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„Bruno“, der Bär kurz vor seinem Abschuss im Rotwandgebiet.

Vor zehn Jahren tauchte er im Landkreis auf

„Bruno“, der Bär und sein Vermächtnis

Landkreis - Ein Braunbär. In Bayern. Mitten im Werdenfelser Land. Fast auf den Tag genau zehn Jahre ist es mittlerweile her, dass „Bruno“ sein Unwesen getrieben hat. Über die richtige Behandlung des Raubtieres gehen die Meinungen auch heute noch weit auseinander. Eine Spurensuche.

Ulrich Wotschikowsky hängt gerade die Wäsche auf. Plötzlich stehen zwei Polizisten am Gartentor. Der Wildbiologe solle „sofort mitkommen“, lautet die Bitte der Beamten. Der Grund für die Besorgnis: Sieben Schafe waren auf einer Frühjahrsweide bei Graswang gerissen worden. Möglicherweise von einem „wilden Tier“. Fachmännischer Rat sei nun gefragt. Am blutigen Tatort findet der Oberammergauer zwar einige ungewöhnliche Hinweise, geht aber zunächst noch davon aus, dass ein Hund am Werk gewesen ist. Doch einen Tag und mehrere in Farchant übel zugerichtete Schafe später, herrscht Gewissheit: „Bruno“ war’s – ein Bär wütet im Werdenfelser Land.

Brunos erste Mahlzeiten

„Wir wurden damals auf dem linken Fuß erwischt“, schildert Wotschikowsky die Situation vor fast auf den Tag genau zehn Jahren. „Niemand war auf so einen Fall vorbereitet.“ Wer soll es ihnen auch verdenken? Knapp 200 Jahre war es her, als der letzte Bär den Weg nach Bayern gefunden hatte. Doch nicht nur die Wildexperten und Behörden standen vor einer großen Herausforderung. Auch die örtlichen Bauern mussten sich unverhofft auf ein neues Problem einstellen. „Gott sei Dank sind diese Zeiten vorbei“, sagt beispielsweise Elisabeth Ostler. Ihre Schafe suchte sich Bruno als erste „Mahlzeit“ in Bayern aus. Noch heute zeigt sie sich verstimmt darüber, wie der Freistaat mit der Thematik umging. „Die haben dem Bären doch den roten Teppich ausgelegt.“ Ihrer Meinung nach hätte man den Einwanderer sofort abschießen und nicht erst versuchen sollen, ihn einzufangen. „Ich ziehe doch nicht meine Nutztiere auf, nur damit sie von so einem wilden Vieh gerissen werden.“ Die vom Staatsministerium geleisteten Zahlungen lässt sie nicht als adäquate Entschädigung gelten. Geld alleine bringe ihre Tiere auch nicht zurück. „Da hängt ja auch eine Menge Herzblut dran.“

So erinnert ein Grainauer an den Bärenbesuch

Heute: Karl Walter will den nächsten Bären mit reichlich Schnaps davon überzeugen, seine Hühner in Frieden zu lassen.

Mit Kritik an der damaligen Regierung steht die Landwirtin nicht alleine. Auch der Grainauer Karl Walter, im Landkreis besser bekannt als „Metzger Kare“, blickt mit Argwohn auf die turbulenten Zeiten zurück. Bruno hatte auf seinem Beutezug einen Halt am Hühnerstall des Kleintierzüchters eingelegt. Neben mehreren Hennen fiel dabei auch die Holzkonstruktion der Kraft des Bären zum Opfer. Für die Bau- und Materialkosten des neuen Stalles musste Walter selbst aufkommen – entgegen anders lautender Versprechungen. „Eine Frechheit“, echauffiert sich der frühere Geflügelhalter noch zehn Jahre danach. Trotzdem nimmt er den Besuch des berühmten Braunbären auch mit Humor. Sogar zwei Schilder hat er zur Erinnerung angefertigt. Das eine kennzeichnet sein Zuhause als „Bärenplatz“, das andere beinhaltet die nicht ganz ernst gemeinte Idee, Meister Petz in Zukunft mit einem ordentlichen Schluck Schnaps zu besänftigen: „Kommt der Bär zu mir zurück, verwende ich einen alten Trick. Ich schenk ihm einen ,Bärwurz‘ ein, dann vergisst er meine Hühnerlein.“

War der Abschuss die richtige Lösung?

Auseinander gehen die Meinungen damals wie heute bei der Frage, wie man am Besten mit dem umtriebigen Bären hätte umgehen sollen. Einfangen und andernorts aussetzen. In einen Zoo bringen. Erschießen. Oder gar komplett in Frieden lassen. Zu diskutierende Möglichkeiten gab es zur Genüge. Einen klaren Standpunkt vertritt Tessy Lödermann: „Das Töten von Bruno war die falsche Entscheidung und sollte immer der letzte Ausweg sein.“ Für die Vorsitzende des Garmisch-Partenkirchner Tierschutzvereines war der Abschuss „ein Zeichen von Hilflosigkeit“. Sie hätte den 110 Kilo schweren Räuber vielmehr betäubt und in den weitläufigen italienischen Naturpark Adamello-Brenta gebracht.

Ähnlich äußert sich Axel Doering, der Kreisvorsitzende vom Bund Naturschutz: „Ich hätte ihn wild leben lassen.“ In seinen Augen habe es sich vor zehn Jahren viel mehr um „Problemmenschen, denn um einen Problembären“ gehandelt. „Es herrschte eine Sensationsgier, wie im Zirkus“, kritisiert Doering. Durch Unwissenheit und die Tatsache, dass ein Bär „schlichtweg nicht im Alltag der Menschen verankert“ sei, habe sich Angst und Sorge in der Bevölkerung breit gemacht. „Eine bessere Aufklärung habe ich damals vermisst.“ Dass Bruno jemals eine Gefahr für die Menschen dargestellt hätte, bezweifelt er. Nicht ohne zu betonen, dass „die absolute Wahrheit“ in diesem Fall niemand beanspruchen könne.

Wildexperte: "Der nächste Bär kommt zu 100 Prozent"

Doch es finden sich auch Fürsprecher des Abschusses. Einer von ihnen ist Professor Wolfgang Schröder. Den Jagdbefehl des damaligen Umweltministers Werner Schnappauf (CSU) hält er zwar nach wie vor für „deutlich verfrüht“, prinzipiell sei es aber nicht falsch gewesen, den Bären aus dem Verkehr zu ziehen. „Ich hätte lediglich etwas länger zugeschaut“, merkt Schröder an. „Der Bär war ja nicht hochgefährlich, sondern lediglich lästig.“ Optionen, wie Bruno einzusperren, kann er nichts abgewinnen. „Damit verletzt man die Würde eines wild lebenden Tieres.“

In Folge der teilweise undurchsichtigen und nur bedingt vorbereiteten Vorgehensweise hat der Freistaat mittlerweile den „Arbeitskreis große Beutegreifer“ ins Leben gerufen. „Ein großer Schritt nach vorne“, lobt etwa Lödermann. Wie wichtig es ist, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen, unterstreicht Wildexperte Wotschikowsky: „Ob morgen oder in zehn Jahren – der nächste Bär kommt zu 100 Prozent.“ Unter verbesserten Voraussetzungen könne man den neuen Bruno dann auch „herzlich willkommen heißen“.

Simon Nutzinger

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