„Die Ziegen sind reines Hobby“: Christine und Ingo Sigl finden deshalb den Beschluss des Amtsgerichts völlig überzogen. foto: sehr

Ohrmarken-Gegner droht Haft

Grainau - Ziegenhalter Ingo Sigl kennzeichnet seine Tiere nicht und zahlt keine Bußgelder. Jetzt greift das Landratsamt durch.

Seit fast zwei Jahren kämpfen Ingo und Christine Sigl im Grainauer Ortsteil Hammersbach ihren „tierischen“ Kampf gegen die Behörden: Das Ehepaar weigert sich, seinen Zwergziegen die gesetzlich verlangten Ohrmarken zu verpassen. 14 Tiere haben sie. Im Sommer sind sie auf der Weide unterm Eckbauer, jetzt im Winter im heimischen Stall. Gelbe Marken tragen sie nicht. „Das ist Tierquälerei“, sagt Ingo Sigl. Bislang gab es Bußgelder, die der 44-Jährige ignorierte. „Ich habe kein Vergehen begangen. Ich handele nach dem Tierschutzgesetz“. Dort heißt es, dass man seine Schützlinge „vor Leid und Qualen schützen muss.“ Doch jetzt wird es für Sigl ernst: Am 27. November flatterte ihm Post vom Amtsgericht Garmisch-Partenkirchen ins Haus. Es geht um den letzten Bußgeldbescheid vom September 2014. 273,45 Euro soll Sigl zahlen. Er hat es natürlich nicht gemacht. Dafür droht ihm der Richter fünf Tage Erzwingungshaft an. Den Knast kann der Ziegenhalter vermeiden - wenn er fünf Tagessätze von je 50 Euro zahlt. Plus Bußgeld. Sigl bleibt stur: „Ich gehe ins Gefängnis.“

Sigl hält die Reaktion des Amtsgerichts für völlig überzogen. Er spricht von „der großen Keule“, die ausgepackt werde. „Das ist ein Verstoß gegen die Verhältnismäßigkeit.“ Genauso so hat er es am 30. November in seinem Protestbrief an das Gericht geschrieben. Die Sigls hatten Vorschläge gemacht, um die Ohrenmarken zu vermeiden: einen Datenchip implantieren, die gelben Marken am Halsband befestigen, alle Zwergziegen beim Haustierzentralregister für die Bundesrepublik Deutschland „Tasso“ registrieren, keine Schlachtung, kein Weidegang mit fremden Tieren. „Der Chip reicht völlig aus“, ist sich Christine Sigl (54) sicher. „Die Ziegen sind ein reines Hobby.“ Aber die Alternativen seien alle vom Landratsamt abgelehnt worden.

Die Kreis-Behörde beruft sich auf die Rechtslage und nennt die Erzwingungshaft einen „durchaus üblichen Vorgang“. Ingo Sigl habe keine Rechtsmittel gegen den Bußgeld- und Zwangsgeldbescheid eingelegt, erklärt Sprecher Stephan Scharf. Weil das Eintreiben des Geldes per Ordnungswidrigkeitverfahren erfolglos blieb, stellte das Landratsamt beim Amtsgericht den Haftantrag. Den Schwarzen Peter schiebt man Sigl zu: Dies sei Folge „der hartnäckigen Weigerung“, das rechtskräftig festgesetzte Bußgeld zu zahlen. Außerdem habe man die Familie mehrfach über die Möglichkeiten zur Ziegen-Kennzeichnung informiert, betont Scharf. „Leider ohne Erfolg.“

Mittlerweile liegt die Entscheidung über Sigls Haft beim Landgericht München II. Dorthin gab das Amtsgericht die Akten ab. Grund: Sigl hatte die 14-tätige Frist zur Zahlung laut Direktor Christian Pritzl nicht genutzt und Beschwerde eingelegt. Sollte der Beschluss für rechtskräftig erklärt werden, bekommt der Grainauer eine Ladung zum Strafantritt. „Wohl in der Justizvollzugsanstalt Garmisch-Partenkirchen“, glaubt Pritzl. Allerdings ist dies davon anhängig, ob gerade ein Platz frei ist. Er rechnet damit, dass Sigl im neuen Jahr hinter Gitter muss. Wenn überhaupt. Denn sollten die Münchner Richter den Beschluss der Amtsgerichtskollegen aufheben, „ist die Sache erledigt“, sagt Pritzl.

Ob die fünf Tage Erzwingungshaft hart sind, möchte der Direktor nicht beurteilen und beruft sich auf die gesetzlichen Vorgaben. Die 250 Euro Ersatzstrafe nennt er aber „nicht am unteren Ende“. Derweil muss sich Ziegenhalter Sigl gedulden: Wann eine Entscheidung getroffen wird, „kann derzeit nicht abgeschätzt werden“, teilt Andrea Titz, Leiterin der Pressestelle am Oberlandesgericht, mit.

Für die Sigls ändert sich nichts an ihrem Kampf gegen die Ohrmarken. An „Lumpi“, „Lisa“, „Xaver“ und den anderen Zwergziegen hängt ihr Herz. „Wir haben unsere Freude an ihnen“, sagt der 44-Jährige. Eines weiß er genau: Auch nach der Erzwingungshaft geht für sie die Sache weiter.

Andreas Baar

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