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Auf den ersten Blick harmlos: die Einladung zu den Murnauer Vorträgen. 

Auftritte eines "Wahrheitsforschers" 

Geheim-Vorträge mit Rechtsdrall

Murnau - Die Vorträge haben einen konspirativen Charakter. „Dies ist eine streng private Veranstaltung“, steht in dem Flugblatt. „Alle Inhalte sind streng privat zu behandeln.“ Oliver Richter, der sich „Privathistoriker, Wahrheitsforscher und Aufklärer“ nennt, scheut offenkundig die Öffentlichkeit, was seine Vorträge in Murnau betrifft. Einer wurde abgeblasen – ein Indiz für die Brisanz.

Dabei klingt der Titel des Flyers harmlos. „Einladung zur Vortragsreihe in Murnau über deutsche Geschichte, deutsches Staatsrecht und weltweites Handelsrecht“, heißt es da. Sieht man sich das Papier genauer an, ist ein raunender Ton nicht zu überhören. In Sachen Erster und Zweiter Weltkrieg fragt der „Wahrheitsforscher“, ob es wirklich so gewesen sei, wie gelehrt werde. „Oder unterliegen wir hier Irrtümern und Täuschungen gewisser Kreise, die nur einen Zweck haben: ,Das Deutsche Volk in Schuld und Scham zu halten, damit man es besser ausplündern kann?‘“ 

Der Satz spricht aus Sicht des Berliner Politikwissenschaftlers und Rechtsextremismus-Forschers Professor Hajo Funke eine „eindeutige Sprache“. Die Passage sei „nicht untypisch für rechtsradikale Ideologie“. Mit den „gewissen Kreisen“, die Richter nennt, seien „üblicherweise die US-Amerikaner oder die Juden“ gemeint. „Insgesamt wirkt das Ganze auf mich dubios“, sagt Funke. Richter selbst war nicht zu erreichen. 

Auch der Riegseer Historiker Thomas Wagner ist alarmiert. Er stuft das Flugblatt als „rechtes Gedankengut aus der verschwörungstheoretischen Ecke“ ein. Der Satz mit der „Schuld und Scham“ lasse nicht viel Raum zur Interpretation. „Solche Formulierungen sprechen eine klare Sprache.“ Wagner sieht inhaltliche Parallelen zur „Reichsbürgerbewegung“. 

Diese umfasst mehrere Gruppen von Rechtsextremen und Verschwörungstheoretikern. Ihre Anhänger behaupten, das Deutsche Reich bestehe fort, aber – entgegen ständiger Rechtsprechung und herrschender Lehre – nicht in Form der Bundesrepublik Deutschland. Wagner hält Referent Richter für „wirklich gefährlich“. Der Oberstleutnant der Reserve sei sich seiner Sache wohl nicht sicher. „Denn wenn die Inhalte so wichtig für die deutsche Bevölkerung sind, könnte er sie auch öffentlich verkünden.“ 

Ein Termin wurde abgesagt. Im Kuhaus am Burggraben wollte Richter ein „Tages-Seminar zur Staatsangehörigkeit“ (Kosten: 35 Euro) abhalten. Doch Marc Völker, einer der Pächter, blies die Veranstaltung ab, als er das besagte Flugblatt in die Hände bekam. „Das Kuhaus ist nicht politisch“, betont der Künstler. Er wolle dort nichts Extremes haben, „es sei denn es ist etwas Künstlerisches“. 

Zwei Termine waren im Klausenhof angesetzt. Eigentümer Michael Gilg sagt, dass er das Flugblatt vor den Veranstaltungen nicht gekannt habe, sondern erst später in die Hände bekommen habe. Andernfalls hätte er sich anders verhalten und „solchen Leuten keinen Raum“ geboten. 

Auch das Werdenfelser Bündnis gegen Rechtsextremismus sieht die Vorträge kritisch. „Gern werden ,Reichsbürger‘ und ähnlich ,Denkende‘ als Verschwörungstheoretiker abgetan, doch so einfach ist es nicht“, sagt Co-Sprecherin Inga Grüttner. Die den Besuchern abverlangte Pflicht zur Geheimnistuerei setze einfache Interessierte unter Druck und versuche ihnen gleichzeitig das Gefühl zu geben, zu einer ganz besonderen (etwa fortschrittlichen?) „Familie“ beziehungsweise Gruppe zu gehören. „Eine bei sektenähnlichen, rechtsextremen Gruppierungen und auch aus der Geschichte sattsam bekannte Strategie: Menschen zu einem bestimmten Zweck zusammenschweißen und an autoritäre Strukturen zu ketten.“ 

Einer, der die Flyer verteilt hat, ist Richard Weber, bestens bekannt als „Peaceman“. Seit 2008 sammelt er Geld für ein Hospital in Afghanistan. Weber sagt, er sei bei den Vorträgen dabei gewesen. Problematisch sieht er sie offenbar nicht. Er sei „froh“ von Richter über gewisse Dinge „aufgeklärt“ worden zu sein. Die Resonanz? Mal seien 20 Besucher da gewesen, sagt Weber, „mal erheblich weniger“. Richter sei „vom Ammersee“. Im Telefonbuch steht er nicht. Auf dem Flyer ist nur eine E-Mail-Adresse angegeben. Eine Anfrage blieb unbeantwortet. 

Richter ist schon mehrfach öffentlich in Erscheinung getreten. Im Frühjahr referierte er in Weilheim. Seine Vorträge haben auch eine esoterische Komponente. Teilweise wird angegeben, dass ein bestimmter Betrag „als Energieausgleich“ zu zahlen sei. Der Begriff stammt aus der New-Age-Bewegung und wird vor allem in alternativen Kreisen verwendet.

Roland Lory

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