Zauber der deutschen Sprache

Da habe ich gleich einen Sündenfall: Mein Arbeitgeber aus der Schweiz hatte vor ca. 50 Jahren die Idee, Kundenanfragen in deutscher Sprache sind in deutsch und in ganzen Sätzen zu beantworten.

Denglisch war in der Luftfahrtbranche schon damals eine weit verbreitete Unsitte. Ich wurde gefragt, ob das Flugzeug aus Zürich pünktlich ankommen würde. Ich bemühte mich, der Anweisung nachzukommen und bejahte in deutscher Sprache und in einem ganzen Satz. Da traf mich die Gegenfrage wie der Blitz: „Bedeutet das Touchdown oder Overhead?“ Bei einer privaten Geburtstagsfeier, Konferenzsprache bairisch, kam plötzlich das Thema Anglizismen auf. Zwei der Teilnehmer taten sich besonders hervor und verurteilten die Entwicklung äußerst heftig. Da wollte einer der beiden Herren es auf die Spitze treiben (toppen, wäre kürzer gewesen, passt aber hier nicht) und sagte „da woaß i a no Story“. Wer mehr Anglizismen lernen will, sollte sich mal ein „statement“ unserer deutschen Wirtschaftsführer zu Gemüte führen. Anglizismen werden benutzt, um einerseits gewisse Sachverhalte prägnanter und /oder kürzer zu erklären, aber auch dem Zuhörer zu zeigen, dass man auf der Höhe der Zeit ist. Das ist bedauerlich, aber die deutsche Sprache hat bei uns auch Latein und Französisch überlebt, wie in dem Artikel zur Sprache kommt. Mich ärgert mehr, dass längst eingedeutschte Wörter unnötig verballhornt werden. Wer Ballon, Saison, Balkon sagt, hat Probleme wenn er aus nördlichen Bundesländern, kommt, aber inzwischen auch aus Bayern, mit dem vermuteten Nasallaut und hängt schnell ein „g“ dran. Noch schlimmer ist, wenn der vermeintliche Nasallaut nicht in der ersten Silbe vermutet wird. Da „tritt der Pangsonär mit seinem Kusseng auf den aus Betong gefertigten Balkong und freut sich über die Sessong“. Zugegeben der Satz ist ziemlich sinnfrei, aber warum spricht man diese Wörter nicht deutsch aus oder sagt gleich Rentner, Ruheständler oder Vetter? Früher hat man an dieser Aussprache einen Preissn erkannt. In der Schule, wir hatten gerade Französisch als zweite Fremdsprache bekommen, testeten wir unseren marginalen französischen Wortschatz an unserem einzigen Nicht-Bayern in der Klasse und forderten ihn auf, sag’ mal „pendant le moment“, er antwortete ahnungslos „pangdang lö mommang“ und war erstaunt über unsere Schadenfreude. Heute genügt eine Sportreportage im Bayerischen Rundfunk. 

Werner Schweizer Erding

Ich bin ausgebildete Erzählerin und fühle mich der deutschen Sprache als großen Kulturschatz eng verbunden. Jeder Wandel ist ein Zeichen von Leben, ein Zeugnis vom Werden und Vergehen. Die Sprache löst sich nicht von diesem Geschehen. Es sind die Menschen, die sie zur Veränderung bringen. Ich meine, solange man den vorhandenen überreichlichen Wortschatz nicht restlos ausgeschöpft hat, könnte man wirklich auf einfache Ersatzausdrücke aus fremden Sprachen verzichten. Dazu möchte ich ein Beispiel geben. Das Wort „cool“ fließt den Deutschen so leicht über die Lippen. Man könnte – je nach Ereignis – durchaus auch sagen: zwanglos, locker, ungezwungen, gelockert, gelöst, unverkrampft, angstfrei, entspannt, ungeniert, ungehemmt, formlos, offen, freimütig, unbefangen, kalt, fischblütig, gefühllos, kaltherzig, gemütskalt, unzärtlich, lieblos, unnahbar, beherrscht. Suchen Sie, liebe – vor allem junge – Leser und Leserinnen nach weiteren Ausdrücken und Sie werden ganz schnell entdecken, welch unendlicher Zauber in unserer deutschen Sprache ruht. 

Marlis Thumm München

Der Text spricht mir in einigen Punkten aus der Seele, beginnt es doch schon gleich in derselben Zeitungsausgabe mit Seite zwei, links oben, wo man in anglisierter Deutschkonstruktion lesen darf, ein Führerschein-Entzug [...] mache durchaus Sinn - aus dem Englischen ‘to make sense’, was im Deutschen aber anders gebräuchlich ist: etwas hat Sinn oder ist sinnvoll. Damit einher geht das inflationär und ebenso falsch gebrauchte ‘realisieren’, das in der englischen Wortbedeutung für ‘begreifen’ verwendet wird, obwohl es hierzulande nur ausdrückt, dass man etwas verwirklicht. Mir ist unlängst ein zwei Seiten langer Bericht in die Hände gekommen, mit fünf Tagen Zeit von einem erwachsenen deutschen Muttersprachler verfasst, in dem es vor Grammatik- und Rechtschreibfehlern geradezu wimmelt, außerdem Umgangssprache anstelle von Schriftsprache verwendet wird, und nein, der Verfasser hat keine Legasthenie, dafür aber Abitur. Im Alltag und auch im Internet fällt zunehmend unangenehm auf, was sprachlich nicht mehr im Lot ist. Allein auf Instagram gibt es grafisch peppig erstellte Fotosprüche zuhauf, bei deren Dreizeilern sehr schnell deutlich wird, wie schlimm es bei den dafür Verantwortlichen um die (nur?) schriftliche Sprachfähigkeit im Deutschen steht: korrektes Deklinieren? Rechtschreibung? Zeichensetzung? Sprache allgemein? Diese Fotosprüche sind ja keine spontanen Äußerungen mehr, sondern vor dem Posting mit viel Zeitaufwand erstellt worden. Die Frage allerdings bleibt: viel Zeitaufwand wofür? 

Manuela Pinggèra Mittenwald 


Helmut Berschin: Zur Lage der deutschen Sprache; Im Blickpunkt 8. August

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