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Bürgermeister Christoph Böck (Bild links, l.) kommt nicht zum Infoabend. Er ist Gastgeber beim Wirtschaftsempfang. Trifft dort Stimmkünstler Martin O.
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Ein großer Komplex ist das Wohnheim an der Feldstraße in Unterschleißheim. 68 psychisch kranke Menschen werden hier betreut.
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Wer zuerst kommt ... findet einen Sitzplatz: Die Veranstalter des Infoabends sind nicht vorbereitet auf den großen Andrang. Nur rund 40 Stühle stehen bereit. Die Mehrzahl der Gekommenen muss stehen – bis in den Vorraum hinaus.

Infoabend zum Wohnheim an der Feldstrasse in Unterschleißheim 

Anwohner fühlen sich allein gelassen

Unterschleißheim - Sie empfinden Unbehagen und Angst. Sie fühlen sich von der Stadt im Stich gelassen: Die Anwohner rund um das Wohnheim für psychisch Kranke an der Feldstraße erleben angespannte Tage. Wie groß die Anspannung ist, zeigt sich bei einem Infoabend.

Viele der Menschen, die an diesem Abend das Haus in der Feldstraße 29 in Unterschleißheim betreten, sind wütend. Nicht erst seit ein paar Tagen. Seit Anfang Oktober schon. Denn damals sind 68 psychisch Kranke in das Wohnheim eingezogen, werden betreut von Mitarbeitern der Stiftung „Regenbogen Wohnen gGmbH“. Patienten, nicht der Forensik, die seelisch so belastet sind, dass sie in der Mehrheit ihren Alltag nicht regeln können, Betreuung brauchen.

Sie sind nicht nur krank. Sie fallen auf, weil sie anders aussehen, weil die jahrelange Einnahme von Psychopharmaka ihr Gesicht verändert hat, ihr Verhalten. Einige schreien, andere pöbeln. Dritte haben das Gefühl für Sitte und Anstand verloren.

Ohne Hose sei ein Mann auf einem der Wohnheim-Balkone gestanden und habe mit seinem Glied gespielt, sagt ein Vater, der mit seiner Familie um die Ecke wohnt. Auf dem Heimweg habe seine 14-jährige Tochter den Mann gesehen und erst Tage später davon erzählt. Für das Kind eine schlimme Szene.

Es mag die bisher unmöglichste Situation gewesen sein, die sich im Wohnheim zugetragen hat. Aber dieser und andere Momente sind es, die verunsichern, verängstigen und die Anwohner hilflos zurücklassen.

„Was soll ich tun“, fragt der Vater die Vertreter der „Regenbogen Wohnen gGmbH“. „Kommen sie auf uns zu. Und rufen sie die Polizei“, antwortet Michael Thiede, der Leiter der Unterschleißheimer Einrichtung.

Thiede, gGmbH-Geschäftsführerin Margot Kainz und Prokuristin Maria Thomaser – sie alle zeigen Verständnis für die Emotionen der Anwohner. Sie bitten um Hinweise über Missstände. Raten, Auffälligkeiten sofort zu reklamieren. Auch die Patienten müssten sich an Regeln halten, lernen, dass nicht alles erlaubt sein kann – auch wenn sie krank sind, sagt Kainz. Nur auf diese Weise könne gelingen, was in anderen Kommunen mit ähnlichen Projekten Realität sei: ein friedliches Miteinander.

Patientin wünscht sich ein gutes Miteinander

„Freundschaft zwischen Ihnen und uns“, wünscht sich eine Patientin, die als Heimbeirätin das Wort ergreift. Sie hält das Mikrofon mit zitternden Händen. Hat Mühe mit der Sprache. Die Gedanken kippen ihr weg. Schließlich bricht sie ab. Doch die Stimmung im Saal scheint sich zu ändern. Das Tuscheln abfälliger Bemerkungen hier und da findet ein Ende.

Und dann wird deutlich, etwas ist viel größer als die Angst vor dem unkalkulierbaren Verhalten der Kranken. Es ist die Wut auf die Stadt. Dass jetzt nur rund 40 Stühle bereit stehen für die etwa 150 Gekommenen, macht die Sache nicht besser. Die Zuhörer stehen bis in den Vorraum hinaus. Enttäuscht von den Vertretern der Stadt, die ihre Sorgen augenfällig gering schätzen, nicht einmal für ausreichend Sitzgelegenheiten sorgen. Wer gekommen ist, ist der Zweite Bürgermeister, Stefan Krimmer (CSU). Bürgermeister Christoph Böck (SPD) fehlt. Mit höhnischem Gelächter reagieren viele auf den Hinweis von Thomas Stockerl. Der persönliche Referent Böcks teilt mit, dass der Bürgermeister verhindert sei. Er ist beim Wirtschaftsempfang. „Wir hätten den Infoabend ins nächste Jahr verschieben müssen“, sagt Stockerl. Wieder ein Baustein im Bild der Zuhörer.

Sie fühlen sich im Stich gelassen. Sie seien unzureichend informiert worden über Sinn und Zweck des Baus. Einer bringt die Stimmung auf den Punkt: „Der Stadtrat hat uns beschissen und betrogen.“ Betreutes Wohnen für Senioren auf drei Stockwerken habe man erfahren, heißt es. Nie sei die Rede gewesen von einem fünfstöckigen Gebäude, in dem seelisch Kranke leben – und in dessen Erdgeschoss demnächst zudem 19 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge im Alter zwischen 16 und 21 von der „Condrobs“ betreut werden.

Stockerl versucht, zu besänftigen. Der Träger, der „Paritätische Wohlfahrtsverband“, habe das Nutzungskonzept geändert. Das habe nicht in der Hand des Stadtrats gelegen. Dessen Aufgabe sei es gewesen, den Bebauungsplan aufzustellen. Und der sehe „Betreutes Wohnen“ vor – unabhängig davon, wer betreut werde, sagt er.

Am Ende bleibt Unmut. Aber auch die Hoffnung auf einen Tag der offenen Tür oder ein Fest im Wohnheim, bei dem man sich gegenseitig kennenlernen kann. Außerdem soll es erneut einen Infoabend geben – diesmal mit ausreichend vielen Stühlen.

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