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Eine Kräuterschnecke bepflanzen Bewohner der Asyl-Unterkunft in Heimstetten mit Thymian, Salbei, Estragon und vielen anderen Pflanzen. Bürgermeister Maximilian Böltl (Mitte) hilft dabei.

Auszeit vom Behördenstress

Gartenprojekt: Flüchtlinge pflanzen Gemüse an

Heimstetten - Die Bewohner der Asyl-Unterkunft an der Räterstraße haben ein Gartenbeet angelegt. Doch das Ganze ist für die Menschen mehr als ein Gartenprojekt.

In einem früheren Leben arbeitete Hussein Kabbah* auf den Feldern vor Sierra Leones Hauptstadt Freetown. Er war Landwirt. Heute kniet der 37-Jährige am Beet vor der Asyl-Unterkunft an der Räterstraße und fährt mit der Hand durch die Erdbeersträucher. Er ist ein Flüchtling. Sein Asylverfahren läuft noch. Aber ist er deshalb kein Landwirt mehr? Hat er sein früheres Leben zurückgelassen, als er Europa über das Mittelmeer erreichte? 

Wer Kabbah dabei beobachtet, wie er die Erdbeer- und Tomatensträucher hegt und pflegt, der sieht, dass dieser Mann mit Pflanzen umgehen kann. Und dass es ihm Spaß macht, einem etwas über Gemüse aus Ostafrika zu erzählen. Er fragt: „Do you wanna see the okra?“

"Das Gartenfieber ist ausgebrochen"

Mit Unterstützung des Asyl-Helferkreises haben 14 Flüchtlinge einen Gemüsegarten vor dem Gebäude angelegt. Sie haben Beete abgesteckt, die Erde umgegraben, Steine gesammelt und Wegbegrenzungen gesetzt. Später haben sie Samen gesät und zum Beispiel Salat, Kohlrabi, Tomaten, Gurken, Zucchini, Paprika oder Auberginen eingepflanzt. „Im Asylbewerberheim an der Räterstraße ist das Gartenfieber ausgebrochen“, schreibt die Gemeinde Kirchheim in einer Pressemitteilung. Doch das, was sie hier geschaffen haben, ist viel mehr als ein Garten.

Auszeit vom Behördenstress

Besucht man die Menschen in ihrem Garten, sieht man Männer, die über die richtige Menge Wasser für Chilischoten diskutieren. Man sieht Frauen, die deshalb über ihre Männer lachen. Und man sieht Kinder, die Sonnenblumen pflanzen, kichern und spielen. Dinge wie das Asylverfahren und schwer zu verstehende deutsche Bürokratie haben gerade Auszeit.

Gartenkunde und Deutschunterricht in einem  

Ahmad Rashid ist 17 Jahre alt. Vor neun Monaten floh er aus Afghanistan nach Deutschland. Eine Arbeit hat er nicht. Er erzählt, morgens und abends beschäftige er sich mit dem Gemüsegarten. Das mache ihm sehr viel Spaß. Dazwischen gehe er zum Deutschunterricht. Vor Kurzem haben die Bewohner der Unterkunft an der Räterstraße mithilfe der Gemeinde eine Kräuterschnecke aufgebaut. Dort wächst Thymian, Salbei, Estragon – alles, was eben so üblich ist in der hiesigen Gemüse- und Kräuterlandschaft. Die Flüchtlinge, die aus den unterschiedlichsten Ländern stammen, kannten nicht jede Pflanze. Im Deutschunterricht haben sie daher eine Vokabelliste mit allen Namen der Gemüsesorten erstellt. Gerlinde Reichart vom Helferkreis sagt: „Das ist ein dauerhaftes Betätigungsfeld, für das die Bewohner in Eigenregie selbstverantwortlich sind.“ Und Kirchheims Bürgermeister Maximilian Böltl sagt, viele dürften teilweise nicht arbeiten, weil sie aus sicheren Herkunftsländern stammen. „So haben sie wenigstens ersatzweise eine sinnvolle Beschäftigung.“

Je nach Nationalität hat jeder sein eigenes Garten-Know-How

In der Unterkunft leben hauptsächlich Familien. Im Gemüsegarten gehört meistens ein Beet einer Familie. Je nach Nationalität hat jeder sei eigenes Garten-Know-How. Was die Bewohner anpflanzen bleibt ihnen selbst überlassen. Die Samen besorgt der Helferkreis. Manches muss im Internet bestellt werden, weil es das im Gartencenter nicht gibt. Wie die Okra-Samen. 

Okra ist eine Gemüsepflanze. Sie sieht aus wie grüne Paprika. Ist aber nicht scharf. Insbesondere im arabischen und afrikanischen Raum wird es verwendet. Beim Kirchheimer Asyl-Helferkreis haben sie extra Samen der Pflanze im Internet bestellt. Hussein Kabbah zieht die Samen in einer Kiste hoch, die er mit Erde befüllt hat. Die Kiste steht geschützt unter einem abgeschlossenen Holzanbau an der Asyl-Unterkunft. Will Kabbah nach den Pflanzen schauen, muss er zuerst einen Security-Mitarbeiter bitten, die Tür am Anbau aufsperren. Die Schoten, die man essen kann, bilden sich etwa nach acht Wochen. Diese will Kabbah ernten und dann, falls das möglich ist, am Markt verkaufen. 

*Alle Namen der Flüchtlinge geändert

rat

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