Abschiebung trotz Ausbildung

Flüchtlinge: Verdammt zur Arbeitslosigkeit

Kirchheim/Freising – Khadim Samb spricht sehr gut deutsch. Er steckt mitten in der Ausbildung. Nun soll er abgeschoben werden. Bis zum Abschiebetermin darf er nicht mehr arbeiten. Genauso geht es Malick Niang. Was noch hinzukommt: Beide Senegalesen dürfen gar nicht ausreisen.

Wegen ihm haben sie vom Leben geträumt. Einige Bewohner der Flüchtlingsunterkunft in Kirchheim, Kreis München, bewunderten Khadim Samb. Keine zwei Monate ist das her. Der 28-Jährige war für sie ein Vorbild. Sie eiferten ihm nach. Dass er nächtelang Deutsch büffelte und eine eine Ausbildung zum Orthopädietechnik-Mechaniker machen konnte, spornte sie an. Sie vertrauten wegen Khadim Samb auf das Leistungsprinzip: Wer sich anstrengt, wird belohnt und nicht abgeschoben, haben sie gedacht. Nun hat man ihre Hoffnung zerstört.

Khadim Samb ist ein senegalesischer Flüchtling. Bis vor Kurzem hat er als Auszubildender in einem Freisinger Sanitätshaus gearbeitet. Nun soll er abgeschoben werden. Aber er kann nicht abgeschoben werden. Er kam ohne Pass nach Deutschland. Die senegalesische Botschaft weigert sich, ihm Papiere auszustellen. Die Begründung: Nur wer freiwillig zurück in den Senegal will, bekommt Reisedokumente. Oder anders gesagt: Wer abgeschoben werden soll, muss bleiben.

Khadim Samb sitzt in einem Bürokratie-Gefängnis – und er ist nicht der einzige. Laut Landratsamt München soll die Ausländerbehörde Flüchtlingen aus sicheren Herkunftsländern – und dazu zählt der Senegal – keine Ausbildungs- und Arbeitserlaubnis gewähren. Bereits erteilte Genehmigungen sollen nicht verlängert werden. Grundlage sei das Asylgesetz.

Das trifft auch den Senegalesen Malick Niang, 39, der bei Vogler GmbH angestellt ist, einem Import-Export-Unternehmen aus Aschheim. Der Fachlagerist-Lehrling lebt wie Samb in der Kirchheimer Unterkunft. Er hat eine Tochter, die in Deutschland geboren wurde. Seine Arbeitserlaubnis erlischt im September, genau dann, wenn sein zweites Lehrjahr beginnen würde. Sein Chef Stephan Vogler ist daher sauer auf die „Symbolpolitik, die nur die Stammtische zufrieden stellen soll“, wie er sagt. „Wenn das schiefgeht, überlege ich mir das in Zukunft zweimal, ob ich einen Flüchtling einstelle.“ Er will nun eine Petition starten, den Landtag einschalten und Ministerpräsident Horst Seehofer einen Brief schreiben.

Hubert Schöffmann, der bei der IHK München und Oberbayern für Ausbildung zuständig ist, sagt: „Daran sieht man, wie groß die Frustration ist.“ (siehe auch das Interview) Die Botschaft in die Unternehmen bedeute, dass jeder meint: Da lass’ ich lieber gleich die Finger davon. „Wenn das alle sagen“, warnt Schöffmann, „haben wir echt ein Problem.“ Denn: „Die Flüchtlinge sind nun mal hier – und wir müssen ihnen eine Perspektive bieten.“

Malick Niang und Khadim Samb haben eine Ausbildung begonnen, als ihr Asylverfahren noch lief. Seitdem haben sie monatlich Lohnsteuer und Beiträge zur Renten-, Arbeitslosen-, Pflege- und Krankenversicherung gezahlt. Khadim Samb hätte bald seine erste Steuererklärung machen können. Doch dann kam der Abschiebebescheid. Seitdem wartet er auf den Moment, in dem ihn jemand in der Unterkunft abholt, zum Flughafen bringt und zurück in den Senegal schickt. „Ich kann nicht verstehen, was gerade passiert“, sagt er. Erst recht nicht Sambs Arbeitgeber, der einen motivierten Azubi verliert und befürchtet, so schnell keinen mehr zu finden.

Auch Brigitte Hartmann und Gerlinde Reichart vom Asyl-Helferkreis Kirchheim sind zornig. Sie haben Kontakte geknüpft, Bewerbungsgespräche terminiert und sich durch einen Behördendschungel gekämpft. In der Unterkunft, wo mehrere Männer in einem Zimmer schlafen, haben sie vier motivierten Bewohnern ein Büro zum Lernen eingerichtet. Und nun das. Das ist einfach frustrierend, sagen sie.

Wann Samb abgeschoben wird, steht noch nicht fest. Arbeiten darf auch er nicht mehr. „Erwerbstätigkeit: nicht gestattet“, steht in einem Papier, das ihn ausweisen soll. Samb versteht dieses Paragrafisch gut. Er hat schließlich Deutsch gelernt – oder besser gesagt: Er hat es sich nächtelang eingehämmert. Wenn andere junge Männer abends ausgingen, paukte er im Flüchtlingsheim Vokabeln und Dativ-Endungen. Sein Sprachniveau liegt bei B1. Das heißt zum Beispiel, dass er fehlerhafte Texte anderer korrigieren kann. In seinem Ausweisdokument ist ein Rechtschreibfehler: „Die Duldugn erlischt bei Bekanntgabe des Abschiebetermins.“

Sambs Arbeitsvertrag zählt nicht mehr. Er darf keine Steuern mehr zahlen, er darf nicht mehr für sich selbst sorgen. Und ausreisen darf er auch nicht. Er ist verdammt zur Arbeitslosigkeit, muss der Gesellschaft zur Last fallen, obwohl er es nicht will. Was darf er überhaupt? „Rumsitzen und Fernsehen“, sagt er. Malick Niang, der bei dem Aschheimer Unternehmen Vogler arbeitet, sagt: „Jeder Mensch hat das Recht zu arbeiten. Warum wir nicht?“

Khadim Samb hat alles gemacht, was die Behörden von ihm verlangt haben. Er hat sich sogar um seine Abschiebung gekümmert. Mitwirkungspflicht nennt man das. Da er ohne Ausweis nach Deutschland gekommen ist, sagte man ihm im Landratsamt München, er müsse nach Berlin zur senegalesischen Botschaft, um sich ein „Laissez-Passer“ zu besorgen – ein Dokument für Personen ohne gültige Reisepapiere. Samb war bei der Botschaft in Berlin, doch ein „Laissez-Passer“ hat er nicht bekommen.

Und jetzt? Er sitzt fest. In Deutschland ist es für ihn wie im Senegal. Er hat keine Hoffnung mehr. Er hat keine Träume mehr. Auch die anderen Bewohner der Flüchtlingsunterkunft sind enttäuscht. Nicht einmal Khadim Samb, ihr Vorbild, hat es geschafft.

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