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Erinnerungen an einen Gipfel der friedlichen Proteste

Ein Jahr nach G7: Trotz Morddrohung und grauer Haare überwiegt das Positive

Landkreis - Die mächtigsten Staats- und Regierungschefs tagten am 7. und 8. Juni 2015 auf Schloss Elmau. Im ganzen Landkreis hat der G7-Gipfel Spuren hinterlassen. Er hat Menschen geprägt und Projekte ermöglicht. Bleiben werden den Einheimischen wohl vor allem Erinnerungen an einen Gipfel der friedlichen Proteste.

Die Haarfarbe. Mit Wohlwollen ginge sie als „grau meliert“ durch. Ehrlicherweise aber muss man sagen: Das Grau dominiert. Vor gut zwei Jahren schaute das noch anders aus. Ob’s der G7-Gipfel war, der Thomas Schwarzenbergers Haarfarbe so beeinflusst hat? Der Krüner Bürgermeister, 46, zuckt lächelnd mit den Schultern. „Mei, die Grauen wären wohl so auch gekommen.“ Vielleicht halt nicht so schnell, vielleicht auch nicht so viele. Denn: „Es war eine intensive Zeit.“ In der sich Schwarzenberger in einem weiteren Punkt optisch verändert hat: Zehn Kilo hat er abgenommen. Eine Marginalie vielleicht bei einer Riesen-Veranstaltung wie dem Treffen der weltweit mächtigsten Politiker. Doch Kleinigkeiten wie diese verdeutlichen das große Ganze: Krün befand sich im Ausnahmezustand. Der hat Spuren hinterlassen. Positive. Aber auch erschreckende, von denen Schwarzenberger erst jetzt erzählt. Beiläufig.

Deshalb sorgte sich Bürgermeister Schwarzenberger um seine Familie

Als G7-Erinnerung bleibt Krüns Bürgermeister Thomas Schwarzenberger der Eintrag ins Goldene Buch von Bundeskanzlerin Angela Merkel und US-Präsident Barack Obama.

Ein anonymer Brief lag eines Tages in seiner Post. Eine Morddrohung. Wäre da allerdings nicht die Sorge um seine Familie gewesen – Schwarzenberger hätte das recht gelassen hingekommen. Trotz der polizeilichen Schutzmaßnahmen und Ermittlungen, die am Ende zu nichts führten. Drohungen, Druck und die Sorge, ob alles funktioniert – die permanente psychische Belastung „habe ich nicht als schweren Rucksack empfunden“. Manchmal aber kam er an seine Grenzen. Psychisch wie physisch.

In irgendeiner Phase der Gipfelvorbereitung konnte er kaum noch schlafen. „Totmüde“ fiel er um 22 Uhr ins Bett, ab Mitternacht lag er wach. Sein Arzt riet ihm: „Such Dir einen Ausgleich.“ Den fand Schwarzenberger im Sport. Die Kilo gingen, Schlaf und Energie kamen zurück. Bei 14- bis 16-Stunden-Tagen konnte der „Mister G7“ die auch gebrauchen.

Den Krüner ehrt dieser Titel, den ihm sein Mittenwalder Kollege Adolf Hornsteiner verliehen hat. Doch könnte er auch darauf verzichten. Einer wie Schwarzenberger, der sich Fremden gegenüber als „Gemeinde-Mitarbeiter“ vorstellt, rückt nicht sich, sondern das Team in den Vordergrund, das zum Erfolg – „das war der Gipfel für mich in allen Bereichen“ – beigetragen hat. Von den vielen „feinen Menschen“ schwärmt er, die er getroffen hat. Doch erlebte er auch Enttäuschungen. Besonders traf ihn Unehrlichkeit. Entschieden sich Menschen für „den Weg hintenrum“, anstatt ihm offen gegenüberzutreten, „tut das weh“. Solche Erfahrungen aber blieben die Ausnahme. Ebenso wie jene mit Menschen, die nur „Steine in den Weg geschmissen“ haben“. Oder mit persönlichen Anfeindungen.

Gipfelgegner Benjamin Ruß über seine Bekanntheit seit dem Staatstreffen

Solche haben wohl alle erlebt, die während des G7-Gipfels in der Öffentlichkeit standen. Darunter auch Benjamin Ruß, Sprecher des Aktionsbündnisses „Stop G7 Elmau“. Anfeindungen aber sind ihm „relativ egal. Damit kann ich umgehen“. Als schwer wiegender empfindet der 30-Jährige die „Repression des Staates“. Hinauf bis zum Staatsschutz kenne man seinen Namen, Wohnort und seine Telefonnumer. Erscheint er auf einer Demonstration im südlichen Raum, „weiß mindestens ein Polizist, wer ich bin“. Durch G7 „bin ich halt auf ewig und immer bekannt“.

Er musste lernen, damit umzugehen. Missen aber will er die Zeit nicht. Angesichts der bescheidenen Mitteln, die den Gipfelgegnern zur Verfügung standen, „haben wir einiges erreicht“, findet Ruß. Auch im Kleinen: Er hat sich erst kürzlich mit einer Bekannten vor Ort unterhalten, die sich „früher nicht auseinandergesetzt haben mit großen politischen Themen. Jetzt überlegt sie, wie sie aktiv werden kann“. Vor allem aber verbucht er das Camp in Garmisch-Partenkirchen als Erfolg, das per Gerichtsurteil durchgesetzt wurde – ein Präzedenzfall. Dieses Zeltlager wurde nicht, wie von Politikern und Polizei befürchtet, zur Brutstätte für Gewalt, sondern zum Symbol für den friedlichen Protest.

So erlebte es auch Bürgermeisterin Dr. Sigrid Meierhofer. „In bestem Kontakt“ stand sie mit Camp-Organisator York Runte. Ihm und seinen Mitstreitern erließ sie sogar die Kosten – eine niedrige vierstellige Summe – für Wasser und Müllentsorgung, erzählt sie ein Jahr nach G7. „Weil ich einfach so dankbar war.“ Nicht nur Meierhofer machte sich ein Bild von der guten Stimmung im Camp. Auch Bürger kamen vorbei, suchten das Gespräch, brachten Kuchen und Getränke mit. Polizisiten wurden ebenfalls versorgt; Bürger boten Kaffee oder Brotzeit an.

Schlossherr Dietmar Müller-Elmau wünscht sich Neuauflage in seinem Haus

Noch einmal ein G7-Gipfel auf Schloss Elmau? „Jederzeit“, sagt Dietmar Müller Elmau.

Szenen wie diese sind es, die Schwarzenberger nach wie vor faszinieren: Die Reaktion der Menschen in der Region bezeichnet er als „Phänomen“: Mit einer Freundlichkeit haben sie Polizisten, Rettungskräfte und Demonstranten empfangen, die ihn begeisterte und überraschte. Er ist überzeugt: Diese Offenheit trug entscheidend zur friedlichen Stimmung bei – und damit zum positiven Bild des Landkreises in der Welt.

Im Zentrum stand natürlich Schloss Elmau als Gipfelhotel. Dessen Leiter Dietmar Müller-Elmau hatte von Anfang an die Chancen von G7 für die Region hervorgehoben. Es verwundert also nicht, das er sich eine Neuauflage bei sich im Haus wünscht. „Jederzeit“, sagt er. „Am liebsten jedes Jahr.“ Sein Schloss biete beste Voraussetzungen. „Laut Teilnehmern war es der bisher beste Gipfel, atmosphärisch und politisch.“ Müller-Elmaus Lob gilt dabei auch der „hervorragenden Arbeit der Polizei und Behörden“.

Ein Urteil, dem sich Meierhofer anschließt. Doch trotz der positiven Erfahrungen sowie der wichtigen finanziellen Hilfe des Freistaates bei Sanierungsarbeiten im Rathaus und im Olympia-Skistadion – sie braucht keine Gipfel-Wiederholung. „Einmal reicht.“

Würde Schwarzenberger einen weiteren Gipfel begrüßen?

Ihr Krüner Kollege kommt zu einem anderen Fazit. Das Gesamtpaket aus positiver Werbung, Investitionen, Erfahrungen und Kontakten lassen für Schwarzenberger nur einen Schluss zu: „Ja, ich würd’s auf jeden Fall wieder machen.“ Ein Jahr nach dem Gipfel ist er überzeugt: „Für einen Bürgermeister der Gemeinde Krün gäbe es gar keine andere Antwort – ob er will oder nicht.“ Schwarzenberger würde sogar wollen. „Freilich hätte ich wieder Lust dazu.“

Das liegt auch an seiner Grundeinstellung: Er schaut nach vorne. Der runderneuerte Bahnhof Klais etwa oder die Breitbandversorgung im Isartal – Projekte, die ohne G7 nicht oder erst sehr viel später gekommen wären – empfindet er als großartig. Er freut sich darüber in dem Moment, in dem sie fertiggestellt werden. „Dann aber muss es auch wieder weitergehen.“ Er fährt auch nicht durch Krün und erinnert sich ständig an den Gipfel – vielleicht ab und an, wenn er die nach wie vor versiegelten Gullydeckel entdeckt.

Einen Ort aber gibt es, der für Schwarzenberger noch lange, vielleicht sogar für immer, mit G7 verbunden sein wird: Elmau. „Dort kommen sofort die Gedanken an den Gipfel.“ Grundsätzlich aber ist die Gemeinde längst „zur Tagesordnung übergegangen“, was Themen und Projekte betrifft. Und da würde ein zweiter Gipfel ganz gut passen. „Ich hätte da schon noch Ideen, was man in Krün umbauen könnte“, sagt Schwarzenberger lachend. Dafür würde er auch noch ein paar graue Haare mehr in Kauf nehmen.

Der erste Gipfel-Tag in Elmau: Alle Bilder

Der Gipfel in Zahlen

133 Millionen Euro hat der G7-Gipfel auf Schloss Elmau den Bayerischen Staat gekostet. Das berichtet die Abendzeitung und beruft sich auf die Antwort aus der Staatsregierung auf eine Anfrage der Grünen. Den größten Posten macht demnach die Polizei aus mit 93 Millionen Euro, 16,6 Millionen flossen in den Digitalfunk. Die Kostenbeteiligung des Bundes war von Anfang an auf 40 Millionen Euro gedeckelt. Für verschiedene Projekte bewilligte der Freistaat dabei Zuschüsse. So übernahm er auch einen großen Anteil an den circa 30 Millionen Euro, die in die Infrastruktur im Isartal investiert wurden.

Die Polizei rückte mit rund 20 000 Einsatzkräften im Landkreis an. Ihnen standen lediglich etwa 3600 Demonstranten gegenüber.

Ebenso viele, also 3600 Gullydeckel, hat die Polizei entlang der Protokollstrecke der Staats- und Regierungschefs vom Flughafen bis nach Elmau versiegelt. Die Versiegelungen sind nach wie vor gut zu sehen.

1500 Kräfte von Feuerwehr, Rettungsdienst und Katastrophenschutz waren während des Gipfels im Einsatz, darunter 200 Helfer der Bergwacht.

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