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Im Zentrum eines gewaltigen Streits: die Karwendelbahn in Mittenwald (Kreis Garmisch-Partenkirchen).

Wichtiger Touristenmagnet

So kam es zum Krieg um die Karwendelbahn - und dem drohenden Aus

Mittenwald - Das Unternehmen "Karwendelbahn AG" droht zu zerbrechen. Der Grund: Die Marktgemeinde hat sich mit einer umstrittenen Investorengruppe aus Heidenheim überworfen. Ein Lagebericht.

Ein Phantom geistert durch Mittenwald. Keiner weiß, wer sich dahinter verbirgt. Aber das Phantom ist in aller Munde, weil in seinem Namen seltsame Dinge geschehen – Abmahnungen und Kündigungen aus scheinbar banalen Gründen. Die Rede ist von einer gewissen Aniko Köpf.

Viel weiß man im Oberen Isartal nicht über die Dame. Ende 30 soll sie sein, eine Juristin aus Heidenheim. Was sie seit Ende Februar 2016 aber auch ist: Vorstand der Karwendelbahn AG – also Chefin des operativen Geschäfts dieses Unternehmens, das für den Mittenwalder Tourismus extrem wichtig ist. Die Zukunft hängt gerade am seidenen Faden, denn die beiden Hauptaktionäre – auf der einen Seite die Investorengruppe aus Heidenheim, auf der anderen die Marktgemeinde – befinden sich auf Kollisionskurs. Es herrscht Krieg, keiner weiß, wie er enden wird. Im schlimmsten Fall schließt die Bergbahn. Ein Horror-Szenario für die ganze Region.

Bürgermeister glaubt, dass die Karwendelbahn AG zerschlagen werden soll

Im Angriffsmodus: Mittenwalds Bürgermeister Adolf Hornsteiner kämpft gegen die auswärtigen Investoren.

Mittenwalds Bürgermeister Adolf Hornsteiner (CSU) glaubt, die wahren Absichten seiner „Geschäftspartner“ rund um einen gewissen Wolfgang W. Reich zu kennen: „Die Reich-Gruppe will ihre Ankündigung wahrmachen und die Karwendelbahn AG zerschlagen, die Mitarbeiter entlassen und den Bahnbetrieb einstellen“, heißt es in einer Postwurf-Sendung der Marktgemeinde, die vor wenigen Tagen an alle Haushalte verschickt wurde. Böse Zungen behaupten: Die Bahn soll heruntergewirtschaftet – und dann gewinnbringend verkauft werden. Und zwar an die Gemeinde, die in den sauren Apfel beißen müsste, um die Bahn zu erhalten. Doch so weit soll es unter keinen Umständen kommen: „Der Markt Mittenwald wird alle rechtsstaatlichen Hebel in Bewegung setzen, um zu verhindern, dass die Reich-Gruppe ihr Ziel erreicht.“

Den Feind hat Rathauschef Hornsteiner also ausgemacht: Es ist Wolfgang Wilhelm Reich, 36, ein ehemaliger Degenfechter, der sich ein Geflecht an Firmenbeteiligungen geschaffen hat. 2012 schluckte er die Augsburger Konsortium AG, die Hauptaktionärin der Karwendelbahn. Seitdem weht in dem einst beschaulichen Betrieb ein anderer, ein rauer Wind. Inzwischen gehören Reich um die 46 Prozent der Aktien, denn auch viele einheimische Kleinaktionäre haben damals ihre Aktien an die Auswärtigen verhökert, des schnellen Geldes wegen.

Rosenkrieg um Karwendelbahn: Wie alles begann

Säbelrasseln vorm Arbeitsgericht: Wolfgang Reich (r.) mit seinem verlängerten Arm Patrick Kenntner, April 2016.

Der Karren steckt im Dreck. Es ist der Rosenkrieg am Ende einer schlechten Ehe, die von Anfang an nicht funktionierte. Richtig Fahrt nahm die Provinzposse im Sommer 2015 auf – bei der letzten Aktionärsversammlung, die aber wegen eines Formfehlers anschließend für nichtig erklärt wurde. Damals begann das Stühlerücken in der Chefetage. Die frustrierte langjährige Kaufmännische Leiterin warf die Brocken hin und überließ Schattenmann Reich die Bühne. Dieser kündigte damals vollmundig an: „Bis zum Ende des Jahres wird das Restaurant neu gemacht, selbst wenn ich die alten Möbelstücke selbst herausreißen muss.“ Geschehen ist bis heute nichts. Dafür ließ Reich verbotenerweise eine grelle, rote Beleuchtung am Naturinformationszentrum auf dem Karwendel anbringen – im Naturschutzgebiet. Das irritierte Landratsamt reagierte prompt. Einen Baustopp verfügte es auch gegen den Umbau eines Wohn- und Garagengebäudes sowie die Erweiterung der Bergstation. Der Bürgermeister spricht von „Schwarzbauten ohne Baugenehmigung“.

Seit der Vorstellung des Jahresabschlusses 2013/2014 liegen Hornsteiner keine Geschäftszahlen mehr vor. Niemand im Rathaus weiß, wie gut oder schlecht es der Karwendelbahn geht. Kein Wunder, dass die Marktgemeinde bislang den Kauf der Heidenheimer Anteile an der Bahn abgelehnt hat – zumal die Wertpapiere, so heißt es, zu völlig überhöhten Preisen angeboten worden sein sollen.

Das könnte der Treppenwitz dieser Geschichte werden: Mit der Faust in der Tasche müsste der Bürgermeister den renditehungrigen Heidenheimern um Wolfgang W. Reich irgendwann viel Geld überweisen. Und das Geschäftsmodell dieser Investorengruppe hätte wieder funktioniert: günstig einkaufen, teuer abstoßen und knallhart verhandeln.

Aus dubiosen Gründen wurden Geschäftsführerin und Technikchef vor die Tür gesetzt

Knallhart heißt auch: keine Rücksicht auf die Angestellten. Binnen kurzer Zeit wurden die Geschäftsführerin, der Technikchef und der Betriebsrat Stefan Sellmaier aus dubiosen Gründen vor die Tür gesetzt. Sellmaier hatte Reich und Co. erst Ende April eine krachende Niederlage vor dem Arbeitsgericht in Garmisch-Partenkirchen verpasst. Der Vorwurf, der Betriebsrat habe verbotenerweise Dienstkleidung, nämlich Winterhosen, bestellt, sah der Richter als völlig haltlos an. „Sie haben gewonnen“, meinte er zu Sellmaier, „und das ohne Wenn und Aber.“

Die Lage der Karwendelbahn.

Geholfen hat der Triumph vor Gericht bislang nichts. Im Gegenteil: Neulich stellten ihm die Karwendelbahn-Chefs das Kündigungsschreiben zu. Der Geschasste nahm’s gelassen. „Ich räum’ die Schupf auf und schau’, dass die Zeit vergeht.“ Sellmaier trösten zumindest die Worte des Richters, der am Ende der Verhandlung zu ihm meinte, er solle „Vertrauen in die Gerichte haben“.

Mit diesen hat Wolfgang W. Reich schon viele einschlägige Erfahrungen gemacht. Der Heidenheimer, der laut Impressum immer noch als Mit-Vorstand der Karwendelbahn firmiert, ist vorbestraft: wegen unrichtiger Darstellungen, falscher Angaben in sieben Fällen und verbotener Marktmanipulation in 22 Fällen. Dafür verhängte das Landgericht Stuttgart eine Freiheitsstrafe von 18 Monaten auf Bewährung. Das Urteil ist seit Februar 2014 rechtskräftig.

Das ist natürlich ein gefundenes Fressen für die Marktgemeinde Mittenwald, die seit Gründung der AG 1967 etwa 32 Prozent der Aktien hält und somit über eine Sperrminorität bei der Karwendelbahn verfügt. In einer Erklärung aus dem Rathaus wird scharf Richtung Heidenheim geschossen: „Zuletzt hatte die Reich-Gruppe einen einschlägig vorbestraften Straftäter als Vorstand agieren lassen, obwohl diesem die Amtsführung gesetzlich verboten ist.“

Das Phantom Aniko Köpf: Die Unbekannte macht die Menschen nervös

In der Tat laufen gegen Reich seit einiger Zeit Löschungsverfahren in diversen Registergerichten – denn er hat in seinem Firmen-Konglomerat nicht nur bei der Karwendelbahn das Sagen. Stellungnahmen seinerseits gibt es schon lange keine mehr. Presse-Anfragen blieben stets unbeantwortet. Wie auch die Rathaus-Vorderen operiert er lieber mit offiziellen Verlautbarungen – und auch die haben es in sich.

In einer wird das Feuer auf den Bürgermeister und seinen Stellvertreter Gerhard Schöner (CSU), der die Kommune im Aufsichtsrat vertritt, eröffnet. Reichs Kompagnon Patrick Kenntner, seines Zeichens Vorstand der Konsortium AG und verlängerter Arm in Mittenwald, hat die Erklärung in Umlauf gebracht: „Nunmehr sind die Gemeinderäte gefordert, dem Treiben dieser zwei Herren ein Ende zu setzen und die Vorgänge im Rathaus in Mittenwald zu hinterfragen“, poltert der Statthalter des vorbestraften Reich.

Die eigentlich starke Frau des Unternehmens ist Aniko Köpf, zumindest auf dem Papier. „Eine Marionette“, ätzen die Gegner. Vize-Bürgermeister Schöner sagt: „Dazu möchte ich – unter Wahrung meiner Verschwiegenheitsverpflichtungen als Aufsichtsrat – nur sagen, dass ich Frau Köpf , die ja als Vorstand der Karwendelbahn AG auftritt, persönlich gar nicht kenne, obwohl ich seit langem als Vertreter des Marktes Mittenwald im Aufsichtsrat der Bahn sitze.“ Mehr noch: „Meines Wissens wurde Frau Köpf als Vorstand der Bahn noch nie in Mittenwald gesehen.“ Es macht die Mittenwalder nervös, dass diese Unbekannte so viel Macht über sie hat.

Möglicherweise wird Schöner der nebulösen Chefin allerdings am 23. Juni gegenüberstehen – vor dem Landgericht München. An diesem Tag sollen auf Drängen der Mittenwalder zwei Dinge geklärt werden. Erstens: Ist die Weisungsbefugnis, die sie in Sachen Karwendelbahn dem vorbestraften Wolfgang W. Reich erteilt hat, rechtens? Zweitens: Ist ihre Bestellung zum Vorstand der Karwendelbahn überhaupt legitim? Man darf gespannt sein, was sie sagt – falls sie nicht plötzlich verhindert sein wird, was so mancher vermutet.

Christoph Schnürer

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