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Volle Montur: Die Schüler rücken mit Rüstung, Schild, Kochgeschirr u.v.m. aus.

Von Ehrgeiz, Qualen und einem Besuch bei Mc'Donalds

Wie die alten Römer...

Murnau - 15 Schüler aus Murnau. Kleider, Schuhe und eine Ausrüstung wie vor 2000 Jahren. So wollen sie über die Alpen – zu Fuß. Schweiß und Schmerz statt Schulbank. Ihr größter Feind: die Schuhe.

Die Gegend, wie ausgestorben. Nur 15 junge Soldaten marschieren auf weiter Flur. Sie tragen Sandalen, Kettenhemden, Speere und Schilder – bemalt mit Blitz und Flügeln des Jupiter. Mit der Uniform durchstreifen sie bei italienischen Temperaturen gemähte Wiesen, kniehohes dichtes Gras, Schotterwege. „Stopp“, brüllt Centurio Nathanael Bauch und schiebt den Metallhelm aus seiner Stirn. Der Weg endet an einem versperrten Viehgatter. Verlaufen. Mitten in der Prärie zwischen Froschsee und Hagen, irgendwo im Landkreis Garmisch-Partenkirchen. Für die Germanen wären sie jetzt gefundenes Fressen. Sie säßen in der Falle. Sie, die Römer, müssten im Frontalangriff spitze Speere und einen Pfeilhagel abwehren. Heute, gut 2000 Jahre später, kämpfen sie gegen andere Feinde: ihren inneren Schweinehund – und gegen ihre Schuhe.

Es ist ein Härtetest, den sich die Schüler des Staffelsee-Gymnasiums Murnau freiwillig aufbürden. Zehn Buben und fünf Mädchen, zwischen 17 und 19 Jahren, wählten ein Projekt-Seminar, für das sie keine dicken Lehrbücher wälzen müssen. Was sie brauchen sind Fitness, Durchhaltevermögen, Disziplin. Sie überqueren ab Sonntag zu Fuß die Alpen. Von Brixen nach Murnau, entlang der antiken Via Raetia. Die Packliste ist ungewöhnlich: weder Wechselkleidung noch Taschenlampe oder Wanderstecken. Die Elftklässer rücken mit originalgetreuer Legionärsmontur aus, wie sie die Soldaten der Römischen Kaiserzeit schon trugen. Mit ihren Lehrern Andrea Schwarz und Josef Thier begeben sie sich auf eine Reise durch die Geschichte. Unterricht, der unter die Haut geht. Und schmerzt.

Die Schuhe sind nicht ihre Verbündeten

Die Schuhe sind an der Sohle mit Stahlnägeln bespickt - für den Halt.

Ein Nachmittag kurz vor dem Start: In kurzen Hosen, Röcken, Shirts und Sonnenbrillen trudeln die Schüler im Klassenzimmer ein, heute ist Probe. Im Nu wird aus dem Raum ein begehbarer Kleiderschrank für Römer. Vor der Tafel stehen vier Holz-Schilder, jedes rund vier bis fünf Kilo schwer. Die Burschen quetschen sich in starre Kettenhemden und blecherne Plattenrüstungen, legen ihre Pteruges an – das sind mit Metall beschlagene Hüftgürtel zur Abschreckung des Gegners. Dann die Waffen: Wurfspeer, Schild und Schwert. Und der Helm in Einheitsgröße. Rund 35 Kilo Kleidung schleppt jeder über die Berge. Wert: 1000 Euro.

Die Mädchen mit ihren selbstgenähten roten und weißen Tuniken, Gürteln und Dolchen haben’s da schon leichter. Aber sie alle nehmen es bei ihrer (Tor-)Tour über die Alpen mit dem gleichen Feind auf. Den Schuhen.

Niemand bleibt verschont – von den braunen Latschen des Grauens mit schmalen Lederriemen, fast so steif wie die Stahlmontur, und Eisennägeln unter der Sohle. „Das ist doch Folter“, plärrt einer. Bei diesem Projekt bekommen die Schüler Blasen statt Noten. Deshalb schummeln sie: Sie präparieren die Zehen mit Pflastern oder schlüpfen in Feinstrümpfe. Spicken beim Nachbarn? Erlaubt.

Lehrerin ist die einzige Legionärin

Nathanael Bauch, 19, Dreitagebart, hat einen Tipp: die Sandalen einfetten und oft einlaufen. Er verkneift sich das Jammern, obwohl sich die Lederriemen der Rüstung in seinen Hals schneiden – er ist schließlich der Centurio, der Chef der Legionäre. Erkennungszeichen: ein roter breiter Kamm auf dem Helm. Heute hat Nathanael Bauch ihn zuhause vergessen. Aber er darf keine Schwäche zeigen, führt die Truppe an, gibt Befehle. Auch seiner Lehrerin: „Frau Schwarz steht in der Armeehierarchie unter mir“, sagt er und grinst. Zumindest während der historischen Mission und der Trainingswanderungen.

Die nächste steht nach der 45-minütigen Ankleidezeremonie auf dem Programm. Aber erstmal: Offiziersbesprechung. Centurio Bauch, sein Stellvertreter Justin Grüninger sowie die Lehrer Schwarz und Thier formieren sich im Kreis, stecken die Köpfe zusammen. „Das ist nicht wie beim Wandertag“, mahnt die Latein- und Sportlehrerin. Die zierliche Frau ist Teil des Projekts, die einzige Legionärin der Armee. Der einzige Unterschied: Ihre Rüstung besteht aus Aluminium. Nicht zu schnell, sagt Andrea Schwarz, keine Grüppchenbildung. Klare Ansage an alle, auch an Nathanael, den späteren Chef.

Diese Strapazen....

Dann darf der Centurio endlich seines Amtes walten. Die Schüler nehmen die Marschordnung ein, bilden Zweierreihen. Nathanael Bauch stößt mit wuchtig-tiefer Stimme das lateinische Kommando zum Losgehen aus: „Pergite!“ Für ihre Reise bekommen die Schüler noch ein Signalhorn, ein Cornu, von der Mittenwalder Instrumentenbauschule, das fehlt noch. Zu überhören sind sie trotzdem nicht. Die Latschen quietschen wie nasser Gummi, die Blechgefäße, die die Schüler auf dem Rücken tragen, scheppern. Nach wenigen Metern – Stille. Der Tross muss stoppen. Ein Legionär hat Probleme mit – na klar – dem Schuhwerk, die Riemchen haben sich geöffnet. Weiter (fast) im Gleichschritt, aequatis passibus. „Wir wollen die Befehle in Latein einstudieren“, sagt Lehrer Thier.

Keine 15 Minuten später – wieder Zwangspause. Wieder zwickt ein Schuh. Es sind aber nicht nur die Sandalen, die das Training bremsen. Ständig zupfen die Soldaten an ihrer Rüstung herum, justieren nach. „10 000 Mal anhalten, das regt mich so auf“, schimpft einer vor sich hin. Da steht auch schon der nächste Stopp an – zur Leibesertüchtigung. Mit der Oberkörpermontur runter in den Liegestütz. „Wir sehen uns in der Hölle“, sagt einer der Legionäre. Lehrer Thier zählt auf Latein. Unus, duo, tres. Dazwischen grölen die jungen Römer im Chor das et. Spätestens jetzt glänzen ihre schweißgebadeten Gesichter wie Speckschwarten. Aber die Übung lockert die Muskeln.

Ein paar Ausnahmen von der Antike gibt's

Volle Montur: Die Schüler rücken mit Rüstung, Schild, Kochgeschirr u.v.m. aus.

Genau deshalb machen sie solche Sachen – um ein Gespür für den Körper und die archaische Kleidung zu bekommen. „Unser Ziel ist es, die Tour mit der Rüstung zu schaffen“, sagt der Centurio. Und: Sie darf aus gesundheitlichen Gründen abgelegt werden, „aber nicht aus Faulheit“. An der Motivation und am Ehrgeiz scheitert ihr Plan nicht. Die Elftklässer brennen für das Projekt.

In nur zehn Tagen wollen sie die Alpen überqueren – 200 Kilometer Strecke und knapp 2000 Höhenmeter. Tägliches Pensum: 20 bis 25 Kilometer. Damit sie pünktlich am 27. Juli beim Sommerfest des Gymnasiums einspazieren. Die Nächte verbringen sie manchmal in Jugendherbergen, hauptsächlich aber in Zelten – natürlich nach römischem Vorbild. „Manche“, sagt Schwarz, „wollen sogar auf dem Schild schlafen.“ Halbe Sachen sind nichts für starke Kämpfer. Für den Notfall ist dennoch gesorgt: Der Vater von Lehrerin Andrea Schwarz, ein Orthopäde, begleitet die Gruppe im Auto – das Muli von heute. Er transportiert darin auch Schlafsäcke und Essen. Die Gruppe genehmigt sich solche Ausnahmen von der beschwerlichen Antike. Auch das Kochgeschirr entstammt der Neuzeit. „Sonst müssten wir noch einen Mühlstein mitnehmen“, sagt Schwarz. Nein, danke. Dafür packen die Soldaten das Handy ein. Für Erinnerungsfotos.

Gesundheit der Schüler hat oberste Priorität

Hart wird’s vor allem für die Mädchen. Kosmetik-Artikel sind tabu. Ausgerechnet einer der Burschen klügelt eine Idee für die Beauty-Pflege aus: „Ich nehme Tiroler Nussöl mit“, scherzt Simon Strasser. „Dann werde ich Panadebraun.“ Vorausgesetzt, den Römern bleiben Regengüsse erspart. Die würden allerdings die Schuhe aufweichen und die Qualen lindern.

Für die Gesundheit ihrer Römer riskiert Andrea Schwarz nichts: „Auch, wenn ein Tape nicht historisch ist.“ Sie sieht das Projekt ohnehin lockerer als ihre Schüler. Während sie sich zu Schuljahresbeginn kaum getraut hatte, die Tour vorzuschlagen, forderten die Seminar-Teilnehmer richtig harte Bandagen. Die Schmerzen an den Füßen – selbstgewähltes Schicksal also.

Trotzdem wird der Spaß nicht zu kurz kommen. Die Lehrerin hat schon eine Idee für einen kleinen Scherz: „Mit der Legionärsrüstung durch den McDrive von McDonald’s marschieren. Das wär’s.“ Spätestens dann würden wahrscheinlich nicht nur die Gallier sagen: Die spinnen, die Römer.

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