartmanns ein wenig erschlagen

Das große Glück gibt es auch im Kino. Den Film „Willkommen bei den Hartmanns“ mit Senta Berger und Elyas M’Barek haben bereits 1,1 Millionen Menschen gesehen. Es ist gerade der erfolgreichste Kinofilm im Land. Darin geht es um die wohlhabenden Hartmanns, die den Flüchtling Diallo aus Nigeria aufnehmen. Danach bricht in der Familie das Chaos aus. Es ist eine überspitzte Komödie, die erbarmungslos Klischees abarbeitet. Diallo glaubt, dass eine Frau mit 30 einen Mann und Kinder haben muss. Diallo versteht einfach nicht, dass in Deutschland zwei Schwule zusammenleben dürfen. Welten stoßen aufeinander. So ist es in Deutschland im Jahr 2016 aber nicht nur im Kino – sondern manchmal auch in der Realität.

Wir haben diesen Film zusammen mit Eberhard Steiner und Alaa Modardes angeschaut. Wie wirkt er auf sie? Wie viel Wahrheit steckt in der Komödie? Ein verregneter Abend im Kino in Weilheim. Steiner und Modardes sitzen in Reihe 6, der Film beginnt. Eine der ersten Szenen: Ein Flüchtling mit Turban schreit Diallo im Asylbewerberheim an. Auf Arabisch, kein Untertitel. Niemand im Kino versteht auch nur ein Wort. Bis auf Modardes. Er lächelt – und beugt sich zu Steiner rüber, um zu übersetzen. Der Turban-Träger im Film möchte nicht, dass Diallo den Mülleimer leert – keine Arbeit für Männer. Diallo macht es trotzdem.

Sieben Stunden lang fuhren Modardes, seine Schwiegermutter und 370 andere Flüchtlinge über das Mittelmeer.

Modardes versteht schon recht gut Deutsch. Aber bei hektischen Dialogen geht es ihm zu schnell. Dann übersetzt Steiner. Er spricht mit Modardes im Alltag Bairisch. Dem Syrer gehen mittlerweile „Pfiad di“ und „Servus“ wie selbstverständlich über die Lippen. Er sagt über den Bayern: „Er hilft mir immer.“ So wie im November 2015.

Die beiden kennen sich vom Deutsch-Kurs im Asylbewerberheim. Steiner, der früher Deutsch-Lehrer war, bekommt mit, dass der Flüchtling Probleme hat. Er ist seit März 2014 in Bayern und wird auch anerkannt. Aber seine Frau ist mit Sohn Omar, 1, in der Türkei. Dann ist da noch dieser Brief. In drei Wochen muss der Syrer aus der Asylbewerberunterkunft in Bad Bayersoien im Kreis Garmisch-Partenkirchen ausziehen. Steiner weiß sofort: „Das ist eine Krux. Durch den Tourismus gibt es bei uns keine Wohnungen.“ In dem malerischen Kurort wird Geld mit Touristen gemacht, nicht mit Mietern. Bevor Modardes sein Problem begreifen kann, löst es Steiner. Er räumt sein Arbeitszimmer. Modardes zieht bei ihm ein.

Bei den „Hartmanns“ im Film wird der Einzug von Flüchtling Diallo stundenlang diskutiert, die Frauen der Familie sind dafür, die Männer dagegen. Man könne nicht der ganzen Welt helfen, sagen sie. Bei Steiner ist die Entscheidung eine Sache von Minuten.

Er setzt alle Hebel in Bewegung, damit Kinda und der kleine Omar im Dezember 2015 nachreisen können. Es ist spät in der Nacht, als Modardes am Münchner Flughafen seine Frau endlich wieder in die Arme schließen kann – nach einem Jahr und zehn Monaten. Seinen fast zweijährigen Sohn sieht er das erste Mal. Was er dabei fühlte? „Ohhhh“, sagt Modardes. Er lächelt. Er denkt gerne an diesen Moment zurück.

Gemeinsam zum Wandern gehen die deutsche und syrische Familie gerne. Hier auf dem Hörnle (Bad Kohlgrub).

Steiner ist für die syrische Familie ein Glücksfall. Zwölf Jahre war er Gymnasiallehrer in Ettal und ehrenamtlicher Bürgermeister von Bad Bayersoien zugleich. Jetzt kümmert er sich um Flüchtlinge. Nachdem er Modardes kennengelernt hat, nimmt er ihn mit zu seinem geliebten SC Riessersee. Beim ersten Besuch sitzen sie dicht an der Scheibe. Genau vor ihnen geraten zwei Eishockeyspieler aneinander. Steiner berichtet lachend: „Das hat Alaa gut gefallen.“ Anschließend gehen sie Pizza essen. Ein bisschen wie im Film. Auch dort soll Diallo integriert werden – es mündet aber darin, dass er im aufreizenden Hip-Hop-Video von Sohnemann Basti Hartmann mitspielt. Das gibt Ärger, sogar die Polizei rückt an.

„Willkommen bei den Hartmanns“ lebt von der Übertreibung. Es gibt nur die Flüchtlingsfreunde oder die Flüchtlingsgegner. Manches aber ist in der Realität wie im Film, sagt Steiner. Vorurteile, Unwissenheit, Ängste: Auch in dem 1200-Einwohner-Dorf Bad Bayersoien gab es das. Bei einer Informationsveranstaltung, kurz bevor die Flüchtlinge kamen, fragte jemand: „Was ist, wenn die Asylbewerber unsere Frauen vergewaltigen?“

Als Steiner die Syrer aufnehmen möchte, hört er: „Du traust dich das? Die räumen dir die Bude aus.“ Steiner kann darüber nur lachen. „Manche meinen, die haben das Messer zwischen den Zähnen. Also wirklich nicht. Ich würde für sie die Hand ins Feuer legen.“ Seit 25 Jahren verbringt er seine Urlaube in Nordafrika oder Syrien. Deshalb kann er auch einige Brocken Arabisch. Steiner sagt über die arabische Mentalität: „Wenn sie laut werden, denkt man, sie streiten – dabei unterhalten sie sich nur.“ Steiner sieht das pragmatisch. Ihn stört auch nicht, dass Frauen von manchen arabischen Männern oft ignoriert werden. „Wenn man das weiß, dann ist es eben so.“ Beim christlichen und muslimischen Glauben finde man dafür schnell Gemeinsamkeiten, „das Fasten, Beten oder die Almosen“.

Irgendwie raufen sich Christen und Moslems auch bei „Willkommen bei den Hartmanns“ zusammen. Modardes freut sich, dass das Zusammenleben der Religionen im Film klappt. „In Syrien ist das jetzt nicht möglich“, sagt er.

Junger Trachtler: Der syrischen Familie gefallen die bayerischen Trachtenfeste – Sohn Omar ist schon mittendrin.

Zwischen seiner alten und der neuen Heimat gibt es freilich Unterschiede. Das Essen zum Beispiel. Er will nicht mosern, sagt aber: „Wir kaufen viel arabisches Essen.“ Und Steiner weiß immer, wann Modardes heimkommt: „Zwei Stunden vorher fängt Kinda mit dem Kochen an.“ Oft laden sich die syrische Familie und Steiner gegenseitig ein. „Da biegt sich der Tisch durch.“

Die beiden Familien unternehmen gerne etwas gemeinsam. Steiner nimmt die Syrer zum Wandern mit in die Berge. Sie besuchten den Faschingsumzug, im Sommer waren sie auf Trachtenfesten. Für Steiner gab es dort Bier und Schweinshaxen. Die muslimische Familie bestellte Käse und Kuchen.

Modardes arbeitet in einem Hotel in Bad Bayersoien. Er reinigt die Zimmer, leert den Müll – wie Diallo im Film. Dabei hat der Syrer andere Träume: Er möchte wieder Mechaniker sein wie früher in Damaskus. „Aber es gibt kein Zurück“, sagt er. Sein Haus ist eine Ruine. Als damals 300 IS-Terroristen einfielen, wusste er: Bald fallen Bomben. „Alle Menschen sind geflohen“, sagt er, „zwei Millionen.“ Er und seine schwangere Schwiegermutter reisten auf einem viel zu kleinen Boot mit 370 Flüchtlingen von Libyen nach Italien. Über Innsbruck kamen sie nach München, später landete er in Bad Bayersoien, die Schwiegermutter in Schliersee. Seine Eltern aber wollen ihre Heimat nicht verlassen. Er ruft sie jeden Tag an – und hofft, dass am anderen Ende der Leitung jemand ran geht.

Viel Redebedarf: Angelika Hartmann (Senta Berger) diskutiert mit Diallo – etwa über die Rolle der Frau.

Modardes und seine Familie arbeiten an ihrer Zukunft in Deutschland. Er macht gerade den Führerschein. Lange hat Steiner mit ihm gelernt – im zweiten Anlauf haute es mit der theoretischen Prüfung hin. Steiner übernimmt den Schriftverkehr mit den Behörden, alleine das Arbeitsamt schickte 60 Seiten. Er sagt: „Der Papierkram ist für einen Flüchtling gar nicht zu schaffen.“ Er hilft. Wie immer. „Man wächst in diese Geschichte rein.“ Schon jetzt hat er für ein Happy-End gesorgt. Im Film gibt es auch eins – Diallo wird anerkannt, es gibt eine Party. „Der Film ist gut“, sagt Alaa Modardes. „Es waren Leute da, die den Flüchtlingen geholfen haben.“ Leute wie Eberhard Steiner.

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