Pestizid gehört verboten

Unabhängige Gutachten zu Glyphosat; Leserbriefe 20. Mai

Mir scheint, die Diskussion um Glyphosat hervorragend dazu geeignet, das Dilemma zwischen Vorsorge- und Nachsorgeprinzip, speziell im Zusammenhang mit TTIP, zu illustrieren. Das von der EU geforderte Vorsorgeprinzip verlangt vereinfacht ausgedruckt folgendes: Eine Substanz muss verboten werden, wenn der Verdacht gut begründet ist, dass die Substanz gesundheitsschädlich ist. Was so viel heißen wird, dass dieser Verdacht mit einer gewissen, nicht vernachlässigbarer Wahrscheinlichkeit belegt ist, wie hoch auch immer diese sein mag. Demgegenüber besagt das von den USA geforderte Nachsorgeprinzip, eine Substanz muss verboten werden, wenn nachgewiesen wird, dass sie in mindestens einem konkreten Fall zum Tode oder zu schwerer Körperverletzung geführt hat. Dann müsste zudem der Hersteller richtig zur Kasse gebeten werden. Nun herrscht aber prinzipiell und systemimmanent in dieser Art von wissenschaftlicher Forschung die Situation vor, dass man über den Ausgang von Studien oder über den Zusammenhang von Ursache und Wirkung nur stochastische Aussagen, das heißt, Wahrscheinlichkeitsaussagen, machen kann. In einem konkreten Todesfall etwa, ist es daher nicht möglich, mit Sicherheit zu sagen, dass zum Beispiel Glyphosat dafür verantwortlich ist oder nicht. Deswegen kann sich der Hersteller in Sicherheit wiegen, dass er nicht für einen Zwischenfall verantwortlich gemacht werden kann, es sei denn es gibt Katastrophen analog zu Bhopal. Eine mögliche krebserzeugende Wirkung von Glyphosat im normalen Umgang wird sich nur in einer allgemeinen Zunahme von Krebserkrankungen in der Gesellschaft zeigen. Es wird aber nicht möglich sein, dies mit Sicherheit auf Glyphosat zurückzuführen. Die Zunahme könnte ja von irgend einer anderen nicht erkannten Substanz kommen. Was lernt man daraus? Das Vorsorgeprinzip ist der sicherere Weg. Wenn zusätzlich begutachtende Wissenschaftler möglicherweise in einem finanziellen Interessenkonflikt stehen, wie der „Guardian“ zitiert wird, spricht das auch nicht für das Nachsorgeprinzip.

 Dr. Sven Nissen-Meyer Seefeld

Seit kurzem irritiert die Bewertung eines gemeinsamen Ausschusses der Welternährungsorganisation (FAO) und der Weltgesundheitsorganisation (WHO), dass Glyphosat nicht krebserregend sei, wenn es über die Nahrung aufgenommen wird. Doch die Arbeit dieses Gremiums steht seit Jahren in der Kritik, denn es trifft seine Bewertungen völlig intransparent. So haben einzelne Mitglieder intensive Beziehungen zur Industrie, wie zum Beispiel der Ko-Vorsitzende. Er ist Vizepräsident des International Life Sciences Institute Europe – einer mehrheitlich von Monsanto & Co. finanzierten Einrichtung. Aus diesem Grund sollte deren Bewertung angezweifelt werden. Zumal die Bewertung der unabhängigen Krebsforscher der WHO, dass Glyphosat „wahrscheinlich krebserregend ist“, damit nicht aufgehoben ist. Aber auch jenseits des Krebsrisikos gibt es viele andere Gründe, die für ein Verbot des Pestizids sprechen. So entzieht es Insekten und Vögeln die Lebensgrundlage und gefährdet die Artenvielfalt. Es tötet sämtliche Wildkräuter auf Äckern und löst bei ihnen Resistenzen aus, was zur Folge hat, dass immer größere Mengen des Unkrautvernichters versprüht werden. Das Gift wird in unser Grundwasser und unserer Flüsse gespült und lässt sich sogar in vielen Lebensmitteln nachweisen. Und hierüber streitet die Wissenschaft nicht. Die Grenzen des Verantwortbaren sind erreicht. Die Entscheidung über Glyphosat ist damit grundsätzlich: Entwickelt sich auf unseren Feldern eine Agrarindustrie, die Mensch, Tier und Natur schadet oder schlagen wir den Weg zu einer bäuerlichen, ökologischeren Landwirtschaft ein. Bedenklich, dass sich der CSU-Agrarminister scheinbar mehr der Agrarlobby, als dem Verbraucherschutz verpflichtet fühlt.

Verena Wendt Weilheim

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