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Spickzettel auf der Hand: „1133 Tage des Zorns“, diese Zahl hat Christa Weidner aufgeschrieben für ihre Dankesrede bei der Preisverleihung in Berlin.

Späte Genugtuung

Wirtschaftpreis für Christa Weidner aus Aschheim

Aschheim - Drei Jahre dauerte Christa Weidners Prozess vor dem Sozialgericht. Den Rechtsstreit um „Scheinselbständigkeit“ hat sie gewonnen, doch ihr Unternehmen ist zerstört. Jetzt ist die 53-Jährige mit dem Werner-Bonhoff-Preis „Wider den Paragrafen-Dschungel“ ausgezeichnet worden.

„Heute stehe ich vor ihnen zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder als eine Gewinnerin“, sagte die 53-Jährige, als die Aschheimerin in Berlin den Scheck über 50 000 Euro vom Verband der Gründer und Selbständigen Deutschland e.V. entgegennahm.

Prozess um Scheinselbständigkeit

Christa Weidner lebt mit Mann und Tochter (22) in Aschheim. 2002 machte sie sich als IT-Beraterin selbständig. Sie schrieb Bedienungsanleitungen für Software, schulte Mitarbeiter am PC, erarbeitete Trainingsmaterial und begleitete „Change-Management-Prozesse“. Die Kunden waren zufrieden. „Ich hatte so viel zu tun, dass ich Aufträge an Freiberufler abgab und zeitweise 70 Trainer im Einsatz hatte“, erzählt die Firmengründerin. Christa Weidner ist eine der wenigen Betroffenen, die von ihren Erfahrungen mit Scheinselbständigkeit und ihrem Kampf mit der Deutschen Rentenversicherung sprechen. Als Auftraggeberin schickte sie für jeden neuen Mitarbeiter, den sie beschäftigte, ein so genanntes „Statusfeststellungsverfahren“ an die Rentenversicherung nach Berlin. Diese klärte dann, ob der Mitarbeiter als selbständig oder scheinselbständig anzusehen war. In allen Bescheiden wurde ihr die Selbständigkeit ihrer Auftragnehmer bestätigt. Bis 2009, als fünf Anträge zurückkamen mit dem Vermerk „scheinselbständig“. 

Millionen-Nachzahlung drohte

„Die Rentenversicherung hatte ihre Beurteilungspraxis geändert: Während sie bis 2009 den Selbständigen in seiner Gesamtheit betrachtete, nahm sie nun das Auftragsverhältnis in den Blick“, erklärt Weidner. Weil sie ihren Trainern Ort, Zeit und Thema für ihren Einsatz vorgab, galten sie nun als Scheinselbständige. Der Unternehmerin drohte, dass sie Sozialversicherungsbeiträge und Umsatzsteuern in Millionenhöhe hätte nachzahlen müssen. „Dafür hätte mein Vermögen nicht ausgereicht“, sagt Weidner.

Sie sah sich mit Argumenten konfrontiert, die sie ratlos machten. „Denn ich hatte alles einfach nur richtig gemacht.“ Die rechtliche Unsicherheit und das Risiko waren so groß, dass Christa Weidner die Reißleine zog und keine größeren Aufträge mehr annahm. Am Ende hatte sie ihr erfolgreiches Business verloren und begann ihren Kampf vor dem Sozialgericht. 

Firma geht verloren

Drei Jahre war sie nicht in der Lage zu arbeiten und verdiente in dieser Zeit kein Geld. „Ich empfand die Situation als ungerecht.“ Sie konnte bei sich kein Versagen, keinen selbst verschuldeten Fehler erkennen. Das Gesetz, das geschaffen worden war, um Ausbeutung zu verhindern, traf sie hart. Der Rechtsstreit dauerte bis Juni 2012: Die Deutsche Rentenversicherung nahm die Bescheide in allen fünf Verfahren zurück und entschied auf „Selbständigkeit“. „Da habe ich gemerkt, welch riesiger Stein mir vom Herzen fiel.“

Hilfe für andere Selbständige

Heute arbeitet Christa Weidner wieder als Selbständige in der IT-Branche – allerdings als als Auftragnehmerin und erlebt erneut die Problematik der Scheinselbständigkeit. Vor dem Hintergrund der Rechtsunsicherheit beobachtet sie die sinkende Bereitschaft bei Firmen, Aufträge an Freelancer zu vergeben. „Wir werden nur noch über Agenturen eingekauft. Das Gesetz schadet denen, die es schützen will.“ Christa Weidner hat Artikel für IT-Medien geschrieben und ein Buch mit dem Titel „Freelance IT“. Sie bringt den Mut auf, mit ihren Erfahrungen an die Öffentlichkeit zu gehen. „Ich wünsche mir mehr Rechtssicherheit“, sagt die Aschheimerin. „Das Gespenst Scheinselbständigkeit muss vom Markt und aus der Zusammenarbeit verjagt werden“, sagt sie. Dabei will sie anderen Selbständigen gerne helfen.

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