Diskussion über deutsch-türkisches Verhältnis

Til Huber: Unser Problem; Kommentar, Erdogans aufgeheizte Stellvertreter; Politik, Erdogan – Diktator oder Demokrat?; Leserbriefe 19. Juli

Arzum Kilic hat es sicher gut gemeint als sie diesen Brief verfasste. Will sie uns doch scheinbar scharfsinnig, aufschlussreich und einsichtig erklären, wieso wir in Bezug auf die politischen Verhältnisse in der Türkei und Erdogan betreffend zu einer offensichtlich verkehrten Lagebeurteilung kommen. Schuld an dieser Fehlinterpretation ist  Kilics Ansicht nach unser „westlich-europäisch - funktionierendes Hirn“. Leider aber kann ich als „westlich-europäisch“ denkender Leser in dieser Aufklärungsschrift eines Menschen mit offenbar mehr östlich-arabisch begabtem Hirn nur altbekannte schwarz-weiß Malerei, Arroganz, Intoleranz und Aggressivität erkennen. Eine dem Frieden nicht wirklich dienliche Streitschrift! 

Egon Weiß Fraunberg

Kaum waren die Nachrichten vom Putsch und seiner Niederschlagung in den Medien verbreitet, hatte ich eine spontane Assoziation: Reichstagsbrand! Wer nicht weiß was ich damit meine, braucht nur das Internet zu bemühen. Alle angeführten Gründe, welche gegen eine Inszenierung sprechen, können auch andersrum interpretiert werden. Sei’s drum: Wer Menschen mit Viren gleichsetzt, ist ein übler Rassist. Natürlich darf der von Diktaturen übliche Verweis auf ausländische Mächte nicht fehlen. Der Natopartner Türkei, kann ohne Schaden zu nehmen, sich auf Dauer keinen Erdogan leisten.

 Alfred Fischer Ismaning

Welch ein verzerrtes Weltbild spricht aus diesem Leserbrief. 1.) Deutschland kümmert sich nicht um die syrischen Kinder und die Menschen im Irak? Gehen Sie einfach in eine beliebige Flüchtlingsunterkunft und nehmen Sie die Realität zur Kenntnis. Und was ist mit den 3 Milliarden, die aus Europa in die Türkei fließen? 2.) Misshandlung der Turkmenen in China? Was ist mit dem Völkermord, der 1915 im Osmanischen Reich an den Armeniern verübt wurde? Wenn man das in der Türkei thematisiert, landet man im Gefängnis oder wenn diese Wahrheit im Bundestag ausgesprochen wird, versucht Ihr „demokratischer“ Staatspräsident deutsche Abgeordnete zu sanktionieren. 3.) Weil Sie die Geschichtskenntnisse ansprechen: Punkt 2 beweist, wie die Wahrheit in der Türkei unterdrückt wird. Auch Ihre persönlichen Geschichtskenntnisse müssen sehr begrenzt sein. Lesen Sie mal nach, wie Adolf Hitler und seine Nazis den Reichstagsbrand von 1933 genutzt haben, um ihre Gegner umzubringen. Sie werden feststellen, dass Erdogan genau das gleiche Muster anwendet, sogar mit dem Bestreben nach Einführung der Todesstrafe erweist er sich als gelehriger Schüler. 4.) Tut mir Leid, nochmals das Dritte Reich als Beispiel heranzuziehen: Auch der Demagoge und Manipulator Adolf Hitler erreichte in einer demokratischen Wahl die meisten Stimmen. Er wurde dann durch das Versagen der politischen Elite Deutschlands zum Reichskanzler ernannt und zack, richtete der seine Diktatur ein. 5.) Erdogan wendet niemals Gewalt an, er schlachtet nur Kurden ab, hat den IS unterstützt bis der zu einer Gefahr für seine persönliche Macht wurde und lässt russische Flugzeuge vom Himmel holen. Die Geschichtsnachhilfe schließe ich mit den Worten von George Santayana: „Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.“ Weitere Belehrung: Der Unterschied zwischen einer Diktatur und einer freien Gesellschaft zeigt sich vornehmlich in einer Machtbalance zwischen Legislative, unabhängiger Justiz und Exekutive. Weitere wichtige Stützpfeiler sind Meinungsfreiheit, hier insbesondere die Pressefreiheit und unabhängiger, kritischer Journalismus, Demonstrationsrecht und Mehrparteiensystem. Jetzt setzen Sie sich mal in Ihr stilles Kämmerlein und machen Sie einen Haken hinter jeden Punkt gegen den Erdogan schon verstoßen hat. Dann wissen Sie, dass die Türkei auf dem Weg in eine Diktatur ist. Wenn ich dann noch lese, dass Erdogan unter den in Deutschland lebenden Türken wesentlich mehr Unterstützer hat als in der Türkei selbst, muss ich vermuten, dass viele Ihrer Landsleute hier Ihre Denkmuster anwenden. Und darauf bin ich nun wirklich nicht neidisch. Solche Leute will ich hier genauso wenig haben wie die, die der AFD oder Pegida nachlaufen. 

Hans-Georg Lanig Karlsfeld

Die Situation in der Türkei weckt bei uns geschichtliche Erinnerungen. 1932, die NSDAP wird bei einer demokratischen Wahl stärkste Partei im Reichstag. 1933 brennt der Reichstag. Die Verwicklung der Nazis bei der Brandstiftung ist bis heute dubios. Fakt ist aber, dass der Brand den Nazis sehr gelegen kam und der Auslöser für schnelle Säuberungsaktionen war. Die Listen waren anscheinend schon lange vorbereitet. Unbequeme Richter, Beamte und Militärs fielen in großem Stil der Säuberung zum Opfer. Rechtsstaatlichkeit ade, politische Gegner werden misshandelt und gefoltert. Kommt uns das bezüglich der derzeitigen Situation in der Türkei bekannt vor? AKP demokratisch gewählt und die Verwicklung in dem Putschversuch dubios. Kommt aber Erdogan und der AKP sehr gelegen. Der Putsch war so stümperhaft durchgeführt, dass ein Inszenierungsverdacht sich geradezu aufdrängt. Detailliert vorbereitete schnelle Säuberungsaktionen in großem Stil. Misshandlung von politischen Gegnern. Wenn Gefangene übersät mit Blutergüssen und Wunden der Presse präsentiert werden ist das kein Rechtsstaat mehr. Und der primitive Teil des Volkes findet das gut ruft nach der Todesstrafe. Das Ende dieser Entwicklung in Deutschland ist bekannt. Befindet sich die Türkei auf dem gleichen Pfad? 

Alfred Altinger Ebersberg

Politikwissenschaftler und Journalisten äußern sich zum türkischen Putschversuch genau in meinem Sinn: Erdogan hat die Sache selbst angezettelt. So dilettantisch wie das Ganze ablief stand bestimmt kein hoher Militär dahinter. Und Erdogan kam zu Hilfe, dass die ganze Welt über Nizza entsetzt war. Er glaubte wohl, dass dadurch niemand genauer auf den Ablauf schauen würde. Nach der Entlassung tausender Staatsbediensteter und der Inhaftierung der Militärs hat Erdogan sich sicherlich viele neue Feinde geschaffen, wenn man an die dahinter stehenden Familien denkt. Erdogan wird nun mit der Drohung zur Wiedereinführung der Todesstrafe versuchen, Europa zu erpressen: Wenn wir die Todesstrafe nicht einführen, verlangen wir die Visafreiheit und den Beitritt zur EU! Wie lange soll dieser Despot und Diktator uns noch in Angst und Schrecken versetzen dürfen? 

Margot Riedel Penzberg

Auf der Seite 2 weist der Merkur im Kommentar und in einem Artikel auf die überwältigende Mehrheit der in Deutschland lebenden Türken für Herrn Erdogan hin. Die Probleme die daraus folgen können, werden richtig erkannt. Es besteht die Gefahr von innertürkischen Konflikten auf deutschem Boden. Dabei wurde auch die Frage aufgeworfen, warum hier lebende Türken nicht die Demokratie zu schätzen wissen und einem Demokratiegegner wie Erdogan verfallen sind. Die beste Antwort darauf gibt der Leserbrief von Herrn Kilic. Der Sprache nach ist er ein gebildeter hier lebender Türke. Doch sein ganzer Brief trieft von Häme gegenüber Deutschland und dem Westen. Er redet von einem westlichen Hirn der Europäer und davon, dass Gewalt gegen Muslime die Menschen hier kalt lässt. Es ist erschreckend, wie viel Hass sich in seinem Leserbrief gegenüber der westlichen Welt findet. Tatsachen gelten hier nicht mehr, es ist die Ideologie die hier zählt. Genau das beherrscht Herr Erdogan meisterhaft. Er stellt sich als Führer einer immer mächtigeren Türkei und als Kämpfer für Allah dar. Diese beschert ihm die Treue seiner Gefolgsleute. Nationalismus und eine Religion, die es zum Ziel hat alle anderen Religionen zu unterdrücken, verbunden mit dem ewigen Gejammer, Muslime würden vom Westen gering geschätzt. Das selbst viele hier lebende Türken daran glauben, zeigt wie wenig integriert sie hier sind oder sein wollen. Der Westen ist kein Freund, das Christentum kein Bruder. Für diese Menschen sind wir der Gegner, die Ungläubigen. 

Thomas Münch München

Der türkische Präsident Recep Erdogan nutzt den fehlgeschlagenen Putsch, der zweifellos zu verurteilen ist, um gegen Kritiker brutal vorzugehen: Tausende werden inhaftiert, die mit dem Putsch überhaupt nichts zu tun hatten. Sie standen aber wohl auf einer vorbereiteten Liste. Erdogan ist der Putsch ein willkommener Anlass für Säuberungsaktionen gegen Untertanen, die nicht so ganz auf seiner Linie liegen. Mehrfach in den letzten Tagen machte türkischer Mob – angeheizt von Regierungsseite – Jagd auf Putsch-Sympathisanten und Ausländer. So wie sich die Türkei derzeit präsentiert, ist sie von Demokratie, Visa-Freiheit und EU-Beitritt noch Lichtjahre entfernt. Ich verstehe auch nicht, warum mehrere 100 000 Deutsche nach wie vor in die Türkei des Recep Erdogan fahren, um dort Urlaub zu machen.

 Max Lipp Weilheim

Dem Kommentator ist Recht zu geben mit der These, dass der Türkei-Konflikt nicht nur in Deutschland angekommen ist, sondern auch in der türkisch-stämmigen Gemeinde ausgetragen wird und das nicht nur mit demokratischen und rechtsstaatlichen Mitteln. Angesichts des Leserbriefs des Herrn Kilic wird dies exemplarisch aufgezeigt. Verdeutlicht dieser doch ein Demokratie- und Rechtsstaatsverständnis,, das zwar mit dem des türkischen Staatspräsidenten und seiner islamischen Regierungspartei AKP kompatibel ist, nicht aber mit Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland. Zudem sieht sich sowohl Erdogan als auch seine (muslimische) Anhängerschaft in Deutschland und Europa in permanentem Abwehrkampf gegen den Westen, da man sich nicht nur benachteiligt und bevormundet fühlt, sondern auch angegriffen. Dies ist nun auch unser Problem, da die Anzeichen hiefür seit der Reden Erdogans in Köln und in Mannheim sowohl von Teilen der Politik als auch der veröffentlichten Meinung weitestgehend ignoriert wurden. 

Walter Schmitz Eching am Ammersee

Der dilettantische Militärputsch in der Türkei mag wirklich so etwas wie ein „Geschenk Allahs“ an den türkischen Machthaber Erdogan sein. Allerdings regen sich Zweifel, ob es sich wirklich um einen Putsch der Armee gegen den Präsidenten handelte. Schließlich „kann“ die Armee das Putschen und hat das in den Jahren 1960/71/80 bewiesen. Das Militär ging immer als Sieger über die jeweils herrschenden Regierungen hervor. Dass dieser „Putsch“ vielen Menschen das Leben kostete ist sicherlich ein Preis, den der Präsident durchaus für seine Glaubwürdigkeit zu zahlen bereit war. Allein wichtig für ihn dürfte sein, auch die letzten noch vorhandenen Inseln des Widerstands in der Armee, der Justiz, den Behörden und ganz allgemein bei den Führungseliten des Landes, gegen die von ihm angestrebte Präsidialdiktatur, zu beseitigen. Kanzlerin Merkel wie auch die Politiker der demokratisch regierten Länder der Welt beeilten sich, den „Putsch“ auf Schärfste zu verurteilen und Erdogan, wegen Verteidigung der demokratischen Ordnung in der Türkei, den Rücken zu stärken. Die gleichzeitig international ausgesprochenen Warnungen an die türkische Regierung, den Putsch mit rechtsstaatlichen Mitteln aufzuarbeiten, dürften auf taube Ohren fallen. Wie Werner Menner in seinem Kommentar richtig schreibt, hat Erdogan schon vor dem Putsch, Presse, Justiz und Polizei „gesäubert“. Der, lt. Spiegel, „aufgeputschte“ Erdogan wird jetzt mit aller Härte gegen wirkliche oder auch vermeintliche Opposition vorgehen und dabei auch vor der Wiedereinführung des Todesstrafe nicht zurückschrecken. 

Peter Hütz Krailling

Sehenden Auges haben uns die Politiker in ein Schlamassel ungeheuren Ausmaßes geführt. Oder besser gesagt: Sie haben - nur den kurzfristigen Erfolg im Blick - uns in ein Desaster gelotst, das gerade eben erst beginnt und, wenn nichts dagegen unternommen wird, in einem handfesten Konflikt zwischen Türken und Deutschen ausarten wird. Merkwürdig, dass es den Verantwortlichen erst jetzt dämmert, dass die Türken in Deutschland auch in der soundsovielten Generation immer Türken bleiben werden. Gedanklich und tätlich. Wenn man glaubt, im Konfliktfall würden sich die - doch so gut integrierten Türken - für Deutschland und seine Werte entscheiden, unterliegt man einem Irrtum. Erdogan, Erdogan, schreiend ziehen sie durch unsere Straßen und lassen uns wissen, dass ihnen ihr Menschenrechte verletzender Führer näher steht als unser Rechtsstaat. Die Intelligenz unter den Türken hat sich weggeduckt. Unverständlich, dass unsere Führungsriege sich weiterhin mit einem Tyrannen einlässt, der unter Säuberung die totale Vernichtung Andersdenkender versteht. Wann werden Merkel und Co. es endlich kapieren, dass man mit einem Tyrannen nicht verhandeln und ihm schon gar nicht mit Liebesentzug (EU untauglich) drohen kann? 

Richard Birk Freising

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