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Das Herzstück des Hotels steht auch Garchingern offen: Der „Living Room“, das Wohnzimmer mit Café und Bar.

"Soulmade" am Mühlfeldweg

Schmuckes Hotel verdrängt Schandfleck in Garching

Garching - Ausgerechnet dort, wo sich Garching lange Zeit von seiner hässlichsten Seiten zeigte, prangt nun eines der modernsten Hotels weit und breit: Das „Soulmade“ am Mühlfeldweg sorgt nicht nur wegen des kryptischen Namens für Gesprächsstoff.

Die Postkarten zum Beispiel. Sie sind eines jener Details, auf die Ole Kloth so stolz ist. Die Karten seien gebraucht, erzählt der Direktor für Entwicklung bei Derag Livinghotels, während er durch das neue Haus in Garching führt. „Die haben wir extra bei Ebay ersteigert.“ Die Postkarten habe man danach wahllos in die ebenfalls gebrauchten Bücher gesteckt, die in den Regalen von sämtlichen Hotelzimmern stehen, um eine behagliche Atmosphäre zu verbreiten. „Es kann also sein, dass der Gast ein Buch in die Hand nimmt, und es fällt eine Karte heraus, die Oma Erna aus dem Urlaub geschickt hat“, sagt Ole Kloth und muss bei dem Gedanken grinsen. „Das sind Details“, wiederholt er zum x-ten Mal sein Lieblingswort. „Aber sie entscheiden darüber, ob sich ein Gast bei uns wohlfühlt.“ 

Fertigstellung verzögerte sich

Doch bevor es um weitere Kleinigkeiten geht, zunächst das große Ganze: Seit April hat das neue Hotel der Derag-Gruppe am Mühlfeldweg geöffnet. Das Haus hört auf den rätselhaften Namen „Soulmade“ – dazu später mehr. Eigentlich hätte das Hotel bereits im Oktober bezugsbereit sein sollen. „Aber Sie wissen ja, wie das bei solchen Projekten ist“, sagt Ole Kloth. „Das sind Kleinigkeiten“, – also wieder Details – „weshalb es dann doch länger dauert.“ 

139 Apartments

Nun aber steht das Hotel: ein viergeschossiger Holz-Bau mit 139 Apartments, davon 36 Junior Suiten mit zwei Räumen und 101 Business Suiten mit einem Zimmer. Der Preis ist – wie in der Hotellerie inzwischen üblich – dynamisch: Die kleinere Variante kostet meist zwischen 90 und 120 Euro die Nacht, die größere zwischen 120 und 170 Euro. Eine hübsche Summe, doch dafür nächtigen die Gäste auch in Zimmern, die fernab von steriler Hotel-Atmosphäre eher an das Apartment eines Berliner Hipsters erinnern.

Viel Holz

Fast alles hier ist aus Holz, von den Fichten-Wänden bis zum Eschen-Bett. Jedes Zimmer verfügt über eine Küche mit Mikrowelle, Kühlschrank und Induktions-Kochfeld. Dazu steht auf dem Tisch eine Kaffeemühle samt Bohnen bereit – noch so ein Detail. „Den ersten Kaffee des Tages kann man sich selber mahlen und brühen.“ Den darf der Gast auch im Bett oder vor dem 47-Zoll-Fernseher genießen.

Viele Geschäftsleute

Doch wie sehen diese Gäste eigentlich aus? Bei dieser Frage reckt Marketingchef Tim Bendix Düysen fünf Finger in die Luft. Erstens Businessgäste, die geschäftlich in Garching oder der Umgebung zu tun haben. „Das ist der Hauptfokus“, so Düysen. Zweitens Freizeitreisende, nicht zuletzt Bayern-Fans, wegen der Nähe zur Allianz Arena. Drittens: „Gäste, die eigentlich nach München gehören, aber die Ruhe in Garching schätzen und hier zehn, fünfzehn Euro weniger bezahlen“, sagt Düysen. Und wegen der guten Verkehrsanbindung: viertens Messebesucher und fünftens Flugreisende. Rund die Hälfte der Hotelgäste sei englischsprachig, schätzt Düysen.

Zen-Garten mit Kneippstationen

Sie dürften keine Probleme mit dem Zurechtfinden haben, denn das „Soulmade“ ist nicht nur im Namen anglophil, sondern auch in der Beschilderung. Von der Tiefgarage, wo Gäste mit einem „Almost there“ (beinahe da) begrüßt werden, geht es zum Entrance (Eingang), vorbei am Gym (Fitnessraum) und weiter in den Living Room (Wohnzimmer) – das Herzstück des Hotels.

Viel Holz und Seele: Das "Soulmade".

Der Saal ist Frühstücksraum, Empfangshalle und Bar in einem und erinnert nicht an ein Hotel, sondern eher an ein Szene-Café im Glockenbach: Auf Holzregalen reihen sich noch mehr gebrauchte Bücher; es gibt Sofas und Sessel, aber auch Tische mit Flatscreen und Laptop-Anschluss. Vom Living Room geht es auch hinaus in den Garten, der an einen japanischen Zen-Garten erinnern soll und mit Kneippstationen sowie einem Barfußpfad ausgestattet ist, der sich hier „Pocket Barefoot Park“ nennt.

Einst stand hier ein marodes Ladenzentrum

Dort, wo nun gestresste Manager die Entspannung suchen, war vor zwei Jahren noch einer der größten Schandflecke Garchings: das in den 1970er-Jahren errichtete Derag-Ladenzentrum, das zuletzt nur durch Leerstand und Verfall von sich reden machte. Ursprünglich wollte die Derag (Deutsche Realbesitz AG) an der Stelle ein Studentenwohnheim bauen, doch dagegen liefen die Anwohner Sturm. In der Folge schwenkte man auf ein Hotel um, was der Stadtrat im Juli 2011 genehmigte. Danach geschah erst mal jahrelang nichts; zu den Gründen wollte die Derag keine Angaben machen.

Das bedeutet der kryptische Namen

Erst im Winter 2014 begann der Abriss der Ruine. An dessen Stelle hat nun das „Soulmade“ seine Türen geöffnet – als erstes von mehreren Hotel-Neubauten in Garching. So soll in der Neuen Mitte (Galileo) am Campus ein Marriott-Hotel mit 253 Zimmer entstehen. Und auch im Business Campus ist der Bau eines neuen Business-Hotels geplant. 

Derweil hat das „Soulmade“ vorgelegt. In beeindruckender Manier, wie der Rundgang zeigt. Bleibt nur die Frage nach dem Namen; schließlich gibt es den Begriff „Soulmade“ auch im Englischen nicht. Vielmehr solle das Kunstwort dafür stehen, wie viel Seele („soul“) in dem Haus stecke, sagt Ole Kloth. „Wir hatten eine lange Liste mit Namen, die zu dem Objekt passen – und der hat uns einfach am besten gefallen."

Wohnzimmer und Laden auch für Garchinger

Rund eineinhalb Jahre lang ist das ehemalige Ladenzentrum an der Kreuzung zwischen Mühlfeldweg und Professor-Angermair-Ring eine riesige Baustelle gewesen – vor allem für die Anwohner keine leichte Zeit, räumt Ole Kloth von Derag Livinghotels offen ein. Umso mehr suche man nun den Kontakt zu den Nachbarn: „Wir wollen kein anonymes Hotel sein, sondern der Treffpunkt in Garching.“ So stehe der sogenannte Living Room mitsamt Café und Bar auch hotelfremden Gästen offen. „Viele Mütter kommen zum Kaffeetrinken zu uns“, berichtet Kloth, „und wir haben sogar schon einen Stammtisch, der sich hier trifft.“ Anwohner können sich zudem im hoteleigenen „Emma Store“ mit Lebensmitteln des täglichen Bedarfs versorgen. Und auch in der neuen Tiefgarage sollen etliche der 186 Parkplätze an Anwohner vermietet werden

 

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