Kein Kontakt zur Realität

Georg Anastasiadis: Abschiedskultur; Kommentar 28. Juli

Sie legen den bösen, bösen Finger sehr wohl andeutungsweise auf einige offene Wunden, die durch unsere Willkommenspolitik entstanden sind. Trotzdem, einige m.E. wichtige Aspekte sind nicht angesprochen - ist ja auch unmöglich in einem (leider) so kurzen Kommentar ein umfassendes Bild zu geben. Was sind denn die Gründe für unser fatales Versagen in dieser Frage? Darauf sollte man einmal in einer breiter gefassten Untersuchung eingehen. Dabei wäre auch zu betrachten, was unterscheidet uns von anderen, die unsere Probleme nicht oder nicht in gleichem Ausmass haben? Meiner Ansicht nach hat sich in den letzten Jahrzehnten in Deutschland eine "Kultur des Anti-Rationalismus" breitgemacht. Nicht zuletzt begünstigt durch die Tatsache, dass viele unserer Politiker sich nicht die Mühe gemacht haben, einmal in einem ganz normalen Beruf tätig zu sein, sondern gleich den kürzeren Weg vom Studium zum Parlament gewählt haben. Ein zweiter Grund scheint mir darin zu liegen, dass Deutschland ein Problem mit seinem wirtschaftlichen Erfolg hat. Das Problem liegt darin, dass wir uns es schlichtweg über Jahrzehnte leisten konnten, eine Intellektuellenklasse zu unterhalten, von der der philosophische Anthropologe Arnold Gehlen schon in seinem prophetischen Buch "Moral und Hypermoral" Ende der 60iger Jahre gesagt hat, dass sie den Kontakt zur Realität verloren habe. Der Soziologe Helmut Schelsky hieb mit seinem Werk "Die Arbeit tun die anderen" in eine ähnliche Kerbe. "Intellektuelles Denken" - oder bösartiger ausgedrückt: realitätsfernes Denken in künstlichen Kopf-Konstrukten - konnte so wie in einem sicheren Biotop ohne das Korrektiv der Überprüfung durch die reale Welt munter vor sich hin gedeihen. So etwas ist eine ideale Umgebung für das, was ganz normale Leute (die sich an dieser Horror-Vorstellung des Intellektuellen: dem deutschen Stammtisch, treffen) despektierlich als "abgehobene Spinner" bezeichnen. Solches "Abheben" kann mitunter zu gefährlichen Auswüchsen führen. Es bildet letztendlich die Basis für jedwedes Sektierertum. Bekanntlich können sich Sektenmitglieder dermassen gegen die reale Welt ausserhalb ihrer Sekte abschotten und sich gegen Fakten geistig imprägnieren, dass Aussteiger unter Umständen einer psychischen Deprogrammierung bedürfen. Die Faktenfeindlichkeit unserer deutschen intellektuellen Elite erinnert mich gelegentlich schockierend an solche Zusammenhänge. Es wird abgewiegelt, weggeblendet, kleingeredet, Offensichtliches geleugnet, verdreht, dass man glauben könnte, die wahren Gläubigen der Anfangszeit des Kommunismus seien als Zombies wiederauferstanden. Was nicht sein darf, das kann nicht sein. Brauchen Intellektuelle ihr geistiges Opium, wie es Raymond Aron ausgedrückt hat? Gestern wurde ich durch eine Sendung des ORF (WELTjournal) auf eine britische Umfrage des ICM aufmerksam, die die Einstellungen von britischen Moslems untersuchte. Das Ergebnis war erschütternd. (Die Umfrage und ihre Methodik sind auf der Webseite des ICM nachlesbar.) Der bekannte Satz von Sabatina James, dass Einwanderer ihre Kultur, ihre Gewohnheiten, ihre Vorurteile eben nicht an der Grenze abgeben, wurde ergänzt durch die Erkenntnis, dass sich Schwulenfeindlichkeit, Frauenfeindlichkeit, und das Höherwerten der Scharia über weltliche Gesetze auch durch längeren Aufenthalt im Gastland nicht verflüchtigen. Darüber hinaus ist ein erheblicher Prozentsatz auch für die Gewalt-Ideologie des IS offen. Es liegt in der Natur der Sache, dass sofort wütende Kritiker an den Methoden der Umfrage herummäkeln. Allerdings wird diese Umfrage von vielen anderen bestätigt - in Deutschland z.B. durch die des Berliner WZB. Auf internationaler Ebene könnte ich eine Fülle von anderen, breit angelegten empirischen Untersuchungen anführen, die ähnlich beunruhigende Ergebnisse offenbaren, etwas die der Pew-Research oder des arabischen Doha-Instituts, wonach etwa 7% der Befragten Sympathie zum IS zugaben. Was dies angesichts der Millionen von Moslems in Westeuropa bedeutet, ist klar. Da hilft auch nicht der alberne Verweis auf die friedliche Mehrheit der Moslems. Selbstverständlich ist die Mehrheit friedlich. Aber eine sehr grosse Minderheit eben nicht. Und die geht in die vielen Tausende. Es wird Zeit, dass deutsche Intellektuelle, unsere Bessermenschen, die sich dem angeblich so primitiven Stammtisch so überlegen fühlen, sich einmal einer geistigen Opium-Entziehungskur unterziehen. Wir müssen wieder zu einer Kultur kommen, in der es nicht heisst: Widersprechen die Fakten der Ideologie, dann umso schlimmer für die Fakten. Nach dem von der Politik proklamierten "Aufstand der Anständigen" brauchen wir höchst dringend einen "Aufstand der Vernünftigen". Sonst werden die Unvernünftigen in Deutschland ein Desaster anrichten. 

Werner Bläser Frutigen, Schweiz

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