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Bodenständiger Weltenbummler: Der Posthalter hat viel erlebt – zu Hause und in der Fremde.

Von Irrwegen, Häuptlingstöchtern und einer Verhaftung

Der ewige Lausbua! Wallgaus Posthalter Bernhard Neuner wird 70

Wallgau - Bernhard Neuner senior ist ein absolutes Unikat. Wallgaus Posthalter genießt das Leben wie kein anderer. Am Dienstag feiert er einen runden Geburtstag und blickt auf viele anekdotenreife Erlebnisse zurück.

Dass es der Neuner Bernhard faustdick hinter den Ohren hat, deutet er schon als Erstklässler an. Damals hat er seine Lehrerin Marianne Baur einmal sauber erschreckt, als er einen Goaßbock zum Unterricht mitbrachte. Die Watsch’n versteht er bis heute nicht, zerrte er das stinkende Tier doch nur in guter Absicht an – sozusagen zu Anschauungszwecken.

Strahlemann: Schon als blonder, siebenjähriger Lausbub hat’s Bernhard Neuner faustdick hinter den Ohren.

Wenn der sonnengebräunte Posthalter-Bernhard diese Anekdote aus den frühen 1950ern erzählt, dann funkeln seine blauen Augen. Kaum zu glauben, dass der ewige Lausbua am Dienstag bei bester Gesundheit im Kreise seiner Liebsten in Heimatort Wallgau bereits seinen 70. Geburtstag feiert. Und der ehemalige Hotelier, Familienvater und Weltenbummler hat noch lange nicht genug. „Ich will das Leben genießen, solange der Herrgott mich lässt.“

Seine ersten Atemzüge hat Neuner am 5. Juli 1946 bei der Hausgeburt im elterlichen Posthotel gemacht. „Ich bin leicht hergangen.“ Was von einem Stammtisch-Freund nicht unkommentiert bleibt. „Ich glaub’ eher, Du warst eine Schieflage“, frozzelt Hans Baur, der Nachkomme von eingangs erwähnter Frau Lehrerin. Baurs Gebirgsschützen-Spezl Neuner antwortet beim Hoagart im lauschigen Post-Biergarten mit einem gütigen Lächeln. Auf jeden Fall kam der Zweitgeborene von Hans und Elly Neuner unter Militär-Kontrolle auf die Welt. Ein Soldat der amerikanischen Besatzer lief mit geladener Pistole im Haus herum – nicht ohne Grund. Der GI suchte den Hausmeister der Post. Der soll im Barmsee-Lager Stoffe gestohlen haben. „Erwischt haben sie ihn nicht“, erzählt Neuner. „Der ist in der Hinterriß abgetaucht.“ Ja, viele Geschichten haben sich in seiner Post abgespielt. Wenn er von ihr erzählt, wird Neuner geradezu sentimental. „Da bin ich geboren, da will auch sterben.“

Mit 15 Jahren schlägt er sich zwei Tage allein durch London

Pustekuchen, meint sein Sohn und Hotel-Nachfolger Bernhard junior. „Dich steck’ ma ins Altersheim nach Mittenwald.“ Ja, der Humor kommt beim Posthalter-Clan niemals zu kurz. Obwohl dem heutigen Jubilar das Lachen schon oft im Halse stecken blieb – beispielsweise in London. Dorthin hatten ihn seine Eltern nach dem Internat in Hindelang und der Mittleren Reife an der Garmisch-Partenkirchner Leopoldschule geschickt. „Englisch soll der Bub lernen“, ordnete der Herr Papa an, fuhr den Filius zum Flughafen und drückte ihm 20 Mark in die Hand. „Da steh’ ich wie der Himbeer-Toni in London, und keiner hat mich abgeholt.“ Bis der damals 15-jährige Neuner bei seiner Gastfamilie Closter im Stadtteil Battersea unterkommt, irrt er zwei Tage durch die Millionen-Metropole. „In Kaufhäusern hab’ ich Obst gekrampfelt.“ Die 20 Mark jedenfalls wollte er nicht opfern.

Nach einem dreiviertel Jahr kehrt der Posthalter-Erbe mit ausreichend Englisch-Kenntnissen zurück, absolviert eine Metzger-Lehre und macht 1970 mit gerade mal 24 Jahren mit der Traumnote eins seinen Meister. Da wurde natürlich im Prüfungsort Landshut mit rund 100 Kollegen ausgiebig gefeiert. Was am Ende zu einer Massen-Keilerei mit einheimischen Burschen führte. Das brachte Bernhard Neuner sogar einen Tag im Gefängnis ein.

Neuner führte den Hund von Liz Taylor Gassi

Heute kann er über diese Episode schmunzeln, auch über jene Begebenheit, die sich Mitte der 1960er im Amazonas-Delta zutrug. Dort schipperte er mit seinem Cousin Sepp Weineisen. Als die beiden sich mit ihrem Boot in den vielen Seitenarmen des Stroms völlig verfranzt hatten, streikte auch noch der Motor. Zum Glück tauchten aus dem Dickicht einige Ureinwohner mit mehreren Einbäumen auf. Im Indio-Dorf wurden die zwei Isartaler festlich empfangen – mehr noch: Dem Neuner Bernhard schenkte der Häuptling sogar seine Tochter – Knochen in der Nase und streng riechend. „Das war die Apokalypse.“ Glücklicherweise konnte er mit etwas Geld eine vorzeitige Hochzeit abwenden.

Bares gab’s kurz darauf auch in Wallgau – und nicht zu knapp – von Hollywood-Diva Liz Taylor. Jedesmal wenn er deren Pekinesen ausführte, drückte sie ihm 100 Dollar in die Hand. Doch was macht dieser Weltstar ausgerechnet in der „Post“? Ganz einfach: Sie hatte ihren nicht minder berühmten Gatten Richard Burton begleitet, der 1965 unter anderem im Isartal den Kinostreifen „Der Spion, der aus der Kälte kam“ drehte. Dabei durfte Neuner für gutes Salär Nebendarsteller Oskar Werner doublen. Eine verrückte Zeit und verrückte Gäste. Jahre später noch war das Burton-Gulasch mit Sardelle und Spiegelei und das Backhendl à la Taylor in der Post der Verkaufsschlager.

Eine Episode noch zum Abschluss – diesmal aus dem Jahr 1980. Damals reisten die Neuner-Brüder Hans und Bernhard zur Steubenparade nach New York. Doch auch dort ging’s nicht ohne Turbulenzen ab. Als die zwei Wallgauer in Gebirgsschützenkluft und mit Gewehr durch die Lobby des Sheraton-Hotels marschieren, werden sie von der vollends irritierten Security überwältigt und abgeführt. Nach gutem Zureden dürfen die Brüder doch noch bei der Parade auf der Fifth-Avenue teilnehmen.

„Wer mich nicht mag, der hat mich halt versäumt.“

Bernhard Neuner hat wirklich einiges er- und durchlebt. Doch mit altklugen Weisheiten gegenüber seinen Söhnen Bernhard junior (47), Hannes (32) und Alexander (22) hält sich der ewige Lausbua lieber zurück. „Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden.“ Mit anderen Worten: Jeder muss selbst seine Erfahrungen machen und die richtigen Schlüsse duraus ziehen. Das gute, alte Posthotel sieht der Seniorchef bei seinem Ältesten jedenfalls in guten Händen.

Nun will der Jubilar die heimische Bergwelt mit seinem E-Bike erkunden und die verbleibende Zeit aufsaugen. Aber gemach, gemach. „Wenn’s pressiert, musst’ langsam machen.“ Und ob er sich mit seiner legeren Lebensphilosophie nicht nur Freunde macht, ist dem Posthalter egal. „Wer mich nicht mag, der hat mich halt versäumt.“

christof schnürer

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