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Marodes Original: der Schlachthof.

Bürgerentscheid in drei Wochen

Streit um Münchner Schlachthof: Es geht um die Wurst

München/Aschheim – Ein Investor will in Aschheim einen Schlachthof bauen. Obwohl es noch keine Genehmigung gibt, planen Betriebe des Schlachthofs in München offenbar bereits den Umzug an den Stadtrand. In Aschheim haben viele Angst, ihre Heimat könnte zerstört werden. In München auch – aber aus ganz anderem Grund.

Update vom 9. Oktober 2016: Die Proteste gegen den in Aschheim geplanten Schlachthof münden am Sonntag in eine demokratische Abstimmung. Wie der Tag des Bürgerentscheids zum Schlachthof in Aschheim verläuft, die Ergebnisse der Abstimmung und die Reaktionen darauf finden Sie in unserem Live-Ticker.

Im Münchner Schlachthofviertel fallen um kurz vor sechs Uhr die verlorenen Seelen aus der Boazn „Zur Gruam“. Sie torkeln vor der Großmarkthalle in Richtung Zuhause. Nun übernehmen die Männer in weißen Kitteln das Schlachthofviertel. Metzger, Schlachter schlendern ins Marktstüberl der Metzgerei Gaßner an der Zenettistraße. Die einen haben die ganze Nacht Rinder und Schweine getötet und geteilt, die anderen haben das Fleisch zerkleinert und in Tierdärme abgefüllt. Jetzt, wenn die Stadt langsam erwacht, machen sie Feierabend. Einige sitzen auf Barhockern, zwei Scheiben Leberkas und eine Halbe Bier bitteschön. Sie ratschen, von Metzger zu Metzger, von Schlachter zu Schlachter. Und seit einiger Zeit machen wilde Gerüchte die Runde.

Der Grund ist der Plan eines privaten und lange auch geheimen Investors, einen Schlachthof im Münchner Osten zu bauen. Auf einem elf Hektar großen Grundstück zwischen Aschheim, Feldkirchen und Kirchheim soll „der modernste Schlachthof Europas“ entstehen. Wöchentlich sollen dort bis zu 1500 Rinder und 7000 Schweine geschlachtet und verarbeitet werden. Es geht um die Fläche hinter dem Möbelhaus XXL-Lutz, das man von der A 99 aus sieht. Es heißt, auch Betriebe des Münchner Schlachthofs wollen sich dort einmieten oder sogar einkaufen. Aschheims Bürgermeister Thomas Glashauser (CSU), ein Befürworter des Umzugs, bestätigt: „Entsprechende Vorverträge existieren.“

Man wartet auf den 9. Oktober

Die Stadt München, der das Schlachthof-Gelände gehört, beteuert: Es habe sich noch kein Betrieb gemeldet, der seinen Vertrag beenden will. Die Betriebe selbst bleiben vage: „Eine Verlegung des Schlachthofes an den Stadtrand ist meines Erachtens zukünftig von großer Bedeutung“, schreibt etwa Ludwig Attenberger von der Münchner Schlachthof Betriebs GmbH. „Auch zum Wohle der Tiere wäre das Gelände in Aschheim mit naher Autobahnanschlussstelle vorteilhafter, da die Anlieferung der Tiere stressfreier ablaufen würde.“ Stress wirkt sich negativ auf die Fleischqualität aus. Die Großmetzgerei Vinzenzmurr möchte sich auf Anfrage unserer Zeitung nicht äußern. Das ist wohl Strategie: Man wartet auf den 9. Oktober. Dann stimmen die Aschheimer in einem Bürgerentscheid und Ratsbegehren darüber ab, ob der Schlachthof überhaupt gebaut werden soll oder nicht. Der Ausgang ist offen.

Für viele geht es in knapp drei Wochen um nichts Geringeres als ihre Heimat. Und zwar für die Menschen in Aschheim genauso wie für die Alteingesessenen am Münchner Schlachthof, der die besten Jahre hinter sich hat – aber eben auch eine Legende ist.

Die Kirchenglocken von St. Peter und Paul läuten 10 Uhr. Hier, mitten im Ort, ist Aschheim ein Dorf. Es gibt eine Hauptstraße, vormittags trifft man bis auf ein paar Rennradler kaum Passanten. Doch der Eindruck täuscht: Aschheim ist unter anderem wegen der Nachbarschaft zur Messe München ein beliebter Unternehmensstandort. Firmen aus der High-Tech-Branche haben sich niedergelassen genauso wie Finanzdienstleister. Bürgermeister Glashauser sagt: „Das ist die Region im Speckgürtel. Eine Lage, in der sicherlich der idyllische Charakter auf Jahrzehnte nicht mehr erhaltbar ist.“

Die Mehrheit im Gemeinderat ist für den Schlachthof - viele Bürger sind dagegen

Die Gemeinde Aschheim ist eines der ältesten Siedlungsgebiete in Südbayern, Glashauser ist seit zwei Jahren Rathauschef. Der 41-Jährige sitzt jetzt in einem Besprechungsraum. Er wirkt angeknackst, momentan durchlebt er die wohl schwierigste Phase seit er im Amt ist. Im Gemeinderat hat er eine Mehrheit aus SPD und CSU hinter sich, die für die Ansiedlung eines Schlachthofes ist. Aber viele Bürger sind dagegen.

Stets betont Glashauser die Vorteile eines Schlachthofs: Das Wichtigste seien hohe Gewerbesteuereinnahmen. Er hebt auch den „antizyklischen Verkehr“ hervor – schließlich kommen die Viehlaster in der Nacht. Außerdem sei ein Schlachthof am Rande Münchens besser für die Tiere, weil der Verkehr fließe und nicht stocke wie im Zentrum an jeder Ampel.

Marodes Original: der Schlachthof.

Im Schlachthofviertel sitzt Andreas Gaßner, Metzgermeister, um kurz nach sechs in seinem Stüberl auf einem Barhocker. Ein paar Minuten Pause. Jeder, der die Tür zum Lokal aufschwingt, begrüßt ihn mit: „Servus Ande!“ Der 49-Jährige beschäftigt 50 Mitarbeiter und beliefert 200 bis 300 Kunden, darunter Gastrounternehmen, aber auch Großverbraucher. Er führt den Familienbetrieb in der dritten Generation, dass sein Sohn den Laden irgendwann übernimmt, ist so gut wie geritzt. Gaßner hat sein Marktstüberl neben die letzte noch existierende Viehwaage Münchens gebaut. Früher war das so, erzählt Gaßner, Viehhändler, Schlachter, Metzger trafen sich an der Viehwaage. Zuerst wurden die Viecher gewogen, dann feilschte man um den Preis. „Wenn die Kuh vorm Wiegen geschissen hat, hast Glück gehabt. Wenn sie nach dem Wiegen geschissen hat, warst der Depp“, sagt der Metzger und lacht. Schlachthof-Humor, Erinnerung an eine längst vergangene Zeit. Die Waage benützt heute keiner mehr. Sie ist Kult, wie das ganze Schlachthof-Viertel. Und jetzt soll es bald vorbei sein damit? Nicht, wenn es nach den Aschheimern geht.

Aschheimer Anwohner fürchten um den Ruf des "Silicon Valleys Münchens"

Die Gegner wappnen sich, sie sammelten Unterschriften für den Bürgerentscheid. Im Gegenzug zettelten CSU und SPD ein Ratsbegehren an. Doch das ist nicht alles: Die Gegner bekommen Unterstützung aus ganz Deutschland, im Juli demonstrierten vor dem Rathaus 60 Vertreter von Animals United. Der Bürgermeister ist für sie einer, der das Tierwohl mit Füßen tritt. Es geht beim Protest aber nicht nur um die Tiere.

Der mögliche Standort am Autobahnring.

Hinter dem Möbelhaus XXL-Lutz erntet ein Bauer gerade sein Kartoffelfeld ab. Weiter vorne steht der Mais meterhoch, daneben der Rohbau eines Rechenzentrums. Und hinter den Lärmschutzwänden rauscht der Verkehr der A 99 vorbei. „Schauen Sie sich um“, sagt Sabine Freser-Specht, 50. „Wir stehen hier mitten im boomenden Landkreis München.“ Sie ist zusammen mit Sabine Maier, 50, und Renate Zapf, 48, zu Fuß von Aschheim zu dem Weizenfeld gelaufen, wo der Schlachthof möglicherweise gebaut wird. Die drei Frauen sind die Köpfe des Aschheimer Widerstandes, sie haben Unterschriften für den Bürgerentscheid gesammelt, eine eigene Homepage gegründet und eine Facebook-Gruppe eröffnet. „Wir kämpfen gegen Goliath“, sagt Renate Zapf.

Die drei Frauen sind nicht vegan, wie sie sagen. Sie treten ein für den Ruf ihrer Gemeinde. „Aschheim ist das Silicon Valley Münchens“, sagt Sabine Maier und verweist auf die Unternehmen aus der IT-Branche. Ein Schlachthof habe hier nichts zu suchen. Und sie befürchten Lärm, Gestank und Chemikalien im Abwasser.

Der Kirchheimer Gemeinderat fordert den "Schlexit"

Die drei Köpfe des Widerstands in Aschheim: Renate Zapf, Sabine Freser-Specht und Sabine Maier (von links). 

Die drei Frauen sehen vom Weizenfeld aus drei Jugendliche auf dem Radl, vermutlich fahren sie zum Heimstettener See. Der ist nur ein paar hundert Meter vom möglichen Schlachthof-Standort entfernt, an seinem Ufer liegen an Sommertagen Hunderte. Der See gehört zur Gemeinde Kirchheim und hat den Spitznamen „Fidschi“. Im Biergarten drehen sich am Grill sechs Hendl, sind sie fertig, halbiert sie der Grillmeister mit der Schere. Nebenan brutzeln die Steckerlfische. Wenn ein Gericht fertig ist, schreit die Wirtin durch den ganzen Biergarten. „Gemüsepflanzerl!“ Den Teller stellt sie auf den Tresen. Ein Riese in Muskel-Shirt und mit tätowierten Oberarmen holt sich seine Öko-Burger ab. Viele haben Angst, dass ihnen der Schlachthof-Gestank den Badespaß verdirbt.

Was vor allem die Kirchheimer ärgert: Beim Bürgerentscheid dürften sie nicht abstimmen. Dafür bräuchte es ein Raumordnungsverfahren, doch das wird nach Angaben der Regierung von Oberbayern voraussichtlich scheitern. Der Frust ist groß: Kirchheimer Gemeinderäte fordern den „Schlexit“ – den Ausstieg aus den Schlachthof-Plänen. Der Grund ist die „relativ nahe Wohnbebauung“ der Gemeinde zum Schlachthof. Aber eigentlich können sie in Kirchheim bloß noch hoffen, dass sich die Aschheimer gegen das Projekt entscheiden.

Die Gegner dort finden, wenn schon ein Schlachthof gebaut werden soll, dann bitte in strukturschwachen Gegenden – und nicht im dicht besiedelten Aschheim. In einem Schreiben heißt es: „Dann würden Mensch und Tier und nicht nur ein geheimnisvoller Investor profitieren.“

Verschwindet der Schlachthof für ein teures Münchner Wohnviertel?

Das ist einer der Knackpunkte im Streit: der Investor. Es wird gemunkelt, dass der Schlachthof aus dem Münchner Zentrum verschwinden soll, damit dort ein teures Wohnviertel entstehen kann. Befeuert werden die Gerüchte durch den selbst ernannten Initiator Albert Oppenheim. Er ist Geschäftsführer des Immobilieninvestors Opus Munich GmbH & Co. KG – gegründet im April 2016 für das Projekt in Aschheim. Wie Oppenheim selber sagt, zieht er die Fäden zwischen dem Investor, den Betrieben und der Gemeinde. Lange verschwieg er den Namen des Geldgebers, die Schlachthof-Gegner sprachen vom „Phantom-Investor“.

Ein Blick ins Handelsregister zeigt: Hinter Opus Munich steckt ein verzweigtes Geflecht aus Firmen in Luxemburg und England. Auch Oppenheim räumt ein: Das Geld für den Schlachthof in Aschheim stamme nicht aus Deutschland. Und die Baukosten? „Ich weiß nicht, was er kostet. Das können 50 oder 200 Millionen Euro sein.“ Viele offene Fragen. Als vorigen Freitag Oppenheimer und ein extra aus London eingeflogener Projektentwickler eine Infoveranstaltung vor 400 Aschheimern abhielten, wurden sie längst nicht alle beantwortet.

Will der Investor den Schlachthof aus München herauslocken, um dort Wohnungen zu bauen? Der Münchner Schlachthof als Wohnviertel „wäre sicher eine interessante Sache“, sagt Oppenheim. „Aber die Gespräche sind noch nicht so weit.“ Es gibt also Gespräche.

Vielleicht ist es bald vorbei mit den Traditionen rund um den Münchner Schlachthof. Metzgermeister Gaßner sagt, für seinen Betrieb wäre es eine logistische Herausforderung, sollte er die Waren statt von gegenüber aus Aschheim beziehen. Aber er sorgt sich vielmehr um die Identität des Viertels, wo er arbeitet und lebt: „Wenn der Schlachthof wirklich rausgehen sollte“, sagt der Metzger, „dann stirbt wieder ein Teil von München.“

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