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Symbolischer Akt gegen Rassismus

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Tatsächlich war Adolf Hitler noch bis 2017 Ehrenbürger von Mittenwald. War. Denn mit einem symbolischen Akt haben sich die heutigen Lokalpolitiker von dem Beschluss des damaligen Gemeinderats, den Diktator zu würdigen, nun endgültig distanziert.

Mittenwald – Es waren drei geschichtsträchtige Mittenwalder Marktgemeinderatssitzungen im Jahr 1933. Drei, die man heute so am liebsten nie gehabt hätte. Am 29. April wurden der damalige Reichskanzler Adolf Hitler gemeinsam mit Reichspräsident General Feldmarschall Paul von Hindenburg und der Staatsminister des Innern, Gauleiter Adolf Wagner, beschlussmäßig zu Ehrenbürgern ernannt. Später folgten Ritter Franz von Epp, Justizrat Dr. Walter Luetgebrune und Professor Albrecht Penck. Es gab, wenn man so will, eine regelrechte Ernennungswelle im Markt Mittenwald.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und dem Untergang des Nationalsozialismus in Deutschland wurde mit dieser Altlast von Seiten der Kommunen unterschiedlich verfahren. Bad Reichenhall machte zum Beispiel schnellen Prozess: Gauleiter Adolf Wagner war bereits am 4. Januar 1946 kein Ehrenbürger mehr. Die Gemeinde Tutzing brauchte dafür bis zum Jahr 2009. Neunburg vorm Wald hat sich bis heute noch nicht öffentlich von dem SA-Obergruppenführer distanziert.

Denn nach dem Tod eines Würdenträgers erlischt die Ehrenbürgerschaft eigentlich automatisch und wird somit, wie auch in Mittenwald, „als nichtig betrachtet“, wie Amtsleiter Hermann Baier im Gemeinderat erklärte. Unter diesem Gesichtspunkt wollte der Freie Wähler Florian Lipp (Dauberweiß) eine Diskussion von der Tagesordnung streichen. „Ich stimme nicht über etwas ab, was es gar nicht mehr gibt“, lautete seine Begründung. Lipps Antrag auf Löschung des Punktes folgten nur seine Fraktionskollegen, und er wurde somit 14:5 Stimmen abgelehnt.

Lipp will sich allerdings nicht falsch verstanden wissen. Mit Nachdruck machte er deutlich, dass er sich von jenen Ehrenbürgern „natürlich distanziert“. Fest steht für ihn aber auch, dass sich „Geschichte nicht ausradieren lässt“ und dem Thema NS-Zeit würde „medial eine zu arge Bedeutung“ beigemessen.

Doch für Bürgermeister Adolf Hornsteiner (CSU) ist dieser Beschluss „ein wichtiger symbolischer Akt“. Denn die Ehrenbürgerwürden von Hitler, von Hindenburg, Wagner, von Epp und Luetgebrune für ungültig zu erklären, heiße gleichzeitig, ein klares Zeichen gegen jede Art nationalsozialistischer Tendenzen und Rassismus zu setzen. „Auch wenn nach geltendem Recht eine Ehrenbürgerschaft mit dem Tode erlischt“, hieß es in dem Beschluss der Verwaltung, „distanzierte sich der Marktgemeinderat einhellig von den im Jahr 1933 getroffenen Beschlüssen.“ Für Hornsteiner ist klar, dass die einstigen Entscheidungen „nicht mehr rückgängig gemacht werden können“. Doch dieses symbolische Signal sei vor allem heute „wichtiger denn je“. Ähnlich sieht es Dieter Schermak (CSU). Er betonte, dass die damaligen Ehrenbürger „tragende Rollen“ hatten. Davon muss man sich „auf jeden Fall distanzieren“. Gerade in Zeiten wie diesen, in denen „wieder ähnliche Tendenzen spürbar“ sind. Deshalb „ist diese Abstimmung mehr als angebracht“. Damit Rechtsextremismus auch künftig nicht toleriert wird.

Den Ball ins Rollen gebracht hatte das Garmisch-Partenkirchner Tagblatt – das sich nach dem Ehrenbürger-Status in Mittenwald erkundigt hatte. Daraufhin recherchierte Hornsteiner mit Gemeinde-Archivar und Historiker Helmut Klinner. Ehrenbürger waren somit bis zu ihrem Tod von Hindenburg, Wagner, Hitler und von Epp. „Dr. Walter Luetgebrune hat mit Schreiben vom 8. Januar 1947 von sich aus die Ehrenbürgerwürde zurückgegeben“, las Amtsleiter Baier vor. Klinner konnte zudem nachweisen, dass bei Professor Dr. Albrecht Penck, der am 7. März 1945 starb, „keine vergleichbare, belastende NS-Zugehörigkeit und somit kein Grund für eine Aberkennung der Ehrenbürgerwürde erkannt beziehungsweise nachgewiesen“ werden kann.

Josef Hornsteiner 

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