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Zwei, die sich gut verstehen: Hildegard Pflügler (88) gibt das obere Stockwerk ihres Hauses kostenfrei ab. Student Jamik Okhunov (26) wohnt bei ihr und hilft dafür im Haushalt.

Studieren - und leben wie bei Oma

Garching - „Wohnen für Hilfe“ vermittelt seit 20 Jahren Wohnpartnerschaften von Senioren und Studenten im Landkreis. Es ist ein Projekt, das Hildegard Pflügler (88) aus Garching schon einmal das Leben gerettet hat.

Mitten in der Nacht hört Jamik Okhunov (26) Hildegard Pflügler (88) schwer atmen. „Da habe ich mir Sorgen gemacht und nach ihr gesehen“, erzählt er. Und das ist ihr Glück. Die alte Dame bekommt keine Luft mehr, droht zu ersticken. „Das ist ganz furchtbar gewesen“, erinnert sie sich. Doch Jamik Okhunov ist da, redet beruhigend auf sie ein und verständigt den Sohn und die Sanitäter. „Er hat mir wirklich das Leben gerettet“, sagt Hildegard Pflügler. Gut eineinhalb Jahre ist es her, dass er ihr das Leben gerettet hat.

Der junge Ingenieurwissenschafts-Student lebt seit zwei Jahren bei der Seniorin im Haus und hilft ihr im Alltag. Dafür kann er mietfrei wohnen, nur knapp 100 Euro Nebenkosten muss er bezahlen. „Das ist jetzt mein dritter Student“, sagt Hildegard Pflügler, und lacht. Die ehemalige Volksschullehrerin hat einen freundlichen Blick, ihre weißen Haare ordentlich zusammengesteckt.

Seit 2006 nimmt die „Ur-Münchnerin“, wie sie sich selbst bezeichnet, an der Initiative „Wohnen für Hilfe“ teil. Durch einen Zeitungsartikel ist sie damals darauf aufmerksam geworden: „Der Student ist froh, dass er eine Wohnung hat, und ich bin froh, dass ich Hilfe habe“, sagt sie.

So wie Hildegard Pflügler, geht es auch vielen anderen Senioren im Landkreis München. Ungefähr 80 Prozent der Wohnraumanbieter seien alleinstehende Frauen, sagt Ursula Schneider-Savage, die sich um die Vermittlung der Wohnpartnerschaften im Landkreis kümmert. „Wohnen für Hilfe“ gibt es mittlerweile seit rund 20 Jahren, in dieser Zeit wurden rund 600 Wohnpartnerschaften vermittelt. Wie einst Jamik, suchen nach wie vor sehr viele Studenten bezahlbaren Wohnraum. Senioren haben oft aber Bedenken, jemanden in ihre Wohnung zu lassen. Hildegard Pflüger sagt, sie selbst habe sich drüber keine Sorgen gemacht: Man lerne sich ja vorher kennen, um zu sehen, ob man sich sympathisch ist. Nach den ersten beiden Studenten, die bei ihr gewohnt hatten, wollte sie noch einmal jemanden bei sich aufzunehmen.

Und so stellte sich vor zwei Jahren dann Jamik Okhunov, ein ruhiger, sehr höflicher junger Mann, bei ihr vor. Der gebürtige Tadschike, der bis dahin in Salzburg studiert hatte, sollte sein Studium in München an der Technischen Universität in Garching fortsetzen. „Es war gar nicht leicht, etwas zu finden“, sagt er. Nach einigen Zwischen-Mieten ist er dann durch eine Bekannte auf das Wohnmodell aufmerksam geworden– und ein paar Wochen später bei Hildegard Pflügler eingezogen. Dort wohnt er auf über 30 Quadratmetern im oberen Stockwerk ihres Hauses, in dem sie seit den 1970er-Jahren lebt. Er hat eine eigene kleine Wohnung, mit eigenem Bad und eigener Küche. Am Anfang gibt es immer ein vierwöchiges Probewohnen. In dieser Zeit können grundsätzlich beide jederzeit kündigen. Doch das kam bei den beiden nicht in Frage – sie waren sich sofort sympathisch. „Da habe ich schon geahnt, dass er mir mal das Leben rettet“, sagt Hildegard Pflügler.

Jamik Okhunov hilft ihr die Woche über, und vor allem samstags. Aber natürlich treffen sie auch individuelle Absprachen, zum Beispiel, wenn Jamik Prüfungen schreiben muss. Sonst hilft er in der Küche, oder mit dem Computer, er begleitet sie zum Arzt, macht manchmal den Einkauf für sie mit und kümmert sich liebevoll um den Garten. „Den macht er so toll, dass alle immer bewundernd sagen, wie schön der aussieht“, erzählt die alte Dame stolz. Nebenbei arbeitet Jamik Okhunov, um Geld zu verdienen, als Nachhilfelehrer und in der Gastronomie. Trotzdem nimmt er sich genug Zeit für Hildegard Pflügler: „Manchmal kommt er runter, einfach, um zu fragen, wie es mir geht. Er ist schon sehr lieb.“ Und auch Jamik Okhunov freut sich, bei Hildegard Pflügler zu wohnen: „Sie ist wie meine eigene Oma“, sagt er.

Die beiden sind keine reine Zweck-WG, sehen sich auch jenseits der alltäglichen Arbeiten gerne. „Wir führen öfter mal sehr interessante Gespräche, über früher oder ihre Bücher“, sagt der Student. Denn die 88-Jährige ist Buchautorin, hat gerade ihr viertes Buch veröffentlicht – dieses Mal auf Bayerisch. „Ein bisserl Bayerisch bringe ich ihm noch bei“, sagt sie. Beide lachen. Zeit haben sie genug, denn seinen Master möchte Jamik Okhunov auch in München machen.

Hildegard Pflügler findet, „Wohnen für Hilfe“ sei eine wirklich gute Sache: „Man fühlt sich gut versorgt.“ Wie bei anderen Wohnpartnerschaften auch, meldet sich alle drei Monate jemand von „Wohnen für Hilfe“, um nachzufragen, ob alles in Ordnung ist. „Ich möchte andere Menschen in meinem Alter dazu ermuntern, junge Leute bei sich aufzunehmen“, sagt Hildegard Pflügler. Es sei schön, jemanden um sich zu haben: „Ich bin froh, nicht allein zu sein.“ Stephanie Albinger

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