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Das Versuchsmodell: Auf diese Konstruktion wird der „Roma“-Zement aufgetragen und geformt.

Restauration eines einzigartigen Bauwerks

Der Verfall der Venusgrotte: Ein Blick hinter die Kulissen

Linderhof - Es ist ein Projekt der Superlative: 25 Millionen Euro kostet die Restaurierung der Venusgrotte im Schlosspark Linderhof. Während König Ludwigs Rückzugsort noch immer ganze Heerscharen an Besuchern begeistert, schreitet der Verfall voran. 

Der Schutzhelm ist die beste Verteidigung gegen die dicken Rohre, an denen man sich den Kopf stoßen könnte, in dem tiefen, schmalen Gang. Man wird von Dunkelheit umhüllt, sobald das Scheinwerferlicht erlischt. Die Kälte zieht durch den ganzen Körper. Irgendwie ist es ein unheimlicher Ort – perfekt für einen Gruselfilm. Willkommen in den königlichen Katakomben im Schlosspark Linderhof.

Die Experten: (v.l.) Restaurator Armin Schmickl, Baudirektor Wolfgang Eichner, Baureferendar Florian Romano und Diplom-Restauratorin Elke Umminger.

Der tunnelartige Weg führt in einen hohen Schacht. Die Rückseite von See mit Muschelkahn und Wagners imposantem Tannhäuser-Gemälde in der Venusgrotte von König Ludwig II. Glanz und Gloria so nah – und doch so fern. Stattdessen kreuzen sich zwischen den rauen Wänden große Mengen von bronzefarben-gefleckten Stangen, die die massive Gewölbekonstruktion stützen. Wolfgang Eichner tippt eine davon mit dem Zeigefinger an. Sie bröselt. Der Rost hat die Eisenstangen angefressen. Er stillt seine Hunger unaufhörlich – und ist somit der Erzfeind der Venusgrotte.

Verschiedene Farben für Grad des Verfalls

Rund 40 000 Tonnen an Schmiedeeisen sind darin verbaut. Der Rost bildet darauf Schichten, erklärt der Abteilungsleiter des Staatlichen Bauamts Weilheim, das vom bayerischen Finanz- und Heimatministerium den Auftrag für die Restaurierung des einzigartigen Bauwerks erhielt. Kleinere Teile, sogenannte Flacheisen, lösen sich komplett auf und fallen runter. Schon jetzt hängen in den für die Öffentlichkeit zugänglichen Räumen Netze, um die Besucher vor der Gefahr von oben zu schützen. 

Auf einer Karte sind die Schadensflecken in verschiedenen Farben eingezeichnet. Grün steht für „super beinand“, erklärt Eichner. Die Ausnahmen. Magenta dafür, dass Teile ausgetauscht werden müssen. Hellblau stellt klar: Hier war man provisorisch schon am Werk. Wie damals in den 1980er Jahren bei einer Nacht- und Nebelaktion. „Über dem See gab es einen Vollabsturz“, erzählt Eichner. „Zum Glück nach den Öffnungszeiten.“ Und dann gibt es da noch die Alarmstufe rot. Die Farbe, mit der Eingangs- und Ausgangsbereich markiert sind. „Dort kann man nichts mehr retten. Der Vollabsturz droht.“ Deshalb lautet das oberste Ziel der Grotten-Retter: Die Korrosion stoppen, die durch das Wasser, das durch die undichte, geteerte Gewölbedecke drang und sich in der Schale verteilte, nur so vor sich hinarbeitete.

Klimatischen Bedingungen sind Herausforderung

Nur eines der Probleme, mit dem es die Verantwortlichen zu tun haben. Denn in der künstlich angelegten Grotte herrschen klimatische Bedingungen wie in einer echten. Die relative Luftfeuchtigkeit liegt bei bis zu 95 Prozent. Viel zu hoch. Laboruntersuchen haben Eichner zufolge ergeben, dass der Rostprozess nur bei einem Wert von 80 Prozent aufgehalten werden kann. Also müssen er und sein Team dieses Klima erzeugen. Nur wie? Der Plan: Der frühere Heizkeller der Grotte wird zum Lüftungskeller. Von dort aus „blasen wir leicht vorgetrocknete Luft rein“. Ein extremer technischer Aufwand. Aber ein nötiger.

Derzeit dient dieser Raum als Versuchslabor, obwohl er eher aussieht wie eine Folterkammer. Der Eingang, eine Röhre mit Gittertür, liegt versteckt ein paar Meter unterhalb der Grotte. Drinnen stehen Tapeziertische, belegt mit allerhand Testmateralien. Zum Beispiel ein alter abgebrochener Stalaktit, bei dem oben morsche hölzerne Stäbe hervorblitzen. „Ludwig hat nicht für die Ewigkeit gebaut“, betont Restaurator Armin Schmickl. Sogar Tannenzapfen seien zu Entstehungszeiten zum Einsatz gekommen.

Jahrelange Untersuchungen im Vorfeld nötig

Doch der eigentliche Blickfang ist an einem Gerüst nebenan befestigt – zwei Referenzmuster, die einen Teil seiner Grotte und seiner Putzschale nachstellen. „Wir haben jahrelang versucht zu verstehen, wie sie entstanden ist“, erinnert sich Schmickl. Jetzt sind die Experten einen guten Schritt weiter – mit einer Konstruktion aus Eisen, Flacheisen und einem Gitter. Seit etwa drei Wochen sind die beiden Exemplare im Keller untergebracht. Und schon hat der Feind angegriffen. Erste Rostflecken zeichnen sich auf den Eisenteilen ab, weil auch dort die Luftfeuchtigkeit fast die 90-Prozent-Marke knackt.

Da hilft auch das beste Material nichts. Es stammt von der Firma Kustermann in München, dem früherer Lieferanten des Märchenkönigs. Denn die neue Grotte soll originalgetreu sein. Sonst würden Spannungen zwischen Alt- und Neubestand bezüglich des Denkmalschutzes entstehen, verdeutlicht Baudirektor Eichner. Auf die Konstruktion soll am Ende der Putz aufgetragen werden – der „Roma-Zement“, mit dem im 19. Jahrhundert Fassaden gestaltet wurden. Heute muss man ihn in Grenoble (Frankreich) fertigen lassen. „Der härtet schnell, ist aber trotzdem gut zu formen“, sagt Schmickl. Das A und O für die fünf Zentimeter dicke Schale und die bis zu sechs Meter großen Stalaktiten und Stalagmiten. Sie zu zählen – unmöglich. Allein von den wuchtigen seien es ein paar Hundert auf der 5000 bis 6000 Quadratmeter großen bewegten Fläche.

Die Venusgrotte, die für die Arbeiten fünf Jahre geschlossen bleibt, ist ein Projekt der Superlative. „Das hat’s noch nie in dieser Größenordnung gegeben“, sagt der Restaurator. Eine Herausforderung für alle Beteiligten. Erst recht für die Handwerker, die sich bei der Ausschreibung für das 25-Millionen-Euro-Projekt bewerben. Sie müssen das Muster – allein das wiegt am Ende 400 Kilogramm – eins zu eins nachbauen. Wem das am besten gelingt, der bekommt den Job und darf im Herbst 2017 am Original loslegen. Dann gehören sie zu den Grotten-Rettern, die Ludwigs Sehnsuchtsort vor und hinter den Kulissen wieder in einen Zustand versetzen, der einem König würdig ist.

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