+
Familienangehörige von Dijamant Zabergja bei dessen Gedenkfeier in Oberschleißheim

Drei Monate nach dem Amoklauf von München

Gedenkfeier für Opfer des Amoklaufs: Kein Ende der Trauer

Oberschleißheim - Drei Monate sind seit dem Amoklauf in München vergangen. Doch die Angehörigen der Opfer trauern freilich noch immer. Bei Dijamant Zabergjas Gedenkfeier in Oberschleißheim.

Es geht noch nicht. Margareta Zabergja hat eine Rede geschrieben, doch sie kann nicht sprechen. Nicht hier in der Kirche in Oberschleißheim vor all den Leuten, die Kerzen angezündet haben. Nicht jetzt an diesem Freitagabend, genau drei Monate, nachdem David S. ihren kleinen Bruder Dimo erschoss. 

Also schreitet ihre Cousine nach vorne zum Altar und liest Margarata Zabergjas Rede vor: Sie sagt, die Familie war so stolz auf Dimo, weil er am 14. Juli seine Ausbildung zum Lageristen beendet hatte. Sie erzählt, dass er im Sommer verreisen wollte und fest vorhatte, mit 25 Jahren zu heiraten und mindestens drei Kinder zu zeugen. „Wir vermissen dich. Es ist eine innerliche Qual. Der einzige Trost ist die Hoffnung, dass wir uns irgendwann wieder sehen.“ 

Die Kunden kaufen wieder im OEZ ein, doch die Angehörigen trauern noch immer

Dijamant Zabergja, den alle Dimo nannten, ist tot seit 91 Tagen. Der Oberschleißheimer wäre heute 21 Jahre alt. Er und acht andere junge Menschen wurden am 22. Juli von einem Amok-Schützen vor dem Olympia Einkaufszentrum in München ermordet. 70 Menschen sind zur Gedenkfeier für Dimo in Maria Patrona Bavariae gekommen, zu der das Planet O, die Gemeinde und die Pfarrverbände bewusst genau drei Monate nach dem Amoklauf geladen haben. Darunter Freunde, Bekannte und Familienangehörige. In der ersten Reihe sitzen Dimos Eltern, Geschwister und Verwandte. Sie liegen sich gegenseitig in den Armen und weinen. 

Die Stadt hat das, was am Freitag, 22. Juli, als Amok-Nacht von München in die Geschichte einging, irgendwie und so gut es geht, verdaut. Längst ist wieder Alltag eingekehrt: Kunden kaufen wieder in den Läden am OEZ, wo David S. zehnmal tötete. An den Schulen der Erschossenen findet normaler Unterricht statt. Vielleicht hat Bob Dylan vor diesem Hintergrund Recht und „The Times They Are A-Changing“. Doch die Angehörigen der Opfer brauchen noch viel mehr Zeit, um den Schmerz zu verarbeiten. Sie trauern freilich noch immer und auch nach drei Monaten ist kein Ende in Sicht. Margareta Zabergja schreibt in ihrer Rede über den Tod ihres Bruders: „Es gibt keinen Moment, an dem wir nicht an dich denken. Es ist eine Tatsache, mit der wir zu kämpfen haben. Nichts wird wieder so sein wie vorher.“ 

Der Pfarrer sagt: "Der Amoklauf rüttelt immer noch wach."

Bei der Gedenkfeier legen die Anwesenden Kerzen für Dimo ab.

Draußen vor der Kirche ist es an diesem Abend im Herbst so dunkel geworden, dass man kaum noch was sieht. Drinnen flackert das Licht der Kerzen. Ein Bild von Dimo steht vor dem Altar auf einem kleinen Tisch. Darauf liegt eine weiße Rose. Drei Kerzen brennen. Die Anwesenden reihen sich auf. Nacheinander entzündet jeder ein Teelicht und stellt es vor dem Tisch auf den Boden. Dimos Mutter fotografiert das Kerzenmeer mit dem Smartphone. Später steht sie auf, um selbst ein Licht zu entzünden. Dabei weicht sie nicht von der Seite ihres Mannes. Mit beiden Händen hält sie seinen Arm fest. Pfarrer Ulrich Kampe sagt, der Amoklauf rüttle immer noch wach. „Was wir tun können, ist für einander da zu sein und Licht zu schenken in der dunklen Welt.“ 

Deniz Dadli, der Leiter des Planet O, kämpft mit den Tränen, als er vor der Familie spricht. Er kannte Dimo persönlich, der sich öfter in der Jugendfreizeitstätte aufhielt. Er beschreibt ihn als „lebensfroh“ und „immer aktiv“. Dadli liest bei der Gedenkfeier aus dem Koran: Sure 31, Vers 34: „Allah allein besitzt das Wissen über die Stunde. Niemand weiß, was er morgen erwerben wird und niemand weiß, in welchem Land er sterben wird.“ Später wird er sagen, warum geht es immer, wenn so etwas passiert, darum, welcher Religion und Nationalität Opfer und Täter angehören. Nur wenige Stunden nach den Schüssen in München, als niemand wusste, was genau passiert war, hatte ein AfD-Sprecher getwittert, dass die Einwanderungspolitik daran Schuld sei. Dadli versteht das nicht. Er sagt: „Wir sind doch alle Menschen.“ 

Christian Kuchlbauer: "Die Welt ist auch in Oberschleißheim nicht mehr so, wie sie war."

Auch Bürgermeister Christian Kuchlbauer tut sich schwer, Worte zu finden. Er hat Dimos Familie, die in Lustheim lebt, einen Tag nach dem Amoklauf besucht. Die Anteilnahme der Oberschleißheimer war riesig. Vor dem Haus der Familie legten viele Menschen Kerzen und Blumen ab. Es wurden Spenden gesammelt für Dimos Überführung in den Kosovo, wo er nach islamischen Ritus bestattet wurde. Damals hatte Kuchlbauer schon angekündigt, dass es eine Gedenkfeier geben werde. Jetzt sagt er, die Welt werde zumindest gefühlt immer unsicherer. „Seit dem 22. Juli ist die Welt auch für Oberschleißheim nicht mehr so, wie sie immer war.“ Was passiert sei, sei immer noch unbegreiflich. Aber man habe gesehen, dass Oberschleißheim zusammenhalte. „Menschlichkeit und Solidarität sind bei uns nicht nur Worte. Wir unterstützen und helfen uns gegenseitig, egal welche Nationalität wir haben.“ 

An diese Abend fotografieren viele mit ihren Smartphones die Kerzen unter Dimos Bild. Später fragt man Dimos Vater Naim Zabergja, ob man ein Foto von ihm machen dürfe. Er bejaht, möchte aber, dass die ganze Familie aufs Bild kommt. Also stellen sie sich alle zusammen vor dem Altar, wo der kleine Tisch mit Dimos Bild und den Kerzen steht. Kuchlbauer sagt: „Möge dieses Andenken dazu beitragen, dass wir noch enger zusammenwachsen.“ Dijamant werde immer mit dem Ort verbunden bleiben. 

"Dimo würde sich freuen"

Am Ende von Margareta Zabergjas Rede, welche die Cousine an diesem Abend vorliest, geht es um den Schloßpark in Oberschleißheim. Dimo ist dort gerne spazieren gegangen. Die Cousine redet die Oberschleißheimer nun direkt an. Es sind Margareta Zabergjas Worte: Wenn sie durch den Schloßpark gehen, sagt sie, „dann erinnern Sie sich an Dimo. Er würde sich freuen.“

rat

Auch interessant

<center>Süße Weihnachtsbäckerei</center>

Süße Weihnachtsbäckerei

Süße Weihnachtsbäckerei
<center>Woaßt du ibahapts, wia gern dass i di mog?</center>

Woaßt du ibahapts, wia gern dass i di mog?

Woaßt du ibahapts, wia gern dass i di mog?
<center>Hirschkuss Vogelgezwitscher</center>

Hirschkuss Vogelgezwitscher

Hirschkuss Vogelgezwitscher
<center>Oberbaierischer Fest-Täg- und Alte-Bräuch-Kalender 2017</center>

Oberbaierischer Fest-Täg- und Alte-Bräuch-Kalender 2017

Oberbaierischer Fest-Täg- und Alte-Bräuch-Kalender 2017

Meistgelesene Artikel

Pkw-Fahrer in Unterschleißheim schwer verletzt

Unterschleißheim - Schwer verletzt wurde am Donnerstag gegen 14.30 Uhr der Fahrer eines Kastenwagens in Unterschleißheim von der Feuerwehr geborgen. Aus bislang …
Pkw-Fahrer in Unterschleißheim schwer verletzt

Eher Scheune als Gotteshaus

In diesem Jahr ist es 50 Jahre her, dass in der Parksiedlung ein Gotteshaus entstand, das heute als „Notkirche“ bekannt ist. 
Eher Scheune als Gotteshaus

Modellbahnclub fasziniert alle Altersgruppen

Unterschleißheim – Die faszinierende Welt der kleinen Eisenbahnen eröffnete sich den Besuchern im Bürgerhaus in Unterschleißheim. Unter dem Motto „Fahren Sie mit uns zum …
Modellbahnclub fasziniert alle Altersgruppen

Ein Gefühl von Geborgenheit

Elisabeth Rehm, bekannte BR-Moderatorin, ist zu Gast in Oberschleißheim. Und sorgt mit ihrer Liebe zur Volksmusik und mit nachdenklichen Texten für eine besondere …
Ein Gefühl von Geborgenheit

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken, um Missbrauch zu vermeiden.

Die Redaktion