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Vermieter Lorenz vor seinem Baumhaus in Murnau: Geplant als Schuppen für den Rasenmäher, jetzt Ferienhütte für Gäste aus aller Welt.

Freude auf dem Land, Ärger in München

Airbnb und Co.: Die Welt zu Gast bei Fremden

Murnau - Es gibt eine neue Art zu reisen: Übernachtungen in Privatunterkünften boomen. Aber während Vermittler wie Airbnb in Städten wie München zum Problem werden, beginnt der Trend in der Region gerade erst, hier entstehen originelle Unterkünfte. Zu Besuch in einem Baumhaus.

Voriges Jahr ist Martin Lorenz etwas seltsames passiert. Es war gerade Oktoberfest, und in seinem Gartenhaus in Murnau übernachtete ein fremdes Paar aus München. Die jungen Leute kamen nicht, um vor der Wiesn zu flüchten: Sie hatten ihre eigene Wohnung vermietet – für viel Geld.

Martin Lorenz, 51, eigentlich Chirurg am Unfallklinikum Murnau, ist ebenfalls Vermieter: Das Baumhaus in seinem Garten vermietet er unter diesem Schlagwort über die Internet-Plattform Airbnb. Die englische Abkürzung BnB bedeutet Bed‘n’Breakfast – ein Gästezimmer bei Privatleuten. Das Air-Bed ist eine Luftmatratze. Die Botschaft der kalifornischen Firma an die Nutzer: Erwartet bitteschön kein Fünf-Sterne-Hotel – dafür ist die Übernachtung billig.

Nicht immer stimmt das: Die Münchner Gäste von Lorenz konnten zur Wiesn-Zeit Preise kassieren, die locker die gesamte Monatsmiete übersteigen – bei nur wenigen Übernachtungen. „Zweimal ist mir das schon passiert“, sagt Lorenz. In solchen Fällen kommen ihm Zweifel am Sinn von Airbnb. Wucherpreise und vor allem der Missbrauch von Wohnraum in der Großstadt – deshalb steht die Plattform immer wieder in der Kritik. Und trotzdem wächst die Zahl der Mieter und Vermieter. Auch in Oberbayern.

Zwischen 39 Euro und 58 Euro kostet die Nacht im Murnauer Gartenhäuschen – je nachdem, ob Gäste zu zweit oder zu fünft anreisen. Zwischen sechs und zwölf Prozent behält Airbnb als Provision ein. Das große Geld verdient Martin Lorenz mit seinem Baumhaus nicht. Das ist auch gar nicht sein Ziel. Er hält das Prinzip für eine gute Sache. Er kann sein Baumhaus weltweit vermarkten, lernt nette Gäste kennen, trinkt mit ihnen abends ein Glas Wein, manchmal kochen sie für ihn und seine Lebensgefährtin. Mit Tourismus hat der Arzt eigentlich auch nichts am Hut. Die Gartenhütte war mal gedacht als Spielhaus für die drei Kinder und als Schuppen für den Rasenmäher. Jetzt finden hier Gäste aus aller Welt eine Bleibe.

Mit je acht Quadratmetern sind die beiden Zimmer nicht gerade groß. „Aber es muss sie doch geben“, muss sich Lorenz gedacht haben, „die Reisenden, die im Urlaub weder Pool noch Sauna brauchen.“ Musikliebhaber, die sich freuen, wenn sie in der Gartenhütte einen Plattenspieler samt Schallplattensammlung entdecken – Bob Dylan, Beatles, Stones, Musikgeschichte der 60er und 70er. Oder Literaturfreunde, die im Buchregal „Schillers sämtliche Werke“ in einer Auflage von 1847 finden.

Und tatsächlich: Es gab sie, die Individualisten, die es schätzen, dass Lorenz die Hütte nach Maßen der Architekturlegende Corbusier geplant hat. Dass er für den Bau über 200 Jahre altes Holz recycelt hat. Die Außenverkleidung: Lärchenholz von 1780, einst Teil eines Bauernhofes bei Garmisch-Partenkirchen. Das Gebälk: Teile des alten Goethe-Instituts in Murnau. Die Innenverkleidung: Der alte Boden einer Mehrzweckhalle bei Augsburg. Solche Geschichten kann ein Hotelzimmer selten erzählen – auch das ist das Erfolgsrezept von Airbnb. Andere Murnauer haben die Chance erkannt und vermieten ebenfalls: 2014, als Lorenz mit der Vermietung startete, gab es in der Gemeinde sechs Airbnb-Angebote – jetzt sind es rund viermal soviel.

Es sind Australier, Engländer, Holländer und Dänen, die ins Baumhaus kommen. Einige zur Wiesn, manche machen auf ihrer Fahrt nach Italien Zwischenstopp in Murnau. Und Asiaten nutzen die Gartenidylle im Blauen Land als Ausgangspunkt, um Zugspitze und Schloss Neuschwanstein an einem Tag abzuklappern. Die Nachfrage nach dem Baumhaus ist so groß, dass Lorenz ein Fernsehteam abwimmeln musste, das über ihn berichten wollte. Er hatte Sorge, sein Holzhaus könnte nach einem deutschlandweit ausgestrahlten Beitrag zu bekannt werden.

Während Airbnb die Kleinstädte und Dörfer erobert, ist sie in Metropolen wie New York, London, Berlin oder München längst zum Hassobjekt von Mietern und Stadtpolitikern geworden. Airbnb steht dabei stellvertretend für ein Geschäftsmodell, das auch Plattformen wie Wimdu oder 9flats anbieten. Laut einer Auswertung des Immobilienspezialisten GBI hatten die Marktführer 2015 rund 14,5 Millionen Übernachtungen in deutschen Großstädten vermittelt. Jeder elfte Städtereisende buchte seine Übernachtung über eine der Plattformen. Spitzenreiter: Berlin mit 6,1 Millionen Privat-Übernachtungen, gefolgt von Hamburg und München mit jeweils rund 1,9 Millionen.

In München ist die Stimmung bereits gekippt. Denn Airbnb macht es möglich, mit Wohnraum schnell und einfach Geld zu verdienen – das entfachte eine Gier bei vielen Großstädtern, freilich auch getrieben von der Not: Viele Mieter können sich München kaum noch leisten.

Im Schnitt verlangen Airbnb-Vermieter in fast allen Stadtteilen über 80 Euro für eine Nacht. Zwar gibt es auch Zimmer für 25 Euro – nach oben kennt der Preis aber keine Grenzen. Rekordhalter in München ist eine luxuriöse 3-Zimmer-Wohnung im Dreimühlenviertel. Kosten pro Nacht: 1533 Euro – pro Person sind das 511 Euro. Den Behörden ist bekannt, dass es zunehmend Medizintouristen vom Persischen Golf sind, die in jüngster Zeit die Airbnb-Preise nach oben treiben.

Offen spricht niemand über sein kleines Nebengeschäft. Zu groß ist die Angst, das Finanzamt oder die Stadtverwaltung könnten hellhörig werden. Ein 38-jähriger Ergotherapeut aus München will seinen Namen nicht in der Zeitung lesen, erzählt aber, dass er zwei Jahre regelmäßig Gäste in seiner Zwei-Zimmer-Wohnung hatte. Das heißt: An vier Tagen pro Monat schliefen Fremde in seinem Schlafzimmer, er selbst auf der Couch. Die 800 Euro Monatsmiete ließen sich so besser finanzieren. „In sozialen Berufen verdient man nicht viel“, sagt er. Aber auch er sagt, es sei auch darum gegangen, nette Menschen kennenzulernen. Mit einem Pärchen aus San Francisco freundete er sich sogar an, vor kurzem besuchte er die beiden in den USA, im Herbst gibt’s das nächste Treffen. Trotzdem hat der Ergotherapeut seinen Account vor zwei Wochen gelöscht, nachdem ihm zu Ohren gekommen war, dass die Stadt München den Kampf gegen die Airbnb-Vermietung verschärfen wolle. Dabei war seine Art der Vermietung nicht einmal illegal.

Bereits Ende 2013 hatte die Stadt das Vermieten unter Strafe gestellt, sobald Wohnungen komplett in Feriendomizile verwandelt und dem überhitzten Wohnungsmarkt entzogen werden. Bis zu 50 000 Euro Strafe drohen seitdem bei „Zweckentfremdung“. 2015 reagierte die Stadt erneut und installierte eine „Sonderermittlungsgruppe Ferienwohnung“. 20 illegale Wohnungen spürten die Fahnder 2014 auf, voriges Jahr über 50. Eine magere Ausbeute, wenn man bedenkt, dass der Mieterverein 2000 illegale Ferienwohnungen in München vermutet. Vor vier Wochen hat die Stadt das Personal der Truppe aufgestockt, um die Erfolgsquote zu erhöhen.

Das bayerische Innenministerium hat von der Stadt München inzwischen einen umfassenden Bericht gefordert. Innenminister Joachim Herrmann (CSU) will wissen, ob er ein Gesetz verlängern soll, auf dessen Grundlage die Stadt München ihre Bestrafungs-Offensive durchführt. 2017 läuft das Gesetz aus. Am Montag will die Stadtverwaltung den brisanten Bericht veröffentlichen. Zeigt das Papier, dass die Maßnahmen der Stadt nicht fruchten, sieht sich der Innenminister womöglich gezwungen, das Problem im Landtag zu lösen.

Airbnb spielt das Problem herunter: Die überwiegende Mehrheit der Airbnb-Gastgeber vermiete das eigene Zuhause, heißt es. „Dieser Wohnraum wird dem Wohnungsmarkt daher nicht entzogen.“ Und man möchte weiterhin „partnerschaftlich mit den Städten und Entscheidungsträgern“ zusammenarbeiten. Was das konkret heißt, bleibt unklar.

Rückendeckung erhält die Stadt München von den Hotelbetreibern – allerdings aus einem ganz anderen Grund. Der bayerische Hotel- und Gaststättenverband fürchtet Geschäftseinbußen und eine Verzerrung des Wettbewerbs. Ein Verbot von Airbnb gilt aber als ausgeschlossen. Das hat die EU-Kommission in Brüssel Anfang Juni klargestellt. Rechtlich ist das Geschäftsmodell Airbnb ohnehin schwer zu knacken. Der US-Konzern ist mit seinem Provisionsgeschäft lediglich Vermittler. Akzeptiert der Vermieter die Geschäftsbedingungen, verpflichtet er sich, alle geltenden Gesetze einzuhalten – damit ist Airbnb bei illegaler Vermietung aus dem Schneider. Mit solchen Kniffs hat es die Firma zu einem der wertvollsten Start-ups der Welt geschafft. Geschätzter Firmenwert: 30 Milliarden Dollar.

In Murnau, weit weg vom Airbnb-Drama der Metropolen, herrscht noch Frieden. Hier habe selbst der örtliche Tourismusverband nichts gegen das Baumhaus gehabt, sagt Lorenz. Man sehe das Baumhaus als Ergänzung zum bestehenden Angebot. Nicht jeder wolle schließlich auf Heizung und Frühstück verzichten. Lorenz’ Gäste müssen auch das Bad mit der Familie teilen. Dafür sind Airbnb-Unterkünfte eben originell, Ideen gibt es genug. Im nahen Ohlstadt bietet ein „nostalgischer Bauwagen“ Platz für zwei Personen. Kosten für eine Nacht: 25 Euro.

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