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"Was tust Du heute?" Mit dieser Frage entlassen die Haarer Schüler ihr Publikum, das direkt in das Theaterstück involviert wird. So wird das Geschehen während des Dritten Reiches für alle unmittelbar und weckt starke Emotionen.

Schüler aus Haar auf "Spurensuche"

Publikum weint bei der Premiere

Haar - Mit einem Theaterprojekt der besonderen Art haben Schüler des Ernst-Mach-Gymnasiums und der Mittelschule in Haar ihr Premierenpublikum berührt. Bei einigen flossen sogar Tränen.

Das Publikum weinte bei der Premiere. Tatsächlich. Bei manch einem kullerten die Tränen überraschend, andere kämpften ab den ersten Minuten mit ihren Gefühlen. Auslöser hierfür waren 35 Schülerinnen und Schüler, die sich vor einigen Monaten auf „Spurensuche“ begeben hatten, zurück in die Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland. Sie waren fündig geworden. Die Gräuel der Nazizeit sind vor die eigene Haustüre, in die Heimat, in die Familie geholt worden.

Doch das Projekt „Spurensuche. Was für ein Mensch willst Du sein?“ der Haarer Theater AG ist mehr als eine Rückschau. Es ist eine Mahnung.

Erwachsene Menschen, darunter einige Zeitzeugen, hatten sich zur Premiere im Ernst-Mach-Gymnasium (EMG) in Haar versammelt. Sie alle waren sich wohl sicher, viel über die Euthanasie, über den Holocaust zu wissen – ein wenig abgeklärt zu sein. Doch wenn dieser Namen und Gesichter bekommt, sich die Geschichte im eigenen Ort abspielt, die Protagonisten vielleicht sogar bekannt sind, dann ist alles ganz anders.

Und Haar ist wahrlich kein unbelecktes Stück Deutschland. Im Gegenteil: Die psychiatrische Klinik, damals Kreisirrenanstalt genannt, war Ort der Vernichtung, der Deportation. Doch nicht nur hier geschah großes Unrecht. Und die „Spurensuche“ der 35 Jugendlichen aus dem EMG und der Haarer Mittelschule war ganz nah dran, erzählte nicht nur von der Zeit, sondern ließ sie das Publikum fühlen. Beinahe erleben.

Dass es ein außergewöhnlicher Abend werden sollte, war bereits angekündigt. Auch noch einmal im Begrüßungsakt vor der Premiere, in dem sowohl Jürgen Partenheimer, Vorstandsvorsitzender der Bürgerstiftung Haar, als auch Schulleiterin Gabriele Langner betonten, wie schwierig und arbeitsaufwändig das Projekt gewesen ist. Und wie unvergleichbar wichtig. Dennoch ahnte keiner der Gäste, was ihn erwartete.

Es gibt keinen festen Zuschauerraum. Das Publikum ist fester Teil der Inszenierung. Es steht wie in einer Arena, flankiert von den Schauspielerinnen und Schauspielern. Es wechselt auf die Tribüne, sitzt auf einfachen Papphockern oder auf dem Boden. Es wird überraschend Opfer willkürlicher Selektion, muss sich in Ecken begeben. Steigt plötzlich wieder aus, wird zum Täter, zeigt mit dem Finger auf andere. Lächelt auf Kommando. Läuft mit – im wahrsten Sinne des Wortes.

Schon in den allerersten Momenten, als die Zuschauer in den Raum geholt werden, spürt man ein Unwohlsein. Zusammengepfercht stehen die Gäste im Halbdunkel, die Jugendlichen – allesamt barfuß – drehen ihnen von der Tribüne aus den Rücken zu. Seile werden gespannt, die Menge kurzfristig geteilt. Ein Gefühl der „Ohnmacht“, des Ausgeliefertsein wird schon ab der ersten Minute geschaffen. Unsichere Blicke werden ausgetauscht. Das Thema wird mit einem Gefühl eingeführt.

Doch auch Zahlen und Fakten werden genannt, die Entwicklung Haars seit der Eiszeit ausgeführt. Namen werden eingestreut, Kinder geboren, deren besondere Lebensgeschichten beginnen. Der harmlose Geschichtsunterricht bekommt spätestens ab der Zeit des Ersten Weltkriegs ein anderes Gesicht. Die immensen Arbeitslosenzahlen werden genannt. Und was Menschen die Gesellschaft kosten, wenn sie nicht produktiv sind. Menschen mit Gebrechen, Behinderungen, Kriminelle. Ebenfalls eine immense Summe. All das ist eine Vorbereitung auf das Jahr 1933. Irgendwann werden dem Publikum Tipps zugezischelt – einer davon: „Halt’s Maul, sonst kommst Du nach Dachau!“. Haars Bürgermeister Pinsel tritt ab. Es kommt der Gmeinwieser – ein Vorzeige-Nazi. Und dazwischen die Geschichten aus der Klinik, mit Namen und familiären Hintergründen. Oder eingestreute Zitate, die die Schüler mit Sicherheit von ihren Groß- oder Urgroßeltern erfragt haben.

Man habe nichts gewusst, wird da immer wieder beteuert. Das Unrecht wird auch von anderen gesehen – aber immer wieder hingenommen. Von der Kirche zum Beispiel. Die Jahreszahlen laufen weiter. Die Kinder sterben in der Klinik. Die Befreiung naht. Die Urteile der Täter werden verlesen. Lächerliche Strafen offenbart. Aber auch die stillen Haarer Helden der Zeit werden genannt. Danach setzt das große Vergessen ein. Doch damit ist noch nicht Schluss. Denn dann kommt er, der Brückenschlag – unvermutet und eindringlich. Die Frage, „was Du gemacht hättest damals“ wird zum „was tust Du heute?“. Heute, da wieder gehetzt wird und Menschen in eine Ecke gestellt werden. Mit dieser Frage wird das Publikum entlassen. Der Applaus ist intensiv, aber nicht euphorisch. Zu groß scheint die Aufgabe, die ihm mitgegeben wurde.

Weitere Aufführungen finden heute, am 29. April und am 3. Mai statt, jeweils um 18 und um 20 Uhr. Eine Reservierung wird empfohlen. Pro Aufführung sind nur etwa 50 Karten zu fünf, ermäßigt drei Euro verfügbar. Kartenwunsch an: theater@emg-haar.de oder unter Telefon 089/43 70 77 70.

Claudia Erl

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